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radical zero: Test Peugeot e-3008

Schatz, wir müssen reden

Man(n) weiss, dass dieser Satz, «Schatz, wir müssen reden», meist etwas problembehaftet sein wird. Das wird auch hier der Fall sein, wobei es vielleicht ein bisschen unfair ist, dass es ausgerechnet den Peugeot e-3008 trifft, er ist ja nur ein Beispiel von vielen. Doch dafür müssen wir wohl nun etwas ausholen: E-Autos, wurde uns versprochen, würden ganz anders sein. Komplett anderes Design, flacher Boden, so richtig viel Platz im Innenraum, ganz neue Möglichkeiten, spezielle Sitzkonfigurationen, etc.. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, bloss: Gesehen haben wir davon bisher noch so ziemlich gar nichts. Am weitesten sind da vielleicht so ein paar der chinesischen Luxus-Vans, richtig spannend ist das aber auch nicht, weil halt riesig, Anti-Design. Mit Ausnahme vielleicht des Zeekr Mix.

Und so sind wir dann schon beim Peugeot e-3008. Das ist ja das erste Fahrzeug auf der ganz neuen STLA-Medium-Plattform. Stellantis, man weiss es, setzt nicht voll auf E-Mobilität, auch diese frische Konstruktion kann sowohl Strom wie auch Verbrenner. Wahrscheinlich bringt diese Strategie den Franzosen in den nächsten Jahren noch gutes Geld, man kann auch beim neuen Peugeot davon ausgehen, dass der E-Anteil sich eher um 20 als bei 50 Prozent bewegen wird. Das hat viele Gründe, Stromerskepsis einerseits, andererseits aber wohl in erster Linie der Preis. Als Hybrid ist der 3008 ab 39’100 Franken zu haben – für den Stromer werden dann schon mindestens 48’000 Franken fällig. Dieser Preis ist schon nach unten korrigiert worden, bei der Präsentation war noch von 50’500 Franken die Rede.

Doch, und damit wollen wir jetzt den Kreis zu oben schon einmal schliessen: Man merkt dem e-3008 an, dass er nie als reiner Stromer gedacht war. Er nutzt, wie die meisten anderen E-Autos auch, die theoretischen Vorteile einer reinen Stromer-Plattform nicht. Mit Verlaub: Das Platzangebot für die hinteren Passagiere ist für ein doch 4,54 Meter langes Automobil sehr dürftig. Das Kofferraum-Volumen ist mit 580 Liter zwar ziemlich grosszügig (mit abgeklappten Rücksitzen: 1480 Liter), doch auch da geht viel mehr, wie etwa der Tesla Model Y mit seinen 750 Liter (max. 2080) zeigt. Selbstverständlich kann da jetzt auch das Design anführen, der Löwe will halt auch optisch glänzen, aber wir waren wirklich enttäuscht, wie wenig Platz da in der zweiten Reihe ist. Vorne ist bestens, auch die Gestaltung des i-Cockpits und seiner Umgebung sind modern, elegant, gut gemacht. Ja, wir mögen das i-Cockpit, ja, wir können auch mit dem kleinen Lenkrad gut umgehen. Und die Bedienung ist wirklich gut durchdacht, birgt keine Rätsel.

Aber dann kommen wir auch gleich zum zweiten Kritikpunkt. Zwar ist es einerseits erfreulich, dass Peugeot nicht dem PS-Wahn anderer Hersteller hinterherhechelt, mit seinen umgerechnet 210 PS und 345 Nm maximalem Drehmoment gehört der e-3008 zu den moderat motorisierten Stromern. 8,8 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h gehören auch nicht zu den Spitzenleistungen. Damit könnten wir bestens leben, wir sind der Meinung, dass Vernunft gerade bei den E-Autos eine wunderbare Tugend ist. Doch der Peugeot verbraucht trotzdem zu viel. Gemäss WLTP sind es stolze 21,3 kW/100 km (bei der Vorstellung war noch von 16,7 kWh/100 km die Rede gewesen), bei uns im Test dann zwar «nur» 19,1 kWh/100 km, doch das ist jetzt nicht wirklich überragend. Mit dem selbstverständlich nicht wirklich vergleichbaren Jeep Avenger kamen wir kürzlich auf 16,6 kWh/100 km – der Jeep basiert aber auf einer doch schon in die Jahre gekommenen, auch nicht nur auf Strom ausgelegten Plattform. Der Peugeot müsste das besser können, effizienter, aber er kommt halt auch im Stop-and-Go-Verkehr nicht auf Bestwerte, unter 14 kWh/100 km kamen wir nie (und das zumeist ohne Klimaanlage, die war ja in diesem Sommer noch kaum nötig). Und es gibt gleich noch eines auf den Deckel: Der e-3008 will mit bis 160 kW laden können – wir schafften nie über 90 kW, auch unter optimalen Bedingungen nicht. Das ist dann halt für ein ganz neues E-Fahrzeug wirklich nicht berauschend.

Im Fahrbetrieb hat uns der Peugeot dann mehr überzeugt. Er ist ausgesprochen komfortabel, wunderbar ruhig. Nein, eine Rakete ist er beim besten Willen nicht, die 210 PS haben mit den mehr als 2,1 Tonnen einen gewissen Kampf. Für das friedliche Einhergleiten reicht das alleweil, auch auf der Autobahn sind da noch genügend Reserven, doch von Fahrfreud’ sind wir schon einigermassen weit entfernt. Und weil dann bei flotterer Fahrt halt auch viel von der verfügbaren Leistung verlangt wird, steigt der Verbrauch – man kennt dieses Spiel. Mehr als 120 km/h sollte man sowieso nicht fahren, auch da schwingt sich der Verbrauch in Höhen, die wir eigentlich so nicht mehr sehen wollen. Fährt man einigermassen zurückhaltend, sind 350 Kilometer Reichweite stressfrei möglich – das ist aber von den in der Werbung versprochenen bis zu 545 Kilometern sehr, sehr weit entfernt.

Peugeot gehört zwar nicht in die Premium-Gruppe bei Stellantis, doch weit davon entfernt sind die Franzosen wahrlich nicht. Schöne, edle Materialien, auch bestens verarbeitet, da kann man den Hut ziehen vor den Franzosen. Es hat dies, wir haben es oben schon geschrieben, aber auch seinen Preis. Und den empfinden wir jetzt beim e-3008 schon auch als ziemlich heftig – für einen deutlich stärkeren, innen viel grösseren Tesla zahlt man weniger. Da geht der STLA-Medium-Plattform-Kompromiss halt noch einmal nicht auf – und irgendwie ist halt die 400-V-Architektur nun wirklich nicht mehr as Mass aller Dinge.

Wir mögen den neuen Peugeot loben für sein Design, aussen wie innen, auch für seinen wirklich feinen Fahrkomfort, in erster Linie aber für die Vernunft, den Verzicht auf überbordende Leistungsexzesse, die beim besten Willen nicht mehr zeitgemäss sind. Leider haben die Franzosen es verpasst, das auch mit einem tiefen Verbrauch (und schnellerem Laden) kombinieren zu können, da geht die Rechnung irgendwie nicht auf. Vielleicht wird das alles mit gezielten Software-Updates noch besser, irgendwann. Es müsste so sein, denn auf dieser Medium-Plattform werden ja noch reichlich weitere Stellantis-Modelle kommen.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.

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