Zurück zum Content

Jo Stenuit, Chefdesigner Mazda Europe

«Wir beginnen immer im leeren Raum»

Selbstverständlich umgeben sich Designer gerne mit schönen Dingen. Jo Stenuit, geboren 1968, predigt zwar gern den leeren Raum, Ma im Japanischen, doch es gibt in seinem Haus in der Nähe von Frankfurt auch ganze Wände voller (nicht nur) japanischer Keramiken. «Manchmal kann ich halt nicht widerstehen», sagt der Belgier lächelnd, «jeder hat so seine Schwächen». Er sammelt auch Objekte von Dieter Rams; ein paar Modellautos stehen auch rum. Und in der Garage ein Datsun 240Z. Stenuit studierte Produktdesign in Antwerpen, dann Fahrzeugdesign am Royal College of Art in London. Seinen ersten Job hatte er bei Philips, dann ging es weiter zu Volvo und Opel. Bei Mazda arbeitet Stenuit seit 1998, seit 2018 ist er Design Direktor bei Mazda Motor Europe in Oberursel bei Frankfurt. Sein Deutsch ist längst akzentfrei, doch seine wahre Liebe gilt Japan: Viel, sehr viel der japanischen Lebensphilosophie hat Jo Stenuit in den vergangenen bald 30 Jahren verinnerlicht, er ist sehr ruhig, ausgeglichen, höflich, respektvoll. Er schwätzt die vielen japanischen Begriffe nicht einfach einher, er kann sie alle mit Inhalt füllen, erklären, ob es nun um Architektur, Kunst oder das Essen geht. Und beim Mazda-Design sowieso.

radical: Sie haben nun in ihrer langen Zeit bei Mazda schon einige Design-Richtungen miterlebt, Tokimeki, Nagare, jetzt Kodo. Was ist der Unterschied zu früher?

Jo Stenuit: Obwohl sie sich in ihrer Ausführung sicherlich unterscheiden, war das zugrundeliegende Ziel immer das Gleiche: zum Ausdruck zu bringen, dass wir Fahrzeuge ausliefern, die Fahrspass bieten. Die grösste Änderung in den letzten 15 Jahren ist, dass das Mazda-Design immer mehr nach künstlerischen und hochwertigen Ausdrucksformen strebt. In der reinsten Form bedeutet das, dass wir zu den Grundlagen eines guten Automobildesigns zurückgekehrt sind.

radical: Was ist an der Kodo-Designsprache besonders?

Stenuit: Ein wesentlicher Faktor ist die Liebe zum Detail. In der zweiten Phase des Kodo-Designs geht es jetzt um Reinheit und darum, mit möglichst wenigen Elementen ein emotionales Design zu entwerfen. Das funktioniert nur, wenn diese wenigen Elemente auf höchstem Niveau verarbeitet sind. Beim Aussendesign verbringen wir viel Zeit damit, alle Elemente in ein Gleichgewicht zu bringen und sicherzustellen, dass die Reflexionen auf den Fahrzeugen aufregend und so perfekt wie möglich sind. Innen stellen wir sicher, dass das Erlebnis für unsere Kunden immer einladend und positiv ist, wenn sie zum ersten Mal ins Auto steigen, genauso wie in den Jahren danach. Dazu gestalten wir die gesamte Innenarchitektur präzise, beschränken die Anzahl der Designelemente und verfeinern unsere Materialien bis zur Perfektion. Es ist dies alles die logische Folge unseres Strebens nach einer einzigartigen Produkt- und Markenerfahrung. In einer Welt, die sich immer schneller dreht und in der sich Designtrends ständig ändern, bietet Mazda eine zeitlose, durchdachte und qualitativ hochwertige Lösung. Schönheit funktioniert nur dann, wenn sie mit Leidenschaft, Liebe zu Detail und einem hohen Mass an Demut und Zuversicht erschaffen wird.

radical: Wie kommt man als Designer auf neue Ideen?

Stenuit: Wir beginnen immer im leeren Raum,  mit einem weissen Stück Papier. Darauf kommen schnell die erste Ideen, basierend auf den täglichen Wahrnehmungen der Designer. Natürlich fliessen da auch die Markt- und Technologieinformation, die wir von anderen Abteilungen bekommen, mit ein. Als die ersten E-Autos auf den Markt kamen, sahen sie sehr futuristisch aus, weil man zeigen wollte: Hier ist alles neu! Heute muss es nicht mehr schocken, sondern wird normal und normaler. Bei Mazda sind wir solch kurzlebigen Trends nie gefolgt. Geprägt wird das Mazda-Design von drei Grundbestandteilen, die im Japanischen bekannt sind als Yohaku oder Ma (die Schönheit des leeren Raums), Sori (ausgewogene Kurven) und Utsuroi (das Zusammenspiel von Licht und Schatten). Wenn wir uns gedanklich in diesem Rahmen bewegen, dann verfügen wir über ein ausgezeichnetes Fundament.

radical: Bietet das E-Auto auch neue Designmöglichkeiten?

Stenuit: Die E-Mobilität verändert den Aufbau eines Autos. Der Kühler ist zurzeit noch vorn, das wird sich aber sichtlich ändern. Ein Kühler gab dem Auto ein Gesicht, davon kann man nun weg. Jetzt gibt es Motoren, die ins Rad integriert werden, demnach hat man dann vorn leeren Raum, den man frei und neu gestalten kann, z.B. mit Glas. So sieht jeder von aussen, dass es ein E-Auto ist. Ansonsten ist der Beginn eines Autodesigns gleich – egal ob Elektro oder Benziner oder Diesel –, da es immer darum geht, sich zu fragen: Was brauchen die Menschen in diesem Auto? Das ist unsere Aufgabe. Das Meiste passiert eher im Innenraum. Das Gefühl in einem E-Auto ist ein anderes, man fährt es anders. Der Mazda MX-30 ist eine komplett andere Welt als z.B. der Mazda3, bei dem der Fahrer weiterhin absolut im Fokus steht. Das spiegelt sich auch im Innenraum wider. Das Interieur des neuen Mazda 6e ist sehr viel ruhiger, entspannter und ausgewogener, der Innenraum wirkt zurückhaltender, achtsamer und freier. Als Verlängerung des Wohnzimmers. Und ganz wichtig: Keine Effekthascherei, sondern Substanz.

radical: Wie erschaffen Sie dieses Gefühl?

Stenuit: Auch hier beginnt es mit einem leeren Raum. Dann schauen wir, was wirklich gebraucht wird, dass es nicht zu viel wird. Wir bleiben sehr reduziert. Andere Marken versuchen oft, so viel wie möglich unterzubringen, wir von Mazda fahren den anderen Kurs. Viel macht unruhig und überfordert die Menschen nur, zudem gibt es häufig ein Überangebot an Funktionen, die dann eh nicht genutzt werden. Ein weiterer Punkt ist der, dass die Menschen recht langsam lernen, sie brauchen viel länger als die Entwicklung und passen sich Neuem nicht so schnell an. Daher braucht es oft gar nicht so viele neue Dinge in einem Auto. Für uns steht noch immer der Spass am Fahren an erster Stelle, auch beim Elektroauto. Sehen Sie, manche Autos sieht man von aussen und denkt sich «Wow». Aber sobald man die Tür öffnet, macht sich Enttäuschung breit. Uns ist hingegen wichtig, dass sich die Menschen in jeder Phase gut fühlen, sich mit dem Fahrzeug verbunden fühlen, es ein Teil ihres Lebens wird.

radical: Was könnten andere Designer von Mazda lernen?

Stenuit: Man sollte nicht nach links und rechts schauen, nur um es jemandem recht zu machen. Man sollte selbstbewusst in dem sein, was man tut. Und man sollte es mit Liebe und Leidenschaft machen, damit es richtig gut wird.

Mehr Mazda haben wir in unserem Archiv, hier gibt es noch den Fahrbericht zum neuen Mazda6e.

Gib als erster einen Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert