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radical#5: Der menschliche Faktor

Aber warum?

Autos waren noch nie so sicher wie heute – und dennoch gehen Menschen weiterhin Risiken ein, überschätzen ihre Fähigkeiten und treffen hinter dem Steuer schlechte Entscheidungen. Warum tun wir immer wieder Dinge, von denen wir wissen, dass sie gefährlich sind? Und welche Rolle kann Technologie spielen, ohne das Fahren zu einer Vorlesung zu machen? Wir sprachen mit Mikael Ljung Aust, einem leitenden Verhaltensforscher bei Volvo Cars, der sich seit zwei Jahrzehnten mit der Psychologie von Autofahrern beschäftigt, über Trunkenheit am Steuer, Ablenkung und warum die Zukunft der Sicherheit nicht nur mechanisch, sondern auch emotional ist.

radical: Warum überschätzen so viele Menschen ihre Fähigkeiten, insbesondere beim Autofahren? Warum gibt es immer noch betrunkene Autofahrer oder Menschen, die sich weigern, Sicherheitsgurte anzulegen?

Mikael Ljung Aust: Das ist eines der faszinierendsten Dinge am menschlichen Verhalten. Jeder weiss, dass Trunkenheit am Steuer schlecht ist – es mangelt nicht an Informationen –, und doch kommt es weiterhin vor. Wenn man sich die amerikanischen Unfalldaten ansieht, hat ein grosser Teil der tödlichen Unfälle mit Alkoholkonsum einen sehr hohen Blutalkoholspiegel zur Folge. In Schweden liegt die gesetzliche Grenze bei 0,2 ‰, während sie in vielen US-Bundesstaaten bei 0,8 ‰ liegt. Aber unter denjenigen, die bei alkoholbedingten Unfällen ums Leben kommen, liegt der Medianwert bei etwa 1,6 ‰ – das entspricht fast einer Flasche Wodka in einer Stunde. Wir sprechen hier nicht von Menschen, die ein Glas Wein zum Abendessen getrunken haben, sondern von Alkoholabhängigkeit. Es gibt also verschiedene Gruppen: Gewohnheitstrinker, die als Teil ihrer Sucht betrunken Auto fahren; die «Alltagsgruppe» – Menschen, die auf eine Party gehen und dann am nächsten Morgen Auto fahren, weil sie denken: «Mir geht es gut»; und diejenigen in ländlichen Gebieten ohne öffentliche Verkehrsmittel, die bewusst das Risiko eingehen, weil sie sonst sozial isoliert wären. Jede Gruppe hat andere Motivationen, was bedeutet, dass Prävention komplexer sein muss, als den Menschen einfach zu sagen: «Trinken Sie nicht, wenn Sie fahren.»

radical: Wie kann Technologie helfen, wenn Menschen schlechte Entscheidungen treffen?

Aust: Der Schlüssel liegt darin, zu erkennen, wenn eine Person nicht in ihrem normalen Zustand ist. Als Unfallermittler habe ich gesehen, dass «schlechte Tage» viele Formen annehmen können – von Alkohol über Erschöpfung bis hin zu emotionalen Belastungen. Moderne Volvo-Fahrzeuge verwenden Kameras und Algorithmen, die die visuelle Aufmerksamkeit und das Lenkverhalten verfolgen. Wenn das System etwas Ungewöhnliches feststellt – zum Beispiel langsamere Reaktionszeiten oder unregelmässiges Lenkverhalten –, kann das Auto die Bremsen oder die Spurhaltung subtil anpassen. In extremen Fällen kann es das Auto sogar kontrolliert zum Stehen bringen, wenn der Fahrer handlungsunfähig wird – sei es durch Alkohol, einen Anfall oder einen Herzinfarkt. Es spielt keine Rolle, warum man nicht fahrtauglich ist; wichtig ist, dass niemand zu Schaden kommt. Vertrauen ist jedoch entscheidend. Die Automatisierung muss selbstbewusst, aber vorhersehbar eingreifen. Der Aufbau dieses Vertrauens dauert Jahre, der Verlust nur Sekunden.

radical: Könnten Autohersteller nicht einfach verhindern, dass betrunkene Menschen überhaupt fahren?

Aust: Technisch gesehen ja. Aber wir sind ein verbraucherorientiertes Unternehmen. Jede Entscheidung, das Auto nicht zu starten, wirkt sich auf das tägliche Leben eines Menschen aus: zur Arbeit fahren, Kinder abholen, Verwandte pflegen. Anstatt also Verhalten zu bestrafen, konzentrieren wir uns darauf, den Fahrer dabei zu unterstützen. Stellen Sie sich eine Stunde Fahrt mit vielleicht 500 Lenkbewegungen und 300 Pedalbewegungen vor. An einem «schlechten Tag» könnte ein Fahrer ein oder zwei davon verpassen. Das Auto kann diese Lücken still und leise füllen. Wenn der Fahrer eine einzige Lenkkorrektur vergisst, übernimmt das Auto diese für ihn – und er merkt es nicht einmal. Wir sind nicht hier, um zu urteilen. Wir sind hier, um zu schützen.

radical: Wie verhindern Sie, dass Menschen diesen Systemen zu sehr vertrauen – dass sie denken: «Das Auto wird das schon regeln»?

Aust: Die Menschen vertrauen nicht wegen der Werbung zu sehr, sondern weil sie noch nie gesehen haben, dass ein System versagt. Deshalb versuchen wir, ein sogenanntes kalibriertes Vertrauen zu schaffen: Die Menschen erleben, was das System kann und was nicht. Autonome Funktionen fordern Sie im richtigen Moment zur Eingabe auf. Wenn Sie schnell reagieren, entwickeln Sie die richtigen Reflexe. Wenn das System alles unsichtbar erledigt, werden Sie selbstgefällig. Autonomie ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine psychologische.

radical: Warum werden so viele Warnungen und Signaltöne in modernen Autos einfach ignoriert?

Aust: Weil das Gehirn Geräusche automatisch ausblendet. Wenn ein System in sieben oder acht von zehn Fällen richtig liegt, vertrauen die Menschen ihm. Wenn es nur in der Hälfte der Fälle richtig liegt, hören sie nicht mehr zu. Vorwärtskollisionswarnungen funktionieren, weil man den Lkw vor sich sehen und die Warnung verstehen kann. Aber ständige Pieptöne bei Spurverlassenswarnungen? Sie sind technisch korrekt, aber emotional bedeutungslos. Die Menschen haben keine Angst davor, Markierungslinien zu überfahren. Deshalb glauben wir an «Weniger piepen, mehr bedeuten». Jede Warnung muss ihren Platz verdienen – sie muss relevant, zeitnah und verständlich sein. Andernfalls ist sie nur digitales Rauschen.

radical: Komfort und Sicherheit werden oft als Gegensätze angesehen – wie schaffen Sie den Spagat zwischen beiden?

Aust: Komfort ist für die Sicherheit unerlässlich. Zu viel Lärm oder Vibrationen machen den Fahrer müde und gestresst. Zu viel Komfort – das «Spa auf Rädern»-Problem – kann Sie schläfrig und unaufmerksam machen. Wir untersuchen Umgebungen wie Kontrollräume oder Flugzeugcockpits, um die mentale Belastung zu verstehen. Menschen leisten am besten, wenn sie sich in einem Zustand konzentrierter Ruhe befinden: aufmerksam, aber nicht ängstlich. Das ist es, worauf wir unser Design ausrichten – ein Innenraum, der Sie aufmerksam hält, ohne Sie zu ermüden.

radical: Elektroautos sind so leise, dass manche Fahrer das als beunruhigend empfinden. Ist das ein Sicherheitsrisiko?

Aust: Nur teilweise. Bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten sind Elektroautos gesetzlich verpflichtet, ein Aussengeräusch zu erzeugen, damit Fussgänger sie hören können. Ab etwa 30 km/h dominieren ohnehin Reifen- und Windgeräusche. Aber die Wahrnehmung von Stille hat eine psychologische Wirkung. Ein leiser Start vermittelt ein Gefühl von Gelassenheit und Kontrolle, was viele als Sicherheit interpretieren. Nach ein paar Wochen fällt es den Menschen schwer, wieder in ein lautes Auto zu steigen. Ein Ingenieur sagte mir, es sei, als würde man von einem ruhigen Studio in ein Rockkonzert wechseln. Dennoch ist völlige Stille nicht das Ziel. Man braucht subtile Rückmeldungen – Geräusche und Vibrationen, die einem sagen, wohin das Auto fährt. Wir filtern die bedeutungslosen Geräusche heraus und behalten die nützlichen Hinweise.

radical: Sie haben gesagt, Sicherheit sei auch ein Gefühl. Kann man das wirklich gestalten?

Aust: Auf jeden Fall. Sich sicher zu fühlen hat nicht nur mit Airbags und Crashtests zu tun – es geht um Vertrauen, Ruhe und Kontrolle. Wir messen Dinge wie kognitive Belastung, Licht und Geräuschpegel. Wir wissen, dass Hintergrundgeräusche Stresshormone erhöhen. Wir wissen, dass Blendung die Augen belastet. Wir gestalten entsprechend. Aber wir wollen auch nicht, dass die Menschen so entspannt sind, dass sie die Konzentration verlieren. Wenn sich das Auto wie ein Spa anfühlt, fängt man an zu träumen. Die Kunst liegt in der Balance: friedlich und doch ansprechend.

radical: Wie wird künstliche Intelligenz Ihrer Meinung nach die Sicherheitsforschung verändern?

Aust: Das hat sie bereits. KI verändert die Art und Weise, wie wir Hindernisse erkennen, Unfälle simulieren und das Fahrverhalten analysieren. Maschinelles Lernen kann Muster erkennen, die Menschen übersehen – zum Beispiel einen Fussgänger, der teilweise hinter einem Auto versteckt ist. Es ist besonders gut bei Wahrnehmungsaufgaben. Aber Entscheidungsfindung ist eine andere Geschichte. KI muss transparent bleiben. Wir müssen wissen, warum sie sich zum Bremsen oder Lenken entscheidet, sonst können wir sie nicht zertifizieren oder ihr vertrauen. Verantwortungsvoll eingesetzt, beschleunigt KI den Fortschritt – was früher Wochen dauerte, kann nun in Stunden erledigt werden. Unbedacht eingesetzt, kann sie ebenso schnell Unsinn produzieren. Wie jedes leistungsstarke Werkzeug hängt es davon ab, wie klug man es einsetzt.

radical: Oft wird angenommen, dass KI alle Probleme lösen wird. Wird sie das?

Aust: Nein. KI ist wie ein Exoskelett: Sie vervielfacht Ihre Kraft, aber Sie brauchen immer noch Ihr Urteilsvermögen. Sie kann eine Tonne heben – oder ein Loch in die Wand schlagen. Technologie kann menschliche Fehler reduzieren, aber sie kann die menschliche Natur nicht auslöschen. Deshalb wird die Verhaltenswissenschaft im Autodesign genauso wichtig wie die Technik. Als ich vor zwanzig Jahren zu Volvo kam, waren wir drei Verhaltenswissenschaftler unter Tausenden von Volvo-Ingenieuren. Heute sind wir allein in meiner Abteilung zehn Verhaltensforscher. Diese Veränderung sagt alles: Je komplexer Autos werden, desto wichtiger ist es, Menschen zu verstehen.

radical: Nach all der Technologie kommt es also immer noch auf den menschlichen Faktor an?

Aust: Immer. Autos haben bereits genug Sensoren. Was wir jetzt brauchen, ist eine bessere Interpretation – zu verstehen, wann ein Fahrer gestresst, müde oder abgelenkt ist, und ihn zu unterstützen, ohne die Kontrolle zu übernehmen. Wahre Sicherheit bedeutet nicht, eine perfekte Maschine zu bauen, sondern eine Partnerschaft zwischen Mensch und Auto zu schaffen.

radical: Sie haben einmal eine Studie durchgeführt, in der müde Fahrer für Pausen belohnt wurden. Was hat das über Motivation gezeigt?

Aust: Es war bemerkenswert. Als wir einfach sagten: «Sie sind müde, bitte machen Sie eine Pause», taten dies etwa vierzig Prozent. Als wir hinzufügten: «Wenn Sie jetzt anhalten, erhalten Sie ein kleines Überraschungsgeschenk», hielten fast neunzig Prozent innerhalb von zwanzig Minuten an. Das sagt etwas Grundlegendes über die menschliche Natur aus: Wenn wir müde sind, versagt unser Verstand, aber unsere Neugier funktioniert weiterhin. Manchmal ist es also am besten, Menschen nicht zu überzeugen, sondern ihnen einen kleinen Anstoss zu geben, um ihre Sicherheit zu gewährleisten.

radical: Was überrascht Sie nach zwanzig Jahren der Erforschung von Fahrern noch?

Aust: Wie emotional das Autofahren ist. Es geht nicht nur um Transport – es geht um Identität, Freiheit, Gewohnheit. Menschen bauen eine Beziehung zu ihrem Auto auf, und diese Beziehung beeinflusst ihr Verhalten weit mehr, als ihnen bewusst ist. Deshalb geht es bei der nächsten Herausforderung im Bereich Sicherheit nicht um Hardware. Es geht um Empathie. Wir müssen verstehen, was Menschen am Steuer empfinden – denn nur dann können wir Autos entwickeln, die sie wirklich schützen.

Es ist dies ein Artikel aus radical#5, dort der bezahlten Volvo-Beilage (wobei man gerade hier doch gut erkennen kann, dass dies redaktionell sehr wertvoll sein kann). Mehr schöne Geschichten haben wir in unserem Archiv.

6 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Was für ein Riesenthema.
    Man könnte nun stundenlang darüber schreiben und philosophieren.

    Die Überschrift ist vollkommen korrekt, sagt eigentlich schon alles.
    Man müsste nicht am Auto forschen, entwickeln, verbessern, sondern am Menschen.

    Ganz einfaches Beispiel:
    Wenn es dunkel wurde, musste man das Licht einschalten.
    Jetzt macht es das Auto selbst. Blöd nur, tagsüber bei Nebel macht es das nicht und 80 % der Autos sind nur von vorn am Tagfahrlicht zu erkennen, ältere Modelle gar nicht.
    Verblödet zu viel Assistenz den Menschen?

    Schlimmstes Beispiel: Smartphone.
    Langsam gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass sich eine große Anzahl an Mitbürgern eine virtuelle Identität aufgebaut hat und permanent auf Bestätigung dieser lauert. Unfassbar viele hereinkommende Nachrichten müssen gecheckt werden, auch während der Fahrt. Sieht man immerzu. Es wird sogar mit zwei Händen getippt, während der Fahrt, telefonieren ist ja out.
    Ehrlich, keiner ist so wichtig, dass er seine Mails etc. nicht nach der Fahrt ansehen kann und entscheiden, ob etwas wirklich wichtig ist und zeitnah beantwortet werden muss.

    Bis vor gar nicht langer Zeit musste man dazu ja auch an den Computer und das musste eben warten, wenn man unterwegs war.

    Nein, ich bin nicht gestrig, das Smartphone ist phantastisch, wenn man es richtig, dosiert und zur Information einsetzt. Sich davon aber nicht unter Druck setzen lässt, im Gegenteil, richtig eingesetzt trägt es enorm zur Entspannung bei, weil man eben wirklich wichtige Dinge kaum noch versäumen kann.

    Jedoch, es wird eingesetzt wie ein Ferrari, der mit 300 durch die Ortschaft geprügelt wird.

    Darauf haben die Autohersteller keinen Einfluss, auch wenn sie die Anzahl der Psychologen verhundertfachen und die Bedienung des Autos vereinfachen und „versinnvollen“.

    • Christian Christian

      Rolf, Du sprichst mir aus der Seele.

      Ich bin ja beruflich auch oft im „Straßenraum“ tätig und trotz Komplettverkleidung in „Müllmannorange mit reflektierenden Streifen“ wird der Aufenthalt immer ungemütlicher.
      Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber wenn ich das „herumgedaddel“ der Faherer und Fahrerinnen während der Fahrt sehe, dann wird mir schlecht. Gott sei dank, gibt es Schulweghelfer, verantworungsbewusste Mitbürger, und ja, auch die vielgescholtene Jugend ist sehr aufmerksam und verhindert dadurch Schlimmeres.
      Eigentlich wäre es technisch doch ganz einfach. Sobald sich das Handy mit dem Auto verbunden hat ist nur noch Telefonieren über Freisprecheinrichtung möglich. Alle anderen Möglichkeiten der Kommunikation werden gesperrt. Da die Hersteller das nicht schaffen, wäre das eine sinnvolle gesetzliche Regelung und nicht die ganzen anderen sinnlosen Vorschriften der Kra(n)ke(n) EU. Und selbst das sinnlose „Dauergeplappere“ im Auto ist schon grenzwertig – der Walter würde das ablehnen 😉

      • Rolf Rolf

        Dann würde es halt nicht verbunden ….. Über GPS Messung ab 10 kmh abschalten wäre möglich , dann gehts auch auf dem Fahrrad nicht mehr . Blieben nur noch die gefährlichen Fußgänger übrig . Die Beifahrer könnten dann aber auch nicht mehr .

        • Rolf Rolf

          Ich hatte mal so eine Funktion in einem vom Hof gekauften 530d (E39 Bj. 2004).
          Der hatte eine TV-Funktion, die ich selbst nie bestellt hätte.
          Fersehgucken ging, sobald man auch nur anrollte, verschwand das Bild und nur der Ton blieb übrig.
          Zweimal habe ich sie benutzt. Einmal als Otto Rehakles die Griechen zur Europameisterschaft führte, wir kamen gerade aus dem Theater und guckten auf dem Parkplatz kurz rein. Es gab noch kein Smartphone, das kam erst 2007, man glaubt es kaum. Im Theater wurden wir zwischendurch über den Stand informiert.
          Dann als die Einspritzpumpe aufgab und ich eine Stunde auf den ADAC gewartet habe.

        • Max Max

          Eine etwas eleganter, Erkennung wären noch notwendig, sonst würde der im Zug auch ausschalten. Wäre aber auch ok 😉

          • Rolf Rolf

            Im Zug über WLAN 🙂

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