Bünzli, nicht Zünsler*
Das dürfte noch ziemlich hässlich werden da in Wolfsburg in der Volkswagen-Konzern-Zentrale, wobei, den Konjunktiv kann man sich da sparen. Irgendwie unberührt davon werkelt Skoda im gar nicht so fernen Tschechien einfach weiter, macht sein Ding, hat seine Zahlen im Griff und auch sein Modellprogramm. Gut, man kann sich in den Konzern-Regalen bedienen, irgendein Risiko läuft man da nicht, und doch machen sie da im Osten sehr entspannt einen sehr guten Job. Und dass sie cool sind, die Tschechen, das merkte man auch beim #GTEST von «Car of the Year»: Während man sich bei Volkswagen im ID.Polo und ID.Cross nur auf den Beifahrersitz begeben durfte, stellte mir Skoda einfach einen getarnten Peaq hin, ohne Begleitung, ohne Embargo, ohne weitere Erklärungen.

Dann also zur Erklärung: Der Peaq ist der grösste Skoda der Neuzeit, stolze 4,87 Meter lang, das sind fast 12 Zentimeter mehr als beim auch nicht kleinen Kodiaq. Der Radstand beträgt stolze 2,97 Meter, das Raumangebot ist überragend, als Fünfsitzer bietet der Tscheche bis zu 935 Liter Kofferraumvolumen (und vorne noch einen Frunk mit 37 Litern); es gibt ihn auch mit sieben Sitzen. Der Peaq steht auf der MEB+-Plattform, also 400-V-Architektur, in der Basis gibt es einen 63-kWh-Akku und 204 PS, dazu kommen zwei weitere Varianten mit 286 bzw. 299 PS (Allradler), diese dann mit einer 91-kWh-Batterie (maximale Ladegeschwindigkeit 200 kW) und einer Reichweite gemäss WLTP von bis zu 640 Kilometern. Das ist in der aktuellen E-Auto-Welt jetzt weit entfernt von überragend, doch die besagten Konzern-Regale geben einfach nicht mehr her. Und irgendwie passt das ja auch zu Skoda, man ist da lieber Biedermann als Brandstifter.

Das gilt für den ganzen, grossen Wagen. Das Rad hat Skoda damit nun wirklich nicht neu erfunden, es ist alles wie gehabt, einfach grösser – und rein elektrisch. Das ist nun aber keine Kritik, ganz im Gegenteil – für ihre gute Raumnutzung werden die Tschechen schon länger geschätzt, jetzt machen sie es einfach noch auf einer Stufe höher. Sitzt man alleine im Auto, kommt man sich fast etwas verloren vor; leider können wir nichts zur Materialanmutung schreiben, der grosse Wagen war innen noch nicht in Serienreife. Und auch das Bediensystem funktionierte noch nicht so, wie es es dann einmal wird, doch das hat Skoda eigentlich im Griff, da wird es wohl keine Probleme geben. Fahren tut das grosse SUV sich so, wie ein grosses SUV hält fährt, die Aufregung hält sich in engen Grenzen.

In der Schweiz wird der Peaq nur mit der grossen Batterie angeboten, dies ab 60’350 Franken. Und da sind wir gleich schon beim Punkt: Das ist dann doch viel Geld. Nicht nur für einen Skoda, aber gerade auch für einen Skoda. Da wagen sich die Tschechen jetzt in einem Bereich vor, in dem sie sich noch nie bewegten, ausser mit einem Top-Superb. Klar, da ist viel, viel Raum, aber da ist halt auch eher altbackene Technik, doch biederes Design; schlaflose Nächte wird einem dieser «Gipfel» wohl kaum bescheren. Aber wahrscheinlich ist es genau das, was Skoda so erfolgreich macht.

radical durfte den Skoda beim #GTEST von #GCOTY fahren. Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.
*Es schrieb Max Frisch einst das Hörspiel «Biedermann und die Brandstifter», zum ersten Mal aufgeführt 1953, später, 1958, auch als Buch erschienen. Das war einst Pflichtstoff in den Schweizer Schulen, heute wohl eher nicht mehr; auf Schweizerdeutsch übersetzt ist Biedermann ein «Bünzli», die Brandstifter dann «Zünsler». Man könnte nun Zusammenhänge herstellen, aber das wollen wir hier gar nicht erst anfangen.


Skoda, schwer einzuordnen mittlerweile.
Waren Octavia I, II und mit leichten Abstrichen auch noch Generation III preislich hochinteressante Autos, vor allem die Kombis, der (unteren?) Mittelklasse, sind das jetzt doch Fahrzeuge, die preislich eher auf dem normalen VW-Level stehen.
Anfang der 2010er habe ich mal einen gut beladenen Octavia II von Hamburg nach Stuttgart gefahren und war sehr überrascht, was der für damals rund 16.000 € „Straßenpreis“ bot. Natürlich war er von den Materialien her einfacher gestrickt als unser damaliger S204, aber er kostete ein Drittel!!!!
Und ich finde, er sah deutlich weniger offensichtlich billig aus als heute ein Dacia.
Andererseits zeichnet sich gerade bei den E-SUVs ein Trend ab, der auch wieder erstaunlich ist. Man kann nun von verschiedensten Marken ein sehr gestandenes Auto erwerben, das von der Größe her in die obere Mittelklasse oder sogar Luxusklasse hineinreicht und dies deutlich günstiger als von den so genannten Premiummarken.
Das erinnert mich sehr an die Zeiten, als man statt eines Mercedes, BMW für weniger Geld ein genauso großes und nur sehr wenig schlechteres (?) Auto von Ford oder Opel, Peugeot, Renault etc. kaufen konnte.
60.000 € für einen Skoda erscheinen und sind nicht wenig Geld, aber verglichen mit beispielsweise BMW ist es schon wieder ein Schnäppchen.
Nach wie vor, für mich ist die E-Technik noch sehr schwer einzuschätzen. Ist obiger in vier oder fünf Jahren bereits ein so „alter Hut“, dass ein Wiederverkauf praktisch unmöglich ist? Zumindest reizt er die bereits heute mögliche Technik lange nicht aus, was doch unverständlich ist.