Gentleman Jim
Genau so stellen wir uns «related» vor. Zwar fuhr James H. Kimberly 1953 nur zwei Rennen zur Sportwagen-Weltmeisterschaft, die 12 Stunden von Sebring in einem Ferrari 225S (#0220ED) und die 24 Stunden von Le Mans in einem Ferrari 340 America (#0204A), er kam bei beiden Rennen nicht ins Ziel. Doch dann kaufte er einen Ferrari 375 MM (#0364MM), da wird ein erster Kreis geschlossen. Er besass später noch weitere interessante Ferrari und Maserati, er wurde 1954 SCCA-Meister (ein weiterer Abzweig, den wir noch behandeln wollen) – und «Gentleman Jim» war eine schillernde Persönlichkeit.

James H. Kimberly kam 1908 mit dem sprichwörtlich goldenen Löffel im Mund zur Welt. Er war der Enkel eines der vier Gründer vom Kimberly-Clark, berühmt etwa für Kleenex und schon damals einer der grössten Papierproduzenten der Welt. Kimberly studierte am renomierten Massachusetts Institute of Technology (wo er Harley Earl kennenlernte). Er war Pilot, Segler, Fischer – und kaufte 1950 den ersten Jaguar XK120 in den USA. Mit dem er auch seine ersten Rennen fuhr. Ein Jahr später war er schon auf seinem ersten Ferrari unterwegs, einer 166 MM Barchetta von Touring (#0010 M) – und holte sich gleich den Klassensieg bei den ersten 6 Stunden von Sebring.

Kimberly hatte zwei Übernamen: «Silver Fox», weil sein Haar schon früh ergraute, und «Gentleman Jim», weil er genau das war. Nicht nur, dass er immer bestens gekleidet war, alle seine Mechaniker trugen massgeschneiderte Overalls, sogar seine Kellner mussten auf dem Rennplatz in einem roten Jacket servieren, er legte grossen Wert auf eine einwandfreie Präsentation seiner Fahrzeuge, sogar die Renn-Transporter mussten immer perfekt ausgerichtet parkiert werden. Kimberly konnte sich das alles selbstverständlich leisten – doch er arbeitete gleichzeitig auch 37 Jahre in führender Position für das Unternehmen seiner Vorfahren.

Aussergewöhnlich war sicher, dass er einen goldenen Ohrring trug, das war damals in den USA alles andere als üblich. In den 50er Jahren verlegte er seinen Wohnsitz vom ländlichen Neenah, Wisconsin, nach Palm Springs; seine Parties waren berühmt, Cary Cooper war oft dabei, einer seiner engsten Freunde war König Hussein von Jordanien. Kimberly war drei Mal verheiratet, zuletzt mit der 42 Jahre jüngeren Jacqueline; er hatte drei Töchter. Und er war ein wirklich schneller Rennfahrer.

1953 fuhr er meist mit einem Ferrari 340 America Spider von Vignale (#0204A), konnte bei diversen SCCA-Rennen auch Siege einfahren. Doch der Ferrari war auch eine Zicke, neigte dazu, mit überhitzten Bremsen Probleme zu machen. Kimberly, technisch bestens ausgebildet, bestellte deshalb in Maranello einen 375 MM – und hatte ganz genaue Vorstellungen, wie das Fahrzeug auszusehen hatte. Er reiste nach Italien, zeigte seine Pläne – und wurde an Pinin Farina verwiesen. Die Turiner hatten schon zwei 375 MM eingekleidet, doch Kimberly hatte Sonderwünsche, damit die Bremsen besser belüftet wurden. Pinin Farina setzte seine Ideen um – und es entstand #0364AM, den wir hier zeigen.
Selbstverständlich war der Ferrari schnell. Extrem schnell sogar, Kimberly fuhr damit 1954 20 Rennen, schaffte 16 Gesamt- und 17 Klassen-Siege. Am Ende der Saison hatte «Gentleman Jim» 9500 Punkte auf seinem Konto, 5500 mehr als der zweitplatzierte Bill Spear. Anfang 1955 wollte Kimberly seinen Ferrari bei den 12 Stunden von Sebring an den Start bringen, doch der Transporter verunfallte auf dem Weg nach Florida, der 375 MM wurde stark beschädigt. Und irgendwie war die Magie danach dahin, Ende der Saison verkaufte Kimberly den Wagen an Richard Lyeth – der den Lampredi-V12 gleich mit einem Corvette-Motor ersetzte. Den Ferrari-Motor verkaufte Lyeth an einen Rennboot-Profi, der die Maschine samt Boot allerdings kurz darauf im Galveston Bay versenkte.

0364MM kam dann 1968 in die Hände von Ford-Ingenieur Charles Weiss, der das Fahrzeug nach den Plänen von Kimberly komplett restaurieren liess. Und 45 Jahren behielt. Er fand dann auch eine Lampredi-Motor mit dem Stempel 0463AM – der wahrscheinlich, vielleicht tatsächlich ein an Kimberly gelieferter Ersatz-Motor für #0364AM gewesen sein könnte. Aber wer weiss das schon ganz genau?
Man weiss allerdings, dass James H. Kimberly, der bevorzugt mit der Nummer 5 startete, sich 1958 von der aktiven Rennerei zurückzog – er war ja dann auch schon 50. Am Ende seiner Karriere wurde er Ferrari untreu, startete zwei Mal auf einem Maserati 200SI (#2412) bei den 12 Stunden von Sebring. Doch die Liste seiner Ferrari ist eindrücklich:
166 MM Barchetta Touring (#0010 M)
195 S Berlinetta Touring (#0060 M)
340 America Barchetta Touring (#0124 AM)
340 America Spider Vignale (#0204 A)
225 Sport Spider Vignale (#0220 ED)
375 MM Spider Pinin Farina (#0364 AM)
375 Plus Spider Pinin Farina (#0384 AM)
121 LM Spider Scaglietti (#0532 LM)
625 LM Spider Touring (#0642 MDTR)
Kimberly diente lange als Präsident der SCCA. Und verkaufte seine Anteile an Kimberly-Clark für damals heftige 50 Millionen Dollar, verlegte sich später auf kleine und grössere Skandale im mondänen Umfeld von Palm Springs; seine Frau Jacqueline spielte eine wichtige Rolle in der schmutzigen Scheidung von Peter und Roxanne Pulitzer («I slept with a trumpet», das sind so «sidelines», über die man stolpert, wenn man sich ein bisschen einliest – kann man auch googlen, beste Unterhaltung). James H. Kimberly verstarb 1994 im Alter von 86 Jahren. Sein Ferrari 375 MM wurde 2013 von RM Sotheby’s für 9’075’000 Dollar versteigert.

Es ist dies eine «related»-Story rund um die Sportwagen-Weltmeisterschaft 1953. Andere feine Geschichten haben wir in unserem Archiv.








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