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Lancia Fulvia Sport

Und plötzlich: Erfolg

Die im Herbst 1963 vorgestellte Fulvia war als Berlina nun wahrlich nicht der schönste Lancia aller Zeiten. Gezeichnet wurde diese dreiteilige Box auf Rädern von Pietro Castagnero, er nahm sich wohl ein Büchergestell als Vorbild. Technisch war die Fulvia fein, ein 1,1-Liter-V4 (mit einem Zylinderwinkel von 13 Grad) trieb die Limousine an, zuerst 58, dann 64 PS für 1050 Kilo. Frontantrieb, Scheibenbremsen rundum, vorne Doppelquerlenker und Querblattfeder, hinten Starrachse mit Blattfedern, Stabilisator und Längslenker, das alles war einem Lancia würdig. Castagnero verbesserte sich mit dem im Frühling 1965 vorgestellten Fulvia Coupé dann deutlich, man kann fast nicht glauben, dass diese beiden Autos aus der gleichen Feder stammen.

Beide diese Fulvia haben ein Problem: Sie sind zu schwer. Bei der Berlina ist das offensichtlich, aber auch das Coupé wiegt, trotz 23 Zentimeter weniger Radstand, immer noch 960 Kilo. Man gibt ihm einen 1,2-Liter-V4 mit auf den Weg, mit immerhin 80 PS, das reicht auch für ganz nette Fahrleistungen, 160 km/h sind möglich. Aber trotzdem, und Lancia wusste das von Anfang an, es ist einfach zu viel Gewicht. Also wendet man sich an Zagato, wie alle, wenn sie mit Übergewicht zu kämpfen haben, wie es Lancia auch schon bei der Flaminia und der Flavia getan hatte. Die Zeiten waren damals noch anders, man liess lieber eine leichtere Karosserie entwickeln als dass man nach 20 oder 30 zusätzlichen PS suchte; heute würde es einfach neue Software geben. Aber wie sagte Colin Chapman, wenn auch wahrscheinlich erst später: «Adding power makes you faster on the straights, subtracting weight makes you faster everywhere».

Natürlich hätte Ercole Spada bei der kleinen Fulvia wieder seinen Codatronca-Trick auspacken können. Doch er sah Lancia als weniger sportlich, er ehrte die Marke für viele Jahrzehnte Eleganz. Und er zog einfach einen Strich über das ganze Auto, sogar hinein in die geknickten Frontscheinwerfer. Vielleicht erfand er damit sogar das Spiel mit den konvex-konkaven Formen, das viele Jahre später Mode wurde. Die Fulvia Sport wirkt in Bewegung, auch wenn sie steht; das Auge wird von vorne nach hinten geleitet. Und wieder zurück. Schon auf der Zeichnung wirkt der Lancia dreidimensional, der Strich ist ein Bruch, aber ein schöner, organischer. Die Lampen können dann nicht so gebaut werden, wie sich Spada das vorgestellt hatte, Plexiglas schwebte ihm vor, doch das war einfach zu teuer. Noch ein schönes Detail: Der V4 der Fulvia baut ziemlich hoch. Und er braucht Luft. Spada zeichnete mit zwei Linien und einer Queröffnung eine dieser Lösungen, die man nur an einem Sonntagmorgen haben kann. Die Motorhaube öffnet sich übrigens seitlich. Noch ein schönes Detail: Die Heckscheibe lässt sich elektrisch öffnen. Noch ein schönes Detail: Die Fulvia braucht eine Querstrebe, sonst verwindet sie zu sehr. Spada verbaute sie als Rückenlehne in der hinteren Sitzreihe. Übrigens: 825 Kilo.

Das grösste Problem der Fulvia Sport ist für Zagato ihr Erfolg. Nicht der sportliche, etwa der Klassensieg bei den 24 Stunden von Daytona 1969, damit kann man gut leben. Aber der Verkaufserfolg stellt die kleine Firma mit ihren 30, manchmal 35 Mitarbeitern wahrhaft vor Probleme. Über die Jahre werden mehr als 7000 der Fulvia Sport verkauft, keine anderer Zagato-Entwurf kam da auch nur annähernd in die Nähe. Fast alles mit auswärts gegeben werden, das schmälert zwar den Gewinn, doch es entlastet das kleine Werk, das in jenen Jahren von Mailand nach Terrazzano di Rho umgezogen war. Als Lancia 1970 Konkurs geht und von Fiat übernommen wird, ist Spada nicht mehr bei Zagato. Und er muss auch nicht mitansehen, dass die Sport dann aus Stahl gebaut werden, das wäre wohl schwierig geworden für ihn zu akzeptieren. Denn schliesslich war das ja die Daseinsberechtigung für dieses Fahrzeug, der Leichtbau.

Wir zeigen hier eine Fulvia Sport 1.3 S mit Baujahr 1969 (also noch aus der ersten, begehrenswerteren Serie), 90 PS. Das Fahrzeug befindet sich mit seinen erst 34’000 Kilometern in einem guten bis sehr guten Zustand, ist vor allem sehr original (abgesehen von einer Neulackierung). Der Lancia kommt am 18. Oktober 2025 bei der Oldtimer Galerie Toffen zur Versteigerung, erwartet werden – unserer Meinung nach sehr moderate – 25’000 bis 30’000 Franken.

Mehr schöne Automobile haben wir im Archiv, eine Sammlung der Lancia-Stories gibt es hier. Und eine Würdigung von Ercole Spada: hier.

1 kommentar

  1. Walter Walter

    Vielen Dank für die Erinnerung an die Lancia Fulvia Baureihe! Überhaupt finden die Fulvia’s – meines Erachtens – viel zu wenig Beachtung, mit Ausnahme der Rallye-Fahrzeuge.

    Der Zagato war schon ein außergewöhnlicher Typ! Nicht gerade elegant, aber auch kein Allerweltsauto. Wenn da nur nicht die italienische Verarbeitungsqualität im Wege gestanden hätte….
    Mein Vater bestellte sich 1971 einen Zagato der zweiten Serie. Eine einzige Katastrophe von der ersten Stunde an! Ich erinnere mich bis zum heutigen Tag lebhaft, wie sich die Lenkung versteifte, wenn man etwas stärker beschleunigte. Der Fahrschemel mit Motor, Getriebe und Lenkung war so weich an der Karosserie befestigt, daß sich der Vorderwagen beim stärkeren Gasgeben nach vorne zog! Das Auto wurde von meinem Vater nach Terrazzano gebracht, aber auch Zagato fand keine dauerhafte Lösung. Später übernahm ich das Auto, erfreute mich noch zwei Jahre an der ungewöhnlichen Optik und Technik des Motors (handlicher V-Motor mit nur einem Zylinderkopf) und war irgendwann Ende der 1970er Jahre froh, daß sich ein Frankfurter Pelzhändler in das Auto verliebte…..

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