Weit voraus
Tatra, als Firma gegründet 1850 und seit 1920 auch als Bezeichnung für Automobile verwendet, ging erst 2013 bankrott. In den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts aber war das tschechische Unternehmen mit Sitz in Koprivnice ganz vorne mit dabei, gehörte zu den fortschrittlichsten Herstellern der Welt. 1931 konstruierte der grosse Hans Ledwinka den V-570 mit einer wunderschönen, stromlinienförmigen Karosserie und einem luftgekühlten Zweizylinder-Boxer-Motor im Heck; sein lieber Freund Ferdinand Porsche schaute damals sehr genau hin. Der V-570 wurde nicht gebaut, aber dafür ging der Typ 77 ab 1934 in Serie, wieder mit stromlinienförmiger Karosse, diesmal aber mit einem luftgekühlten V8 mit obenliegenden Nockenwellen sowie 3 Liter Hubraum im Heck. Es war dies, zusammen mit dem weiter verbesserten Typ 87, der rund eine halb Tonne weniger wog, eines der geschichtlich wichtigsten Vorkriegsfahrzeuge überhaupt.

Der 77 war sicher das erste Fahrzeug, das je in einem Windkanal getestet wurde. Der Entwurf dafür stammte von Erich Übelacker, der sich an den Versuchen des ungarischen Aerodynamikers Paul Jaray orientierte. Das Fahrzeug, das 1934 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, kam auf einen Luftwiderstandsbeiwert von 0,33. 101 Stück wurden gebaut – vom Typ 77A, der am in der Mitte angeordneten Scheinwerfer zu erkennen ist, kamen dann noch einmal 154 Exemplare dazu.
Dafür war der ab 1937 gebaute Typ 87 aber dann fast schon ein kommerzieller Erfolg: bis 1950 wurden immerhin 3023 Stück produziert. Es war ein grossartiger Wagen, angetrieben von einem 3-Liter-V8, dessen Block aus Elektron, einer extrem leichten Magnesiumlegierung, hergestellt war, der 75 PS leistete bei 3500/min. Geschaltet wurde über vier Gänge manuell, die Höchstgeschwindigkeit lag bei damals sensationellen 165 km/h. Nicht so schlecht für ein Fahrzeug, das sechs Personen komfortabel befördern konnte – und trotz einer Länge von stattlichen 4,74 Metern nur 1370 Kilo wog. John Steinbeck fuhr einen Tatra 87, damals, Jay Leno besitzt einen, heute.
2013 wurde ein wunderbarer Tatra 87 in den Vereinigten Staaten für stolze 280’500 Dollar versteigert. Kurz darauf kam wieder ein Typ 87 unter den Hammer, es wurden «nur» 115’000 Euro erreicht; mittlerweile herrscht die grosse Stille auf dem Markt. Doch für Liebhaber wirklich aussergewöhnlicher Fahrzeug dürfte so ein Tatra das i-Tüpfelchen in der Sammlung sein, zumal er tatsächlich so etwas wie Fahrfreude bietet – und nicht nur auf der Autobahn eine gute Figur macht.
In der so wunderbaren Elkhart-Sammlung, die von RM Sotheby’s am 1./2. Mai 2020 online versteigert werden wird, steht auch ein so ein Tatra T87, Jahrgang 1948. Es gibt keinen Schätzpreis, alle Fahrzeuge kommen als «no reserve» unter den Hammer.
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Chassis-Nummer: 50027
Auktion: Bring A Trailer, verkauft für 302’500 Euro (September 2025), mit diesen Informationen: «This 1941 Tatra T87 is one of approximately 3,050 examples built between 1936 and 1950 and was delivered new in Prague, Czechoslovakia, on November 7, 1941. Following the conclusion of World War II, the car is said to have been left in Lithuania, where it was later discovered in a barn before undergoing a multiyear refurbishment by Ecorra in Kopřivnice, Czechia, that was completed in 2024.»
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Mehr Exoten haben wir in unserem Archiv. Auch empfehlenswert: Die Aussergewöhnlichen.


Immer wenn uns für den Wandertag in der Schule nichts einfiel, „mussten“ wir ins Deutsche Museum nach München.
Dort im Verkehrszentrum steht einer und das war immer mein Highlight beim Besuch.
Den Nachfolger 603 und 613 konnte ich oft noch in den „neuen Bundesländern“ bestaunen, als die Bundeländer wirklich nagelneu aber total abgewirtschaftet waren.
In den Ostblockstatten waren das die Autos der dortigen „Parteibonzen“ oder deren „Beschützer“.
Tolle Fahrzeuge vom Konzept und mit V8 luftgekühlt in einer ganz anderen Liga wie der Käfer. Eher so wie sich Preston Tucker sein Auto vorstellte. Gewicht, Cw-Wert und Bauweise sind schon toll.
Eines der ganz besonderen, fast mythischen Automobile, Symbol der Modernität der Tschechen vor dem zweiten Weltkrieg – man denke an die exzellente moderne Architektur dort in den zwanziger Jahren, die Literatur, die Musik.
Ich habe den Silberfisch immer verehrt, seit ich als kleiner Junge ein blaues Wiking-Modellauto des T87 geschenkt bekommen hatte, später, in den achtziger Jahren, gab es dann einen grandiosen Artikel in der Österreichischen auto revue mit Photos von Peter Kumpa, wie sehr muß man sich als Avantgarde gefühlt haben, wenn man in einer Oktobernacht nach einer Lesung von Karel Čapek in solch einem Wagen durch das regennasse Prag zurück in seine Bauhaus-Villa nach Brünn fuhr, natürlich in einem Anzug aus dem von Adolf Loos’ Mitarbeiter Heinrich Kulka entworfenen Schneider Ateliers Knize in Prag…
Nur sehr wenige Autos haben eine derart mythische Aura wie diese Tatras, vielleicht noch die frühen Facel Vegas, die Villa d‘Este-Alfas, ein bißchen der Tucker, aber eigentlich war das eine zu schräge Geschichte…
Und selbst die Nachkriegs-Tatras hatten noch eine faszinierende Aura, sie waren, ebenso wie die Tschechische Architektur dieser Zeit, Leuchttürme der Exzellenz im grauen Ostblock-Einerlei.
Ich erinnere mich gut, wie Karl von Schwarzenberg damals als Kanzler unter Václav Havel in seinem Jaguar durch Prag fuhr und zu mir sagte: „Eigentlich müßt‘ man hier so an oiden, sülbernen Tatra foahrn, dös tät gut passen!“…