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Ford Pinto

Zuerst Pech, dann auch noch Unglück

Der Ford Pinto hat eine so spannende wie traurige Geschichte. Mit der Planung begann es schon im Sommer 1967, Ford hatte erkannt, dass der VW Käfer auch in den USA Erfolg hatte, dass mit Toyota und Datsun auch japanische Hersteller mit deutlich kleineren Fahrzeugen auf den Markt drängten. Da musste man mit «Kleinwagen» dagegen halten – und es musste schnell gehen. Im Dezember 1968 waren erste Prototypen fertig, im Januar 1969 kam das «go» aus der Plüschetage – und der damalige Ford-Chef Le Iacocca machte mächtig Druck, wollte das Fahrzeug als Modelljahrgang 1971 für weniger als 2000 Dollar auf der Strasse haben. AMC war mit dem Gremlin dann trotzdem schneller – und Chevrolet präsentierte seinen Nova einen Tag vor dem Ford Pinto, der am 11. September 1970 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Es musste also schnell gehen – und es musste billig sein. Zwar konstruierten die Amerikaner für den «subcompact» eine neue Plattform, doch das Fahrwerk war mit Querlenkern, Kugelgelenken, Schraubenfedern und Stabi vorn sowie einer an Längsblattfedern geführten Starrachse hinten eher auf der simplen Seite. Die Motoren kamen aus Europa, es gab einen 75 PS starken 1,6-Liter aus England sowie einen 2-Liter mit 100 PS, der aus Köln angeliefert wurde. Die günstigen Varianten hatten Trommelbremsen rundum. Es war eigentlich ein gutes Automobil für das Geld, 1850 Dollar (heute umgerechnet etwa 14’000 Franken) kostete das günstigste Modell. Und es bot deutlich mehr Platz als ein Käfer, hatte sogar noch eine abklappbare Rücksitzbank. Es gab ihn zuerst als Fastback, ab dem 20. Februar 1971 auch als Hatchback, ab Februar 1972 dann auch als Kombi – wurde dieser als Squire bezeichnet, dann hatte er die falschen Holz-Applikationen seitlich und hinten. Vom ersten Modelljahr konnten stolze 352’402 Exemplare abgesetzt werden, 1974 waren es dann gar 544’209 Stück, über die ganze Produktionszeit (bis 1980) kamen 3’173’491 Pinto zusammen.

Berühmt ist der Pinto aber nicht deswegen. Schon im Oktober 1970, keine zwei Monate nach der Einführung, gab es einen ersten Rückruf für 26’000 Fahrzeuge – das Gaspedal konnte steckenbleiben. Im März 1971 mussten 222’000 Pinto in die Garage, es gab ein Problem mit dem Luftfilter, der zu Bränden führen konnte. Und 1978 gab es den damals mit Abstand grössten Rückruf der Automobil-Geschichte, 1,5 Millionen Fahrzeuge erhielten eine neue Tankaanlage. Vorausgegangen waren diesem «recall» wahrhaft unglückliche Probleme, für die das Fahrzeug selber gar nicht so viel konnte. 1973 gelangte ein Schriftstück an die Öffentlichkeit, später bekannt als das «Pinto Memo», in den zwei Spezialisten von Ford ausrechneten, was die Umrüstung des konventionell zwischen Hinterachse und hinterer Stossstange angebrachten Tanks kosten würde. Sie bezogen sich dabei nicht nur auf den Pinto, sondern auf die ganze amerikanische Auto-Industrie, doch ein Artikel von Mark Dowie im Magazin «Mother Jones» unter dem Titel «Pinto Madness» kam zum Schluss, dass bei Ford Menschenleben tiefer bewertet wurden als die Kosten für mehr Sicherheit. Das stand zwar so beim besten Willen nicht in dieser internen Untersuchung, doch der Schaden war angerichtet, der Pinto hatte ein Problem (und verkaufte sich in der Folge besser denn je – siehe weiter oben).

Es kam später zu mehreren Gerichtsfällen, auch wenn spätestens ab 1978 offensichtlich war, dass der Ford Pinto nicht unsicherer war als alle anderen Fahrzeuge in seiner Klasse. Doch er wurde zu einem Symbol dafür, dass die grossen Auto-Hersteller lieber Kosten sparten als mehr Sicherheit einzubauen; nicht nur Ford änderte in der Folge seine Konstruktionsvorgaben. Die «Pinto»-Fälle gingen aber auch deshalb in die Geschichte ein, weil erstmals Wiedergutmachung in Millionenhöhe bezahlt werden musste – und weil Ford sich darauf mit riesigem Aufwand und meist erfolgreich gegen solche Ansprüche wehrte.

Seltenere Amerikaner haben wir unter: Numbers.

8 Kommentare

  1. Christian Christian

    Herrlich, Daumen hoch, da „schreien“ einen die 70er-Jahre an. Diese Farben und dann noch die Plastikholzvertäfelung – einfach sehenswert.
    Von Hinten sieht der Kombi dem Ford Taunus Kombi ähnlich. Sind`s die Rückleuchten?

  2. hugoservatius hugoservatius

    Ich schließe mich meinem Vorredner an, ganz großartig, der Pinto, vor allem der Station Wagon mit der Holzfolie, den orangefarbenen Polstern, dem dünnen Volant und:
    Kurbelfenstern!
    Ich würde zu gerne damit von New York nach Park City fahren, mit Übernachtungen in furchtbar häßlichen Motels und jeden Abend einem blutigen Steak mit French Fries!
    In Europa gab es ein ähnlich cooles Gegenstück, den Opel Ascona Voyage, ebenfalls mit Holzdekor und einer verchromten Dachreeling.
    Diese Autos hatten eine so herrlich sympathische Naivität, das Odeur der großen Welt auch für den kleinen Mann.

    • hugoservatius hugoservatius

      Und: Wolfrace-Felgen!

  3. Hömal Hömal

    Die wahre Krux war ja, dass die USA ihre Autoindustrie so weit irgendwie möglich von ausländischer Konkurrenz abschotteten. Cadillac ist ein trauriges Beispiel, wohin das führen kann: Von „Top Of The World“ über Badge-Engineering hin zu den heutigen seltsamen, hässlichen, fetten, eckigen Kisten, in denen in Europa niemand gesehen werden will.

    Das Ende des Liedes war der große Crash der großen Drei. Was in Herbert Völkers Autorevue schon 2005 geahnt wurde, als Daewoo zu Chevrolet wurde und Rick Wagoner himself ziemlich wirres Zeug daherredete, um den Journalisten zu erklären, wie super das nicht sei.

    Der Volksmund sagt: „Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht.“ Dass es ausgerechnet der Ford Pinto war, der zum Symbolbild dafür wurde, wie die US-Autoindustrie arbeitete, war vielleicht Pech und dass er eigentlich kein schlechtes Auto war, glaube ich schon. Aber so wie der Stand der Dinge damals war, hätte es diesen Pinto-Moment ohnehin irgendwann gegeben. Die großen Drei waren alles andere als edel, hilfreich und gut und ohne diesen Riesenskandal wären ein paar nicht so schöne Dinge munter weitergelaufen und dann halt bei anderer Gelegenheit zutage getreten.

    P.S: Es war nicht nur die Positionierung des Tanks, sondern auch die Konstruktion des Tankeinfüllstutzens, der im Fall eines Unfalls vom Tank abreißen bzw. ihn durchstoßen konnte. Mein Wissensstand ist, dass man den Stutzen mit relativ wenig Aufwand hätte umgestalten können, was aber aus Kostengründen unterblieb. Ob es ein Mythos ist, dass die Plüschetage damals meinte, Schadenersatz koste in Summe weniger als diese Änderung, kann ich nicht beurteilen. Wenn es ein Mythos ist, dann schlummert darin aber ganz sicher ein wahrer Kern.

  4. nordgard nordgard

    mit der Panzerfaust abknallen…

    scheiss US-mülleimer 🙂

    • Nordgard, das ist Unsinn!
      Ich bin wirklich kein Fan von US-Autos und habe immer behauptet, daß bis auf den Studebaker Avanti, den cleanen, mit dem Lineal entworfenen Lincoln Continental aus den sechziger Jahren, dem völlig verrückten Plymouth Superbird und dem extrem sauber gezeichneten Jeep Cheerokee XJ die Beschäftigung mit Amerikanischen Autos völlig unnötig sei, habe aber hier bei radical gelernt, was für coole, reizvolle Autos aus der neuen Welt es gab!

      Insofern: Bitte mehr spezielle US-Cars, Herr Ruch!

      • Christian Christian

        Mein reden, andere Mütter haben auch schöne Töchter!

        • hugoservatius hugoservatius

          Christian, mein Problem ist immer, daß ich in Bildern denke – ein US-Car macht sich in der Regel auf einer Holsteinischen Landstraße, vor dem Vier Jahreszeiten in München oder in einer Hessischen Kleinstadt etwas merkwürdig…

          Die einzige Stadt in Europa, in der man einen Amerikanischen Wagen fahren kann, ist meiner Ansicht nach Paris, die Piaf und Charles Aznavour fuhren einen Packard, warum diese Autos in der Französischen Hauptstadt nicht seltsam wirken, kann ich nicht erklären.

          Und so überdrüber, verrückt und – ich pflege diesen Begriff sehr selten zu benutzen – geil so ein Superbird auch ist, ich kann mir keine einzige Situation vorstellen, in der ich solch einen Wagen fahren wollen würde!
          Genauso ist es beim Lincoln, während so ein Studebaker Avanti schon – für mich – ganz gut benutzbar wäre und der Cheerokee in den Achtzigern der Range Rover des Sparkassenkunden wurde, ich mochte ihn vor allem in diesem feinen Dunkelblau-Metallic.

          Dazu kommt die Klientel, die in meiner Jugend in Hamburg solche Wagen fuhr, Siegfried Lenz schrieb über den Vater eines verstorbenen Freundes von mir, einen höchst unangenehmen Hamburger Geschäftsmann, „er fuhr einen Amerikanischen Wagen, man machte ungern Geschäfte mit ihm.“

          Aber von solchen persönlichen Befindlichkeiten abgesehen hat sich meine Sicht auf diese Autos durch radical tatsächlich sehr verändert!

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