Mini-Golf
Was sofort auffällt: Wie viel Platz da ist. Das Wägelchen ist nur gerade 3,51 Meter lang, 1,56 Meter breit, 1,34 Meter hoch, verfügt über einen Radstand von 2,34 Metern, wiegt (in der Basis) keine 700 Kilo. Und dann sitzt man so da und fragt sich: Wieso geht das heute nicht mehr? Für was braucht der Mensch irgendwelche Screens, die sich über die ganze Wagenbreite ziehen, wenn man doch die erreichte Geschwindigkeit auch auf einer billigen Runduhr ablesen kann? Wieso werden in modernen Automobilen Mittelkonsolen verbaut, die so schwer wirken wie es der ganze VW Polo vor 50 Jahren war? Der Kleine hat da in der Mitte einen Schaltstock – und sonst gar nichts. Ausser viel Raum – der dann auch ein entsprechend gutes Raumgefühl vermittelt. Das es im modernen Automobil irgendwie nicht mehr gibt, die Gestaltung der Fahrersituation erinnert immer mehr an frühere Gummizellen in psychiatrischen Anstalten, links hat man eine 50 Zentimeter dicke Tresor-Tür, vor sich mehr Screen als Blick auf die Strasse, rechts irgendein Plastik-Trumm, das dem Knie noch etwa zwei Zentimeter Bewegungsfreiheit lässt. Wie wohltuend ist da so ein 50-jähriger Polo, in dem man – Achtung, Chauvi-Alarm – der Beifahrerin noch gepflegt an ebendieses Knie fassen konnte. Und auf die Strasse sah, links, rechts, vor allem nach vorne.



Es waren ganz schwierige Zeiten nicht nur für Volkswagen, damals, Anfang der 70er Jahre. Das Modellprogramm war hoffnungslos veraltet, die Konkurrenz weit enteilt, es brauchte einen klaren Schnitt. Der kam in Form von Rudolf Leiding, der bei Audi den 100er verantwortet hatte, dann VW in Brasilien sanierte und ab dem 1. Oktober den 1971 den Vorstandsvorsitz bei Volkswagen von Kurt Lotz übernahm. Keine drei Wochen später stoppte er den Käfer-Nachfolger EA266, der kurz vor der Einführung stand, kübelte auch den EA272, liess stattdessen ab 1973 den auf dem Audi 80 basierenden Passat B1 bauen, forcierte die Entwicklung kleiner Modelle, Scirocco im Frühling 1974, Audi 50 im Sommer, Golf dann im Herbst. Und im Frühling 1975 war dann die Reihe am Polo. Leiding musste noch im gleichen Jahr gehen, er hatte in Wolfsburg zu viel Geschirr zerbrochen – und seine Rolle wird im Volkswagen-Konzern immer noch zu wenig gewürdigt.





Der Typ 86 hätte auch Bonito heissen können. Oder Pony. Doch weil Volkswagen beim Golf erstmals auf sportliche Aktivitäten bei der Namensgebung zurückgriff, stand zuerst Mini-Golf im Raum; nicht als kleiner Golf, nein, als Sportart. Es wurde dann glücklicherweise Polo, auch wenn diese Beschäftigung reicher Herren mit teuren Pferden in einem krassen Gegensatz stand zur bis zur Schmerzgrenze abgespeckten Version des Audi 50. Diesen gab es mit 1,1-Liter-Vierzylinder, 50 oder 60 PS; der Polo musste sich mit 0,9 Liter Hubraum und nur 40 PS bescheiden. Es gab für 7500 D-Mark keine abklappbare Rücksitzbank, keine Sonnenblende, kein Schloss auf der Beifahrerseite, nicht einmal Teppiche, sondern nur Gummimatten. Das war aber selbst den deutschen Sparfüchsen zu viel, der deutlich besser ausgestattete Polo L (Aufpreis 510 D-Mark, zweistufiges Gebläse, Heckscheibenwischer, Teppichboden) wurde häufiger bestellt. Erst ab 1978, als Audi seinen eigentlich genialen 50er als nicht mehr ins Modellprogramm passend entsorgte, da wurde auch der Polo aufgewertet, GLS mit 1,3-Liter-Motor und 60 PS, das machte dann schon mehr her. Bis 1981 wurden vom Typ 86, der keinerlei Gleichteile mit dem Golf hatte, doch immerhin 754’000 Exemplare verkauft. Und dazu noch ein paar Derby, also Polo mit angeflanschtem Kofferraum, ein Automobil, das sicher nie einen Design-Preis gewann.



Immer stand der Polo im Schatten seines noch weit erfolgreicheren grossen Bruders – so sehr, dass die Klassik-Abteilung erst kurz vor dem runden Geburtstag merkte, dass man ja gar keinen 75er-Polo in der Sammlung hatte. Schnell musste noch ein Exemplar her, das blaue, das man hier sieht, ein L. Der hatte immerhin Teppiche, aber noch den kleinen Motor, den 1,1-Liter mit 50 PS gab es erst ein Jahr später. Es ist schon frisch am Morgen, also muss da noch mit Choke (Fallstromvergaser!) gearbeitet werden, der Kleine braucht seine Zeit, bis er schön rund läuft; auch das Viergang-Getriebe ist doch eher harzig. Man kann nun nicht schreiben, dass er dann, wenn er warm genug hat, besonders kultiviert dreht, er wird dann ab 3000/min auch eher laut (maximales Drehmoment: 61 Nm bei 3500/min). Was sicher auch daran liegt, dass hier keinerlei Dämmmaterialien verbaut wurden. Ja, es fährt, ja, es bremst auch (Trommelbremsen rundum), es lässt sich auch lenken (wenn auch mit reichlich Kraftaufwand) – es tut gut, wieder einmal ein Automobil zu bewegen, dessen einziger Daseinszweck daran besteht, Menschen (und ein paar wenige Güter) von A nach B zu bewegen. Fahrfreude entsteht in erster Linie aus der Erinnerung daran, dass wir einst Freude an solch einfachen, vor allem vernünftigen Fahrzeugen hatten.






Wir durften diesen genau 50-jährigen VW Polo im Rahmen einer Veranstaltung von CarDesignEvent fahren, herzlichen Dank dafür. Die Beschäftigung mit in der Kurve wild wankenden 40 PS bringt uns in dieser Welt der Hypercars und überteuerten Klassiker dann wieder gut auf den Boden der Tatsachen zurück. Schärfere Gerät finden Sie im Archiv.


Sehr schön! Jetzt eine kompakte Batterie und einen E-Antriebsblock rein, Dämmmaterial braucht man dann auch nicht mehr wie „damals“, der Schaltstock entfällt, damit wird das … na lassen wir das, und bitte dann doch etwas Rostschutz auftragen und fertig ist das „Auto der Zeit“. Ein VK von 10.000 Euro, wer mehr will, kann ja die obligatorische Aufpreisliste bei VW bemühen.
Wie richtig beschrieben bitte keine XXL-Monitore mit Touchbedienung, keine 20-Zoll-Traktorräder mit Ultrabreitschlappen, keine dämlichen Lichtspiele, Lichtleisten u.ä, und bitte, bitte unter 1000kg Gewicht bleiben!
Klingt unangenehmer zu fahren, als ich es aus den Siebzigern in Erinnerung habe. VW Käfer, Renault R4 oder gar Citroen 2CV, die typischen Studentenfahrzeuge halt, waren auf Dauer anstrengender zu bewegen. Wir sind mit dem Audi 50 bis nach Griechenland runter (auf dem Landweg) und wieder hoch. Mit vier Personen. Aber der große Zeitabstand idealisiert wohl das Erlebte.
Och, das war unser allererster Zweitwagen. 40 PS, Hellgrün-metallic, innen wie der obige. Die Schaltung war unexakt und er war wirklich sehr lahm, auch damals schon. Aber er tat seinen Dienst.
Der Jammer ist, dass Aero die Windschutzscheibe bis auf die Fahrerstirn runtergedrückt hat und die aktuellen Crash-Anforderungen sämtliche Säulen auf Schenkeldicke haben anwachsen lassen. Dazu noch die hohen Hecks, die nach hinten nur einen Sehschlitz übrig lassen, und fertig ist das Bunker-Feeling.
In einem 123er-Benz aus den 1970ern ist das Raumgefühl deutlich luftiger als in einer aktuellen E-Klasse, obwohl die nominell deutlich größer ist. Kein Mensch hat früher eine Rückfahrkamera gebraucht, weil man durch die Heckscheibe (Käfer ausgenommen) genug sah, um sicher einzuparken.
Besinnlicher Beitrag in Zeiten „nicht besinnlicher“ Produkte!
Ende der 80iger: Polo LS als erstes Auto, 60 PS, seinerzeit total unmodisches Mandarinorange (heute wäre es pts-bahama yellow) mit braunen Sitzen, Auto ging flott voran, Fahrwerk war mit den 60 PS nicht immer souverän (für den Fahranfänger) – trotz aller Romantik: als nach 3 Jahren der Umstieg auf einen Golf II mit 70 PS gelang, erwies sich letzterer als deutlich besseres Allround-Auto und verrichtete 8 Jahre sehr gute Dienste. Entfernt sehe ich heute in einem VW up in einer bunten Farbe auf eine gewisse Art und Weise einen Nachfahren des Polo 1 – aber, ach ja: auch der up ist mittlerweile eingestellt……….
Mein Fahranfänger-Auto, von einer Freundin meiner Mutter „geerbt“, nie auf mich zugelassen, ein Audi 50 LS in einem seltsamen Gelb-Orange mit grauen Kunstfaserpolstern und einem Kunststoffholzarmaturenbrett, er rostete schneller als das er fuhr, „…der Junge bekommt jetzt erstmal das kleine gelbe Auto zum Üben bevor er dann ein richtiges Auto ruiniert!“, sagte mein Vater.
Hat trefflich funktioniert, den ersten (und gottseidank bislang einzigen ernsthaften) Unfall hatte ich nicht mit meinem ersten richtigen, eigenen Auto, sondern wenige Wochen nach dem Erwerb desselben mit dem Peugeot 205 GTi meiner Mutter…
Der Audi 50 fuhr tatsächlich ziemlich gut, war die Farbe war grauslich, die Verarbeitungsqualität ebenfalls, er war geräumig, flott und praktisch aber ich war gottfroh, als ich mit stolzgeschwellter Brust in einem neuen Mexico-Käfer den Weg zur Uni antrat, mit einigen Tricks des alten Meisters meiner VW.-Werkstatt war er nicht wesentlich langsamer als der Audi 50, aber viel schöner…
Man würde dieses Auto heute so nicht mehr bauen können, das papierdünne Blech, die komplett fehlenden Sicherheitsfeatures, das knallharte Plastiklenkrad ohne Pralltopf würden bei jeder Art von Feindberührung mit einem aktuellen VW Polo sofort kollabieren, ich habe mich im damals schon 50 Jahre alten Käfer sehr viel sicherer gefühlt!
Tatsächlich gab es bis vor kurzem ein Auto in diesem Sinne.
Vielleicht gibt es dieses sogar immer noch, aber das neue Modell kenne ich nicht.
Als Werkstatt-Ersatzfahrzeug erhielt ich einen Hyundai i10, das Modell, das es bis 2019 gab. 3 Zylinder mit 67 PS, einfachste Ausstattung mit Fensterkurbeln. Kostete damals um die 10.000 €. Und …. er fuhr grandios! Geradezu giftig auf Gaspedalbewegungen, absolut saubere Straßenlage, auf der Autobahn bei 140 fernreisetauglich, bei Vollgas um die 160 einen Tick zu laut. Knackige Schaltung über einen hoch positionierten Hebel und sehr gute Bremsen.
Ein recht kurz danach gefahrener Up! mit 60 PS war dagegen zäh und unlustig.
Ob der neue i10 (jetzt ab 63 PS, viel Ausstattung und ab 17.000 €) auch so gut fährt, vor allem so spritzig, weiss ich nicht. Den alten gibt es für recht kleines Geld gebraucht.