Vollausstattung
Vor vielen, vielen Jahren besuchte ich einmal einen Wein-Kurs von Stuart Pigott. Das war wirklich spannend, ich lernte dort noch so manches (obwohl ich mich vorher schon für einen Auskenner hielt), doch die wichtigste Lektion war unfassbar simpel: Mag ich den Wein – oder nicht? Wenn ich ihn mag, dann ist er gut. Sonst nicht. Und eigentlich geht es beim Automobil um genau das Gleiche, wenn auch in etwas anderer Form. Wenn ich morgens aus dem Haus gehe, ich muss zur Arbeit oder in die Stadt oder nach Berlin, lächle ich dann, wenn ich mein Auto sehe? Oder nicht? That’s it. Punkt. Ja, schwarz/weiss, so ist es halt im Leben – grau ist all das, was ich auch nicht will.



Selbstverständlich kann man sowohl Wein wie Automobile und auch noch alles andere im Leben nach 212 oder auch 763 verschiedenen Punkten beurteilen. Doch wenn ich meinen 20jährigen Defender sehe, den ich nur noch selten fahre, dann geht es mir gut, ich lächle. Die schwarze Giulia, handgeschaltet, auch bald 10 Jahre alt: pures Glück, ewige Liebe, ein Grinsen im Gesicht so breit wie ihr Arsch. Zumeist fahre ich ja aber Testwagen, Kraft meines Amtes, und da lächle ich immer seltener. Aktuell steht zwar grad ein Renault 5 im Dauertest, den find ich grossartig, sehr, sehr cool, da könnte ich mir tatsächlich vorstellen, dass er auch bald zum Team gehört. Um all jene X Prozent von Fahrzeugen, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun haben will, soll es hier aber nicht gehen, sondern um meinen neuen «daily»: Rosalie.

Es handelt sich hierbei um einem Citroën C5 Tourer, erstmals zugelassen Januar 2012, Diesel, 3 Liter-V6, 6-Gang-Automat. Die Dame hat bald 240’000 Kilometer runter, ist bei mir jetzt in zweiter Hand – und sieht aussen wie innen aus quasi wie neu. Vor mir gehörte sie einem älteren Herren, der sie gepflegt hat wie seinen Augapfel, jeder Service gemacht – das Leder der Exclusive-Ausstattung hat keinen Hauch von Patina. Überhaupt, das Leder: Wer damals Vollausstattung bestellt hat, hat auch noch Vollausstattung erhalten, auch in der dunkelsten Ecke klebt noch ein Fitzelchen echtes Leder, da haben die Franzosen fast ein bisschen übertrieben. Ansonsten hat Rosalie alles, was es damals schon gab, Sitzheizung, 2-Zonen-Klima, anständiges HiFi-System, Tempomat. Und einen zuschaltbaren (!) Spurhalte-Assi – es wird dies neben der Sport-Taste der am wenigsten Schalter dieses Fahrzeugs bleiben.

Und vor allem hat Rosalie: Hydropneumatik. Es ist dies der letzte Citroën mit diesem allen anderen Systemen überlegenen Fahrwerk. Es ist ja nicht bloss der Dämpfungskomfort, schlechte Strassen kennt die Französin nicht, auch in den Kurven macht sie kaum einen Wank. Zwar animiert so ein C5 nicht zu einer vorsätzlich sportlichen Fahrweise, aber weil er so herrlich gleitet, will man ihn auch nicht aus seinem Schwung bringen, wenn es nicht dringend nötig ist. Lenkung, tja, geschwindigkeitsabhängiger Servo, das war mal Mode – so richtig präzis wird das erst etwa ab 150 km/h, vorher ist das etwas schwammig, gerade in der Mittellage eher ungenau. Andererseits: Das Lenkrad, das sich um die feststehende Nabe (mit reichlich Bedienungselementen) dreht, ist ein Traum, eben, feinstes Leder, dort aber, wo man am meisten greift: gebürstetes Alu. Das Cockpit ist ansonsten so, wie es in den 10er Jahren noch war, wer mehr Knöpfe hatte, der galt als besser ausgestattet. Und so gibt es unten rechts auch noch einen Taschenrechner. Könnte auch fürs Telefon sein. Doch wer das während der Fahrt bedienen kann, der fährt wohl schon autonom. Einen kleinen Bildschirm gibt es auch, sogar farbig, ja, mit Navi, aber so richtig aktuell ist das nicht mehr. Mein Smartphone, das ich ja sowieso dabeihabe, schon. Und hey, die Lüftung bläst noch so richtig, angelaufene Scheiben sind es innerhalb von Sekunden nicht mehr. Die Sitze sind erstaunlich schmal, bieten guten Seitenhalt – und noch viel mehr Langstreckenkomfort. Hübsch finde ich sie übrigens auch noch, 4,83 Meter lang, nur 1,86 breit, noch unter 1,5 Meter hoch, mit der Vollausstattung und dem mächtigen Motor aber halt auch 1942 Kilo schwer.

Der Selbstzünder brummelt gut vernehmlich vor sich her. Immer in der gleichen Tonlage, anstrengen lassen will er sich nicht unbedingt. Hat er aber auch nicht nötig, bei 150 km/h auf der (deutschen) Autobahn dreht er 2500/min, alles andere drückt er mit seinen 240 PS und 450 Nm maximalem Drehmoment bei tieferen Drehzahlen weg. Diese PSA-Maschine, die auch in Range Rover verbaut war, wurde für den Citroën etwas eingebremst, weniger Drehmoment, mehr Langlebigkeit? Weniger Drehmoment? Schwer vorstellbar, dass man mehr brauchen könnte. Der Automat schaltet kaum wahrnehmbar, Stau mag er aber nicht so, da ruckelt er manchmal. Doch ein Stadtauto ist Rosalie eh nicht, sie will Langstrecke, Überland, Autobahn, da ist sie unglaublich souverän, die wahre Göttin. Verbrauch bei Schweizer Autobahntempo+: unter 5 Liter. So im Alltag (nach den ersten 1000 Kilometern): 6,3 Liter. Gemäss zeitgenössischen Messungen marschierte der Citroën doch beachtliche 242 km/h.



Doch es ist noch etwas ganz anderes, was mich glücklich macht: die Aufmerksamkeit, die ich diesem Automobil entgegenbringen darf. Beim Neu/Testwagen: reinsetzen, losbrettern. Bei dieser doch schon betagteren, auch eher fragilen Französin: brav vorglühen, entspannen. Dann ganz friedlich warmfahren, das braucht schon etwas Zeit. Und schliesslich bin ich die ganze Zeit höchst alert, ich höre dauernd zu, gibt es Geräusche, die ich nicht kenne, macht das Auto etwas, was es nicht sollte – geht es ihm gut? Beim Neu/Testwagen darf man das erwarten, das betracht man anders, sucht nach Stärken/Schwächen, vergleicht, Bedienungssystem verständlich oder eher so blöd, bremst es gut oder sehr gut, was macht die Lenkung, was kann der Antrieb. Das ist bei Rosalie nicht unbedingt nötig, da lässt sich nichts mehr verbessern, weil der C5 ja nun schon länger nicht mehr gebaut wird (leider) – da geht es nun nur noch um möglichst gute Erhaltung. Liebevolle Pflege. Ja, sie kriegt nun bald den grossen, grossen Service bei 240’000 Kilometer, inklusive neuem Zahnriemen, danach darf sie dann auch gleich auf eine grosse Reise.






Der Plan war ja eigentlich: Günstig kaufen (und ja, Rosalie war günstig), ein bisschen etwas investieren, aufhübschen, schönschreiben, dann, so nach sechs Monaten, für ein paar zusätzliche Taler wieder weg, in gute Hände. Nun, daraus wird wohl nichts, ich hätte ihr keinen Namen geben dürfen, da wurde es schon zu persönlich. Vor allem aber mag ich diese Form des komfortablen Langstreckenreisens (und den riesigen, völlig flachen Kofferraum) viel zu sehr, als dass ich sie noch hergeben möchte. Und überhaupt, letzter Citroën mit Hydropneumatik, dann noch mit dieser Maschine und Ausstattung, das muss man eh behalten. «Wertvoll» lässt sich ja nicht allein in Geld messen. Und ganz zum Schluss ist da auch noch die Frage: Was wurde in den vergangenen 15 Jahren eigentlich noch besser am Automobil?

Mehr schöne Geschichten haben wir im Archiv.


Chapeau, Herr Ruch. Wegen solcher Geschichten mag ich Ihr Magazin. Geniessen wir die Zeit, in denen wir Autos noch Namen geben können, weil sie persönlich vertraute Gefährten sind wie ein liebgewonnenes Haustier. Ich verstehe diesen Brauch, denn ich mache das ebenso, schon solange ich denken kann.
Bei uns im Dorf gibt es übrigens einen Occasionshändler bzw. Technik-Trödler, der von gebrauchten Gabelstaplern über alte Klein-Traktoren und Motorräder ab und zu auch restaurierungsbedürftige Oldtimer anbietet. Seit einiger Zeit staune ich beim regelmässigen Passieren seines an der Durchfahrtstrasse gelegenen Grundstücks über einen zum Verkauf stehenden weiss-grünen Citroen Rosalie. Ihr C5 hat also einen würdigen Namensvetter in der Citroen-Historie…
Und nicht zu vergessen: Schöne Feiertage und ein gesundes, erlebnisreiches neues Jahr mit hoffentlich wieder besseren Nachrichten aus der internationalen Autoindustrie.
Ein tolles Fahrzeug für Menschen die ihr Auto für sich selbst kaufen und nicht um den zu Nachbarn beeindrucken. Allzeit gute Fahrt!
Rosalie sitzt gerade hinter mir auf dem Sofa. Sie ist eine Katze.
Bekannte haben Henry, eine Kawa W800 und Ruby, eine alte 125er Honda, natürlich Rubinrot.
Bei Autos haben wir nur einen getauft, den 316i Compact meiner damaligen Lebensgefährtin. Der war schwarz, auf einer Italienreise immer sehr staubig, drum hieß er dann Dusty.
Ja, der C5 war toll, gerade (oder nur?) der letzte, weil er ja auch den C6 gleich noch mit ersetzen musste.
Viel Freude mit ihm/ihr und noch ein paar erholsame Feiertage.