Nachdenken
Es ist schon erstaunlich: Leapmotor, vor erst zehn Jahren von Zhu Jiangming gegründet, brachte 2019 ein kleines Coupé auf den Markt, konnte in jenem Jahr gerade einmal 1037 Stück verkaufen. Über die (wenigen) Jahre wurde das Modellprogramm sehr flott ausgebaut, im vergangenen Jahr konnte der chinesische Start-up schon fast 300’000 Autos verkaufen. Und 2025 werden es wohl rund 600’000 Stück sein. Seit vergangenem Jahr sind die Chinesen über eine Kooperation mit Stellantis auch in Europa vertreten, vorerst nur mit dem rein elektrischen Kleinstwagen T03 und dem C10 (Stromer oder mit Range Extender); ab sofort ist jetzt auch noch der B10 erhältlich. Dabei handelt es sich um ein klassisches, kompaktes SUV im C-Segment, 4,51 Meter lang – halt das, was man unbedingt im Angebot haben muss. Derzeit ist der B10 nur als reiner Stromer erhältlich, doch eine Version mit Range Extender folgt bald nach; beim C10 wird letztere im Verhältnis 3:1 besser verkauft.



Der B10 ist von aussen ein sehr gefälliges Fahrzeug, nicht über-designt, wie andere asiatische Produkte, nicht betont langweilig, wie gewisse deutsche Konkurrenten. Mit den Farben haben es die chinesischen Hersteller (noch) nicht so, das ist alles gedeckt und eher öd, aber die Kundschaft will das ja so, wenn man auf unsere Strassen blickt. Auch innen gibt es eigentlich nichts zu jammern, der typische grosse Touchscreen in der Mitte, ein Bildschirmchen vor den Augen der Lenkerin, die Bedienung gibt keine Rätsel auf, auch wenn physische Tasten und Schalter Mangelware sind. Vor der Beifahrerin gibt es etwas gar viel Hartplastik sowie zwei gelochte Querstreben, deren Sinn sich dem Betrachter nicht sofort erschliesst; in China gibt es aber anscheinend eine Fülle von Accessoires, die sich dort anbringen lassen, vom Plüschbärchen bis zum Picnic-Tisch, was davon nach Europa kommt, sei noch nicht entschieden. Man sitzt vorne angenehm – und hinten wie eine Fürstin, hier werden die Platzvorteile eines E-Fahrzeugs endlich vernünftig genutzt. Und noch weiter hinten finden sich dazu auch noch 470 Liter Kofferraum-Volumen (maximal 1700 Liter bei abgeklappten Rücksitzen), das ist vorbildlich.



Ein E-Motor an der Hinterachse bringt es auf 218 PS und 240 Nm. Das ist vernünftig, mehr braucht eigentlich niemand – und doch schafft der Chinese den E-Kick, auf den ähnlich starke französische und deutsche Stromer (bewusst?) verzichten. Gerade bei Überholvorgängen zeigt sich der adrette Chinese erfreulich munter. Das Fahrwerk ist zwar klar auf der komfortablen Seite, doch der Leapmotor verwehrt sich auch einer etwas sportlicheren Fahrweise nicht; die Grenzen lagen da eher bei den aufgezogenen Longling-Reifen (oder ist es Linglong?). Lenkungen kennen wir auch unpräzisere, im Sport-Modus ist es besser, aber es wirkt halt alles etwas künstlich. Trotzdem: Es ist das alles mehr als ok, im Alltag wird das keinen Grund zur Klage geben, ganz im Gegenteil, der B10 ist angenehm ruhig, ganz entspannt unterwegs, man braucht nicht gross nachzudenken, sondern fährt problemlos von A nach B.




Zum Nachdenken bringen sollte aber gewisse etablierte Hersteller die technische Basis des Leapmotor B10. Zwar nur eine 400-V-Architektur (mit auch nicht überragenden 168 kW maximaler Ladeleistung), aber ansonsten sehr innovativ. Die Batteriezellen bilden mit dem Chassis eine besonders steife Einheit, bauen dazu sehr niedrig (was die Platzverhältnisse verbessert). Es gibt einen Zentralcomputer, deshalb braucht der B10 nur noch 22 weitere Steuergeräte (und nicht über 100 wie bei den meisten Europäern); anstatt rund 3 Kilometer sind nur noch 996 Meter Kabel verlegt. Serienmässig verfügt er über eine Wärmepumpe (nur gerade acht Kilo schwer), auf Knopfdruck lässt sich das Fahrzeug jederzeit vorkonditionieren. Geheizt wird über Batterieabwärme, dadurch kann auf ein zusätzliches Heizelement verzichtet werden. Das sind viele kleine Puzzle-Teilchen, sie drücken das Gewicht des B10 unter 1,8 Tonnen (ein VW ID.4 ist da in der Basisversion gut 200 Kilo schwerer) – als Verbrauch gibt der Hersteller 17,3 kWh/100 km nach WLTP an. Bei einer ersten Ausfahrt blieben wir deutlich unter 15 kWh/100 km.



Das ist ja jetzt alles schön und nett, aber weder wirklich herausragend noch eine Revolution. Doch dann kommen wir zum Punkt: 29’900 Franken. Für die voll ausgestattete Promax-Version mit der grossen Batterie (67,1 kWh, 434 Kilometer Reichweite). Mehr braucht man zu diesem Thema wohl gar nicht zu schreiben. (In Europa kostet die Variante mit dem kleineren Akku (56,2 kW) und der einfacheren Ausstattung 29’900 Euro, mit grosser Batterie und feiner Ausstattung sind es dann immer noch sehr faire 33’400 Euro. Der Aufpreis erklärt sich mit den Strafzöllen der EU auf chinesische Automobile.)










Noch eine hübsche Anekdote: In Italien merkte ein findiger Leapmotor-Manager, dass der Staat finanziell schlecht gestellte Familien mit bis zu 11’000 Euro unterstützt, wenn sie ihre alte Karre gegen ein E-Auto eintauschen. Daraus machte er eine Kampagne für den kleinen T03, der dann tatsächlich nur noch 4900 Euro kostet. Allein diesen September verkaufte Leapmotor so 12’000 Exemplare, bei einem grossen Händler im Süden wurden jeden Tag mehr als 20 Verträge unterschrieben. Kann man ja mal machen. Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.


Stimmt, er ist nicht besonders hässlich und nicht besonders schön.
Er ist ok.
Und in der EU ist er teurer …….
Irgendwo hat sich da ein Fehlgedanke eingeschlichen.
Hersteller, die in Deutschland Autos verkaufen, sorgen gleichzeitig immer auch für Arbeitsplätze in Deutschland. Ein Renault-Händler beschäftigt genauso Mitarbeiter wie ein VW-Händler.
Und …. wir hatten drei VWs, die in Mexico produziert wurden.
Einige Modelle von BMW und von Mercedes werden ausschließlich in den USA produziert. Der Fiat 500 kommt aus Polen. Der Fiesta kam schon vor vierzig Jahren entweder aus Belgien oder aus Spanien. Usw.
Dieser Pseudo-Protektionismus ist wirklich nur Show, wie so vieles in der Politik.
Man muss einfach anerkennen, das die Chinesen mittlerweile richtig gut sind in der Entwicklung und Produktion von technischen Geräten.
Neuerdings besitze ich ein chinesisches Handy und einen chinesischen Fernseher. Beide übrigens mit einem Betriebssystem von Google. Eigentlich muss man vor Google viel mehr Angst haben als vor den Chinesen.
Beide Geräte sind ausserordentlich gut und im Preis-Leistungsverhältnis überlegen.
Mal ein wenig nachgedacht, was mal ein Telefon war, ist heute ein Computer mit einer Telefon-App links unten. Was mal ein Fernseher war, ist heute ein Computer mit einer TV-App, die auch Live-TV ermöglicht, was kaum noch einer nutzt.
Ein Auto wird gerade zum Computer, der auch fahren kann.
In einem Fernsehbericht zu einer chinesischen Automesse, wurden junge Chinesen gezeigt, die stiegen in einen VW (den sie vom Image her für ein Opa-Auto halten), wischten zwei mal über den Bildschirm, stiegen in einen BYD, wischten zwei mal über den Bildschirm und stellten fest, dass die Technik des VW vollkommen veraltet ist.
So funktioniert „Probefahrt“ heute.
Ja, wir werden zukünftig elektrisch fahren und wir werden chinesische Produkte nutzen. England gibt es ja auch noch, auch ohne Autoindustrie ……
„Es gibt einen Zentralcomputer, deshalb braucht der B10 nur noch 22 weitere Steuergeräte (und nicht über 100 wie bei den meisten Europäern); anstatt rund 3 Kilometer sind nur noch 996 Meter Kabel verlegt. “
Eben in einer politischen Sendung wurde bei Bosch ein Prototyp mit Zentralcomputer gezeigt ………….. erfinden die Deutschen gerade das Rad wieder neu oder hat niemand bemerkt, dass es das in China schon zu kaufen gibt?
Das mit der Technologieführerschaft ist nur noch ein veraltetes Schlagwort.
naja, das haben die Chinesen nicht erfunden, auch da hat Tesla sehr viel Pionier-Arbeit geleistet, vor mehr als einem Jahrzehnt. Unterdessen können das BMW und Mercedes auch (wie gut, das muss sich noch weisen), aber Leapmotor bringt das nun einem deutlich tieferen Preissegment.