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radical zero: Test Voyah Free

Entspannt

Es war ein Auskenner, er stöpselte seinen hellblassblauen Taycan ein, schritt stracks zur Ladesäule, an der ich den Voyah Free am Laden war, schaute auf den Bildschirm, kam auf mich zu. «Pah», baffte er auf Hochdeutsch, «das chinesische Zeugs lädt aber sehr langsam». Und ging von dannen. Nun, unrecht hatte er ja nicht, der sichtlich stolze Taycan-Besitzer, der Voyah sog tatsächlich nur knapp 90 kW, das kann der Porsche auf jeden Fall besser. Aber dafür kostet das «chinesische Zeugs» wohl nur einen Drittel – und ist allein schon farblich sicher das schönere Auto. Und viel praktischer.

Erst dieser Tage hatten wir es ja davon, beim Test des Peugeot e-3008, dass noch so manches E-Auto die theoretischen Vorteile einer Stromer-Plattform nicht nutzt. Halt kaum mehr Platz bietet als ein klassischer Verbrenner. Nun, der Voyah Free ist eines der wenigen Beispiele, auf die diese Aussage nicht zutrifft. Gut, der Chinese ist ein mächtiges Automobil, 4,91 Meter lang, 1,95 Meter breit, 1,65 Meter hoch, der Radstand von 2,96 Metern hilft unbedingt beim guten Raumgefühl. Mit einem Kofferraumvolumen von 560 Litern übertrifft er den Peugeot in dieser Disziplin zwar nicht entscheidend, doch in der zweiten Reihe sitzt man im Free wie ein Fürst. Übrigens auch noch bequem, mit gutem Blick nach draussen; die Kinderchen sind allerdings so weit weg, dass die Chinesen einen Innenraum-Kamera installiert haben, damit man sie trotzdem im Blick behalten kann. (Klar, da werden dann sämtliche Aufnahmen, also auch jene von den vorderen Passagieren, sofort an irgendeinen Nachrichtendienst in Peking geschickt, dort werden sämtliche Daten gesammelt, verarbeitet, missbraucht und überhaupt für wasauchimmer verwendet – schon erstaunlich, unter welchen Wahnvorstellungen gewisse Menschen leiden.)

Zwar haben wir erst kürzlich über unseren Besuch bei Dongfeng in China geschrieben, aber wir wollen jetzt nicht davon ausgehen, dass alle Leserinnen wissen, was so ein Voyah Free ist. Voyah ist die Premium-Tochter von eben Dongfeng, der Free ist das erste Modell, das die Chinesen nach Europa schicken. Es ist schwierig zu beschreiben, welche Karosserie-Form er trägt, vielleicht lässt sie sich am besten mit SUV-Kombi beschreiben. Das ist alles ziemlich adrett, modern, elegant, aus allen Blickwinkeln – das Dunkelgrün steht dem Chinesen ausgezeichnet. Dieser gute Eindruck setzt sich auch innen fort, die Armaturentafel zieht sich über die ganze Breite und besteht aus drei riesigen Bildschirmen, einer davon ist dem Beifahrer vorbehalten. Lustiges Gimmick: Die ganze Chose erhebt sich erst, wenn der Fahrer auf seinem (bequemen) Stuhl sitzt. Und fährt etwas nach unten, wenn man den Sport-Modus wählt, zeigt dann nur noch die wirklich relevanten Infos. Ein paar physische Knöpfe gibt es auch noch, Heizung/Lüftung, noch so manches kann über das Lenkrad bedient werden. Die Bedienung erfolgt erfreulich intuitiv, Übersetzungsfehler haben wir keine gefunden. Und dafür, dass der Free der erste Anlauf der Chinesen in einem höheren Segment ist, ist auch die Verarbeitung mehr als nur zufriedenstellend, die verwendeten (veganen) Materialien machen einen guten Eindruck, fühlen sich haptisch sehr angenehm an. Selbstverständlich gibt es Kleinigkeiten, zu den man quengeln könnte, aber da kennen wir bekanntere Hersteller, die grössere Probleme verursachen.

Der Voyah fährt ein Riesentrumm einer Batterie spazieren, 106,7 kWh. Es ist nicht modernste Technik, bislang noch eine 400-V-Architektur, auch deshalb lädt er nicht besonders schnell (siehe oben); Besserung ist auf dem Weg. Nach WLTP soll der Free 20,2 kWh/100 km verbrauchen, wir blieben etwas darunter, wie beim Peugeot e-3008 waren es 19,1 kWh/100 km. Ja, der Voyah ist grösser und auch schwerer (2340 Kilo Leergewicht) und auch noch viel stärker, zwei E-Motoren treiben alle vier Räder mit 489 PS und 720 Nm maximalem Drehmoment an. So will der Chinese in 4,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h rennen und maximal 200 km/h schnell. Nimmt man Grösse und potentielle Fahrleistungen, dann schneidet der Free besser ab als der elektrische Löwe. Es bleibt aber immer noch viel Luft nach oben, am Verbrauch können auch die Chinesen noch arbeiten. Was der Voyah gar nicht mag: Kaltstart und dann nur kurze Strecken. Und Geschwindigkeitsexzesse jenseits von 120 km/h.

Der Voyah Free ist in erster Linie ein sehr kommodes Fahrzeug, komfortabel, ruhig – man fährt ihn sehr entspannt, fast schon ein wenig erhaben. Wir haben schon gefühlvollere Lenkungen erlebt (aber auch schon schlechtere), das Fahrwerk (Luftfederung!) ist auf der weichen Seite; im Sport-Modus wirkt der Free dann eher bockig als sportlich, was wiederum auf den langen Radstand zurückzuführen ist. Für die Hatz auf den Berg will man eh keinen Stromer (keinen!), doch Landstrasse macht er gut, als Reise-Fahrzeug ist er vorzüglich – 500 Kilometer macht er locker, wenn man sich etwas zurückhält am Fahrpedal. Und das ist dann halt schon eine gute Ansage. Leider ist das Navi beim Planen der Ladestopps in etwa auf Volkswagen-Niveau, also nicht besonders gut; der Informationsfluss nach China bezüglich Standorten von Schnellladern scheint nicht so gut zu sein wie von gewissen Mitmenschen befürchtet.

Also, wieder einmal zum Mitschreiben: So ein Tesla Model Y kostet ab 42’990 Franken. Maximale Reichweite, Allradantrieb, dann sind es gut 50k. Für den Voyah Free sind mindestens 69’990 Franken fällig, das ist dann halt schon ein guter Batzen mehr. Und nein, so viel besser ist er nicht, eher so ein bisschen: Man muss das dann schon wollen, ein chinesisches Fahrzeug ohne jegliches Image, mit erst wenigen Händlern und Servicepunkten, mit einem doch ungewissen Wiederverkaufswert. Gut, kaufen werden ihn eh nur wenige, Leasing heisst das Zauberwort bei eigentlich allen Stromern, doch auch da bietet Tesla halt die aggressivsten Angebote. Es ist und bleibt aber erstaunlich, dass den Tesla weiterhin niemand das Wasser reichen kann, so ganz taufrisch sind die Amerikaner ja nun wirklich nicht mehr. Und nein, wir gehören ganz sicher nicht den Musk-Jüngern an, sondern sehen das einfach ganz pragmatisch und im Vergleich zur Konkurrenz.

Wer aber, aus welchen Gründen auch immer, keinen Tesla will, keine Angst hat vor 48/24-stündiger Überwachung aus China und auch sonst nicht alles glauben mag, was Bitteres über das Reich der Mitte schon gelabbert wird, der könnte mit dem Voyah Free glücklich werden. Er sticht rein optisch noch so manchen Konkurrenten aus, das Raumangebot ist grossartig, das Fahrverhalten weit überdurchschnittlich (für ein E-Auto). Ob der selbstbewusste Preis wirklich gerechtfertigt ist, das kann die Kundschaft ja selber beurteilen, ein ID.7 von Volkswagen ist ja auch nicht günstiger. Ganz vorne in die Verkaufsrangliste wird es der Voyah Free in Europa wohl nicht schaffen, dazu fehlen noch die wirklich schlagende Argumente, die man als Newcomer halt einfach braucht. Aber man macht wohl auch nichts falsch bei diesem interessanten Chinesen.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

7 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Wenn man das V wie ein F spricht (wie es Karl Valentin stets verlangt hat, weil es ja auch „Vogel und nicht Wogel“ heisst, dass klingt es sehr nach „Feuer frei“.
    Und da ist es, was wir wohl mittelfristig auch aus der chinesischen E-Auto Ecke zu erwarten haben.

    • Max Max

      Na solange die C. dieselben Preise nehmen, wird der europäische Käufer den bekannten Spatz bevorzugen.

      • Rolf Rolf

        Ja klar, es müssen dann auch die kleinen Modelle kommen, der Preis wird dann passend gemacht.
        Ich erinnere mich noch gut, als die Japaner nach Europa kamen und später dann die Koreaner. Die wurden erst belächelt und heute sind sie allgegenwärtig.

        Für mich vorläufig verwirrend ist die Markenvielfalt und die fehlende Markenidentität.

        Spannend zu sehen, bei uns laufen inzwischen etliche MG SUVs. Der kostet als Benziner zwischen 17.800 und 22.000 Euro, ist so groß wie ein Tiguan.
        Technisch sicher unterlegen, aber ehrlich, um damit 10.000 km im Jahr zu fahren ist der ok. Und Hochgeschwindigkeit auf der Autobahn, wo der kleine Motor und eventuell das Fahrwerk deutlich unterlegen wären, ist mittlerweile Illusion in D.

  2. maxi moll maxi moll

    g r a u s a m 🙂

  3. Warum immer solche Riesentrümmer mit monströsen 489 PS, Ausmaßen wie ein Range Rover und warum immer dieses brutale, aggressive Design.
    Dabei ist es völlig egal, ob die Autos aus China, Frankreich oder sonst woher stammen, es sind alles immer SUV‘s, in denen zu 90% eine Person sitzt, sie sind alle riesig groß, schwer, haben Riesenräder, aufgerissene Mäuler und ein völlig belangloses Design!
    Wo sind intelligente Elektroautos, kompakt, windschlüpfrig, mit einer zukunftsweisenden Eleganz, smarte Silberfische mit schlanken Körpern, schmalen Rädern, minimierten Fugen, mit Platz für vier Personen und einer aus der lautlosen Antriebstechnik und einer dazu passenden Karosserieformen resultierenden, neuen Sinnlichkeit, Leichtigkeit.
    Am ehesten erfüllen diese Wunschvorstellung tatsächlich noch die beiden Tesla-Limousinen, die SUV‘s sind ebenfalls furchtbar, der BMW i3 ist tot, den Honda e gibt es in Deutschland nicht mehr, ALLE anderen Elektroautos sind kantige, zerklüftete Riesenautos und komplett sinnbefreit.
    Ein Trauerspiel, daß Ferdinand Piëch nicht mehr auf dieser Welt ist, man denke an den grandiosen Lupo 3L, der zeigte die richtige Richtung auf!

    • Peter Ruch Peter Ruch

      irgendwann )

  4. Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band

    Katastrophe: Deutschland warnt China scharf und verlässt die EU in Richtung Mexiko

    https://www.youtube.com/watch?v=0Bv94sM4mN8

    Der Autor nennt drei Gründe für den Erfolg Chinas (in allen seinen Videos über diese Thema):

    1. Billige Energie (Kohle)
    2. Horizontal integrierte Lieferketten (alles in einer Hand, keine Kosten für Zwischenhändler)
    3. Hohe Automatisierung in der Fertigung

    Die Schutzzölle in Europa und Amerika zahlt der Verbraucher in seiner inflationierenden Währung.

    Prost Mahlzeit!!!

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