Die böse Überraschung
Mein Vater besass damals, Mitte der 70er Jahre, einen orangen BMW 2002 tii touring. Weil er gut und gerne angaste, gehörte er (mit mir – unangegurtet – auf der Rückbank) definitiv zu den flotteren Jungs auf der Gasse, wir hatten da unsere kleine Bergstrecke im Zürcher Oberland, auf der er es gerne fliegen liess. Eines Samstags, ich kann mich noch gut erinnern, machten wir nach dem Einkaufen noch diesen kleinen Umweg – und plötzlich, aus dem Nichts, kam von hinten ein anderer 2002. Das war nicht bloss unvorstellbar, es war auch unerhört, Heimstrecke, gleiches Auto, mein Vater war etwas verwirrt. Ich entzifferte für ihn, was auf dem Frontspoiler stand: turbo. Da war er etwas erleichtert, setzte den Blinker, damit das weisse Gefährt überholen konnte, bedeutete ihm aber gleichzeitig mit der Hand, dass er doch anhalten solle bei nächster Gelegenheit, er wolle den Wagen genauer anschauen. So kam es, die beiden Herren standen dann etwa eine Stunde um den BMW 2002 turbo rum, fachsimpelten, Motorhauben wurden geöffnet, sie krochen unter den Wagen, mir wurd’ etwas öd. (Viele Jahre später besass ich auch einen BMW 2002 tii touring, in Weiss. Leider habe ich ihn dann wieder verkauft.)

Gut, die 02-Serie von BMW, eingeführt 1966 unterhalb der «Neuen Klasse» und gebaut bis 1977. Entworfen von Georg Bertram und Manfred Rennen, 4,22 Meter kurz (beim Touring waren es noch 11 Zentimeter weniger), knapp 1,60 Meter breit. Anfangs gab es nur den 1600-2 (die 2 war den nur zwei Türen geschuldet, die offizielle Bezeichnung des Typ 114 hiess tatsächlich 1600), doch das war schon richtig gut, auch im Vergleich zur «Neuen Klasse», BMW hob sich mit 85 PS fahrdynamisch fast auf das Niveau der damals noch unschlagbaren Alfa Romeo. Ab 1967 gab es dann den 1600 ti mit 105 PS, ab 1968 den 2002 (E10) mit 100 PS, kurz darauf den 2002 ti mit 120 PS, ab Mai 1971 den 2002 tii mit Kugelfischer-Einspritzung und 130 PS; gleichzeitig wurde auch der Touring eingeführt. Der war kein Erfolg, bis im Sommer 1974 wurden nur gerade 25’867 Exemplare verkauft. Die 02-Serie rettete BMW aber wieder aus der Misere, insgesamt wurden über 861’000 Stück gebaut.

Was die BMW-Ingenieure genau trieb, dem 2-Liter-Vierzylinder (M10) noch einen Turbolader von Kühnle, Kopp und Kausch (KKK) aufzusetzen, das ist heute etwas unerklärlich. Der 2002 tii hatte in Deutschland keine Gegner. Aber wahrscheinlich ging es darum, die Erfahrungen mit dem Turbo, der Dieter Quester 1969 auf einem 2002 zum Tourenwagen-Europameister gemacht hatte, auch auf die Strasse zu bringen. Und vielleicht wollte man auch einfach Porsche eins auwischen, die Weissach bastelten sie schon ewig an der Aufladung rum, der BMW 2002 turbo (E20) war im Herbst des erste in Serie hergestellte Fahrzeug mit Turbo-Motor, Porsche kam dann erst ein halbes Jahr später. Wobei Serie ein grosses Wort ist für den BMW: Zwischen September 1973 und November 1974 wurden vom ausschliesslich in Polaris-Siber-Metallic und Chamonix-Weiss hergestellten 02er gerade einmal 1672 Exemplare hergestellt. Die erste Ölkrise stand dem bösen BMW im Weg.

Und böse war er wirklich: 170 PS und ein maximales Drehmoment von 240 Nm bei 4000/min, das reichte bei einem Gewicht von 1080 Kilo für den Sprint von 0 auf 100 km/h in 7 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 211 km/h. Damit war der 2002 turbo nicht nur auf dem Papier schneller als ein Porsche 911 S. Er hatte aber auch ein paar ernsthafte Probleme, etwa sehr groben Durst. Und eine nicht wirklich ausgereifte Turbo-Technik: Es gab keine Wastegates, deshalb neigte der Turbolader schnell zur Überhitzung. Und weil der Lader sehr gross sein musste (weil eben die Wastegates fehlten), gab es ein Turboloch, in dem man einen Lastwagen parkieren konnte. Unterhalb 3500/min war der E20 langsamer als ein 1602, wenn der Turbo dann einsetzte, knallte er ziemlich unkontrollierbar nach vorn. Noch so manch ein 2002 turbo endete unrühmlich. Ach ja: Der spiegelverkehrte Turbo-Schriftzug wurde nicht ab Werk angebracht. Der Kunde erhielt die Kleber und musste sie dann selber aufkleben. Ab Werk gab es immerhin innenbelüftete Scheibenbremsen vorne und grössere Trommelbremsen hinten.



Dass wir diese kleine Erinnerung teilen, hat damit zu tun, dass am 29.12.2025 bei der Auktion der Oldtimer Galerie Toffen in Gstaad ein solcher BMW 2002 turbo unter den Hammer kommt. Zum Zustand und zum Preis wissen wir (noch) nichts zu vermelden. Mehr spannende Automobile haben wir in unserem Archiv.


Er pfeift, der 02.
Seltsamerweise, auch wenn er von hinten kommt auf der Autobahn.
Dann pfeift es stärker, wenn er neben einem ist und dann ist er weg.
Damals jedenfalls, die Dinger waren wirklich schnell und wurden auch so gefahren.
Der Turbo sah irgendwie ein bissel nach Bastelbude aus, mit den ganzen offen angeschraubten Teilen. Aber „Turbo“ hatte seinerzeit schon einen Klang, das war was.
Wenn es bei uns in der Grundschule „rundging“ dann wegen 1860 München gegen FC Bayern und BMW 02 gegen Porsche. Wobei uns damals der 911 so als „alte, reiche Leute Auto“ und der 02 als das Auto erschien, das wir uns einst leisten werden können. Bis es soweit war, gabs leider keinen 02er mehr als Neuwagen. Die 3er haben mich irgendwie nie „berührt“.
Alledings rosteten die Dinger auch heftig und mein ehemaliger Nachbar hat in jahrelanger Arbeit einen 02-Tourig der 1. Serie (runde Rückleuchten) aufgebaut. Der ging auch mit serienmäßigen 1600er-Motor sehr ordetlich, weil er eben nicht so adipös ist. Zu seinen Lebzeiten hatte es der Tourig schwer weil die Kunden mit der Heckklappe „fremdelten“. Erst bei der 2. 3er-Reihe gabs dann wieder einen Touring (Kombi).
Heute wird, vor allem von VW-Anhängern, immer so getan, als sei der Golf das Mass aller Dinge, aber Alfasud und 02er-Touring sind in meinen Augen die wesentlich begehrenswerteren Autos.
Gebraucht wohl auch nicht viele, da der Turbo-Kick viele in den Graben beförderte.