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Lancia Hyena Zagato

Lust und Frust

Nein, eine Unbekannte ist die ZED Milano s.r.l. für radical Leser wirklich nicht. Speziell bei unserer Aufbereitung der Abarth- und Aston Martin-Geschichte fiel der weitläufig bekanntere Namen dieses familiengeführten Karosseriebauunternehmens regelmässig. Die Rede ist natürlich von der Carrozzeria Zagato. 1919 gegründet und der Inbegriff für Double Bubble und kontrovers diskutierten Designs. Umso überraschender ist, dass wir bisher noch gar nicht über die Zusammenarbeit von Zagato und Lancia gesprochen haben. Dabei gibt es auch hierzu Wunderbares zu berichten – speziell aus den 60ern. Doch wir wollen lieber mit dem letzten Projekt der beiden Unternehmen beginnen, das eigentlich gar kein gemeinsames Vorhaben war, dadurch die Sache auch verkomplizierte und letztendlich zum Scheitern brachte. Herausgekommen ist dabei trotzdem ein grossartiges Auto, die Lancia Hyena Zagato.

Weltmeister trifft expressives Design

Aber der Reihe nach. Wir schreiben das Jahr 1990 und Lancia siegt mit dem Delta HF Integrale schon vier Jahre lang in der Rallye Weltmeisterschaft alles in Grund und Boden. Dies brachte den Niederländer Paul Koot (der heute mit italienischen Preziosen handelt) auf die Idee, die Kooperation zwischen Lancia und Zagato auf Basis des erfolgreichen Allrad-Kompaktwagens wieder aufleben zu lassen. Er hatte dazu auch konkrete Vorstellungen, die er in Italien vortrug: Aus dem Viertürer sollte ein Coupé werden, leichter und stärker sollte es natürlich auch sein und mit einem unverkennbaren Design hervorstechen. Zagato war begeistert von der Idee und der junge Marco Pedracini (heutiger technischer Leiter bei ZED Milano) lieferte. Das Besondere dabei: Obwohl Zagato zu dieser Zeit bereits CAD und CAM-im Einsatz hatte, zeichnete Pedracini die Hyena vollständig von Hand. Einschliesslich aller technischen Zeichnungen. Es war damit der letzte Zagato, der auf diese traditionelle Art und Weise entwickelt wurde.

Kein Anklang in Turin

Dieser aufwändige Prozess erforderte natürlich Zeit und so wurde erst 1992 (oder: zwei weitere Lancia Rallye Markenweltmeisterschaften später) der erste Prototyp auf der Brüssel Motor Show präsentiert. Es passte also eigentlich alles: Der Integrale war auf dem Zenit seines sportlichen Erfolges und die Resonanz auf die Hyena war äusserst vielversprechend. Dies liess auch Koot und Zagato grösser planen: 500 Hyenas wollte man produzieren. Doch da bekommt die Geschichte einen Dämpfer. Der Spielverderber? Die Lancia-Mutter Fiat, die nicht gewillt war für Geld oder gute Worte die erforderlichen Chassis zu liefern. Die Folge: Koot reduzierte das Produktionsziel auf 75 Einheiten und biss in den sauren Apfel, den 1992 rund 40’000 Franken teuren Lancia Delta Integrale Evoluzione (kurz: Evo 1) europaweit bei einzelnen Händlern zu kaufen, in die Niederlande zu seiner Firma «Lusso Service» zu liefern, um sie dort von Karosserie und Interieur zu befreien und sie anschliessend zu Zagato nach Rho bei Mailand transportieren zu lassen.

Teuer wie ein 911 turbo

Man muss kein Betriebswirt sein, um zu erkennen, dass dieser Prozess nicht zu einem wirtschaftlichen Erfolg führen konnte. Und auch nicht zu 75 Einheiten. Schliesslich wurden es 24 Stück (manche Quellen schreiben auch von 25 Einheiten), wobei die letzte Hyäne wohl 1995 die Hallen in Norditalien zum Preis von rund 140’000 CHF verliess, was ungefähr dem Wert eines damals aktuellen Porsche 993 turbo entsprach. Doch kam der kleine Italiener auch an die Fahrleistungen des 911ers ran? Fast, denn Zagato zog eine enganliegende Aluhaut über das Allrad-Chassis und verwendete im Innenraum eifrig Carbon. Heraus kam dabei nicht nur ein aerodynamischerer, sondern auch – im Vergleich zum Organspender – über 150 Kilogramm leichterer 2+2 Sitzer. Der Ladedruck des 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbomotors wurde angehoben und so stieg die Leistung von 210 katlosen PS auf 250 Pferdestärken – und schon beschleunigte die Hyena in 5,4 Sekunden auf 100 km/h. Der bereits erwähnte Porsche hatte damals – aus heutiger Sicht – bescheidene 408 PS und schaffte den Standardsprint in 4,5 Sekunden. Man konnte also durchaus dranbleiben mit dem 1150 kg schweren Lancia, und wie sich das ungefähr angefühlt haben muss, beschreiben wir hier hinter dem Lenkrad eines Lancia Delta HF Integrale Evoluzione II. Wobei man einschränkend sagen muss, dass schon die Proportionen des Hyena klarmachen, dass das Fahrverhalten sicherlich nicht als narrensicher beschrieben werden kann. Der Grossteil des Gewichts lastete vor der Vorderachse, und der Anpressdruck an der Hinterachse war sicherlich ähnlich gering wie beim ersten Audi TT ohne Spoilerbürzel.

Alu-Karosse und Carbon-Innenraum

Und wenn wir schon bei Aerodynamik und Design sind: Kommt dem einen oder anderen italophilen Automobilliebhaber das Greenhouse der Hyena nicht irgendwie bekannt vor? Richtig, hier hat Zagato geschickt eine Resteverwertung vorgenommen und die Gestaltung von A- bis C-Säule kurzerhand vom ebenfalls im eigenen Studio gestalteten Alfa Romeo SZ übernommen, der bis 1992 produziert wurde. Und on top teilen sich die beiden Coupés auch die Scheinwerfer. Dem Erscheinungsbild tut das keinen Abbruch: man liebt die Hyena. Oder man findet sie einfach nur hässlich. Und da es anscheinend mehr als 24 Menschen gibt, welche die Hyena lieben, werden diese Autos zwischenzeitlich teuer gehandelt. Mit mindestens einer viertel Million Franken muss man schon ins Rennen gehen, um die jetzt bei RM Sotheby’s angebotene und hier gezeigte Hyena ersteigern zu können. Es soll sich dabei um das persönliche Fahrzeug von Paul Koot handeln, dass als besonderes Erkennungszeichen nicht nur ein dezentes Blaumetallic trägt, sondern als einzige Hyena zwei mittige Endrohre besitzt, statt nur einem Rohr auf der linken Seite. Dazu kommt preissteigernd hinzu, dass Koots Coupé schon ab Werk eine Leistungssteigerung auf 300 PS erhielt.

Zu ersteigern: das Auto von Paul Koot

Bis der Hammer fällt, ist aber noch etwas Zeit, denn die Versteigerung ist erst für Ende Juni geplant. Ursprünglich sollte die Auktion im Rahmen der Techno Classica Ende März in Essen stattfinden, doch wegen der Corona Pandemie wurde die Messe vorläufig auf 24. bis 28. Juni verschoben. Ob der Termin gehalten werden kann, ist aktuell noch ungewiss. Das bietet die Möglichkeit, ein wenig in unserem Archiv nachzulesen, was das traditionsreiche Auktionshaus bereits an begehrenswerten Klassikern die letzten Jahre versteigert hat. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Axel Griesinger für diesen Text.

 

Viele gibt es ja nicht, doch es kommt schon wieder eine Hyena unter den Hammer, bei RM Sotheby’s in Paris (Anfang 2021, Termin noch nicht definiert). Es ist dies das 15. von 24 Exemplaren, es war immer in Deutschland – und es hat eine ganz besondere Farbe:

Mehr spannende Klassiker: Classics.

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