Sugar-Daddy
Es gibt so viele schöne Geschichten über die Zusammenarbeit von Chrysler und Ghia, es begann Anfang der 50er Jahre mit den so genannten «idea cars» (haben wir hier, in eins, zwei, drei Teilen). Dann gab es ab 1956 noch einen zweiten Versuch, den Dual-Ghia, von dem es zwei Serien gab, die sich beide eher nicht so gut verkauften; dort begegnen wir auch zum ersten Mal einem Mann namens Paul Farago. Und dann ist da auch noch der Ghia 450 SS, dessen Entstehung einem sehr ähnlichen Muster folgte wie beim Dual-Ghia, einfach zehn Jahre später – und den auch das gleiche Schicksal ereilte.



Da war also Burton Roy Sugarman. Der ist auch heute noch eine ziemliche Nummer, unterdessen 86, oft verheiratet, am liebsten mit Schauspielerinnen, TV- und Film-Produzent. Als junger Mann fuhr er auch Rennen – und las anscheinend «Road & Track». Auf der Titelseite der Märzausgabe von 1965 sah er den Ghia 230 S (als Coupé), jenes Modell, mit dem die Italiener mit Fiat ins Geschäft kommen wollten für einen Nachfolger des Fiat 2300 Coupé. Sugarman, damals 26, setzte sich in ein Flugzeug, reiste nach Turin, wurde bei Ghia vorstellig – und äusserte den vielleicht etwas absonderlichen Wunsch, eine kleine Serie bauen zu lassen. Ghia, einem Geschäft nie abgeneigt und überhaupt ziemlich erfahren, wie man Amerikaner über den Tisch ziehen kann, erklärte dem jungen Mann, dass er sich doch zuerst einmal Gedanken machen sollte, mit welcher Technik er denn «sein» Auto versehen lassen würde – und schickte ihn wieder nach Hause.






Dort wandte sich Sugarman zuerst einmal an John DeLorean, den er von irgendwelchen Parties kannte und der gerade zum Chef von Pontiac ernannt worden war. Doch DeLorean winkte ab, schickte ihn zur Konkurrenz, genauer zu Bon Anders, dem damaligen Chef von Plymouth. Der kannte das Spiel, auch die lange Geschichte von Chrysler und Ghia, sagte Sugarman Motoren und Komponenten für 100 Fahrzeuge zu, liess auch gleich einen Plymouth Barracuda nach Turin transportieren. Und er stellte ihm Paul Farago zur Verfügung, jenen Mann also, der auch schon beim Dual-Ghia seine Hände entscheidend im Spiel gehabt hatte. Farago, geboren in Italien, ehemaliger Rennfahrer und wie Sugarman den schönen Seiten des Lebens nicht abgeneigt, konstruierte zuerst einmal ein neues Chassis, übernahm aber sonst alles vom Barracuda, inklusive der Bedienungsanleitung, vor allem aber den 4,5-Liter-V8 und die ToqueFlyte-Automatik. Schon im November 1965 wurde ein erstes Fahrzeug photographiert, bei der Form konnte man sich sehr eng an den von Sergio Sartorelli gezeichneten Ghia 230 S (unterdessen als Cabrio) halten, der neue Designchef von Ghia, Giorgetto Giugiaro, änderte noch ein paar Details.










Sugarman hatte nun also sein Auto, das er als Ghia 450 SS nannte. Er hatte auch den Vertrieb organisiert, mietete sich im schicken Beverly Hills einen schönen Show-Room. Erstmals gezeigt wurde der Wagen noch im November 1965 in Turin, offiziell vorgestellt dann in Genf 1966; da waren aber schon ein paar Exemplare per Luftfracht in die USA geflogen worden. Doch Sugarman hatte auch ein paar Probleme: Mit einem Listenpreis von 11’800 Dollar (später dann sogar 13’200 Dollar) war der Ghia 450 SS rund vier Mal so teuer wie der Plymouth Barracuda, mit dem er sich die Technik teilte – für das gleiche Geld erhielt man fast schon einen Ferrari. Und auch wenn der «italienische Barracuda», 4,57 Meter lang, 1,75 Meter breit und (mit Hardtop) 1,25 Meter hoch, ziemlich schick aussah – so richtig sportlich war er mit seinen 1300 Kilo und knapp 240 PS dann halt doch nicht. «Road & Track», damit sich auch dieser Kreis noch schliesst, monierte die indifferente Lenkung.








Und dann war es halt einfach auch so: Die zweite Hälfte der 60er Jahre war die beste Zeit der amerikanischen Muscle-Cars, richtig böse Corvette und Camaro, die herrlichen Hemi von Chrysler, viel günstigere Mustang – der Ghia 450 SS sah da alt aus. Nach nur 52, vielleicht auch 57 Exemplaren zog Sugarman den Stecker; 37 davon sollen heute noch existieren. Das weisse Fahrzeug oben trägt die Chassisnummer BS4049, wird von Broad Arrow Ende Januar 2026 online versteigert und auf 80’000 bis 120’000 Euro geschätzt; das rote Fahrzeug unten ist BS4012, kommt bei Artcurial in Paris 2026 unter den Hammer, Schätzpreis 100’000 bis 130’000 Euro.



















Paul Farago versuchte es übrigens 1969 noch einmal mit einer transatlantischen Kooperation, diesmal liess er einen Pontiac Firebird bei Coggiola neu einkleiden. Es blieb bei einem Einzelstück.

Mehr coole US-Cars haben wir im Archiv.


Schönes Auto. Sieht auf den ersten Blick amerikanisch aus, aber irgendwie viel eleganter. Erstaunlich, der kurze Radstand, heute sind die Räder ja an den Ecken.
Das schlichte und doch sportlich vollständige Armaturenbrett ist ebenfalls sehr ansehnlich, die Kippschalter sowieso. Dem Roten steht sogar das Nardi.
Leider hatte er ein ähnliches Schicksal wie bei uns der Ford Osi, die „wunderschöne lahme Ente“.
Witzig finde ich die Alfa Romeo Giulia Rückleuchten, die zu der Zeit auch bei den stätischen Linienbussen (Einheitstyp) verbaut wurden.
Ich mach mich bei solchen Exoten gerne auf die Suche nach „Großserienbauteilen“.
Aber ansonsten hat das Auto feine, unaufgeregte Linien und steht schon im Kontrast zu den Autos, die die Amis damals so gebaut haben (Flossenmonster).
Der Ghibli hat auch die Giulia Rückleuchten.
Der De Tomaso Longchamp jene des 1750 und die Scheinwerfer vom Granada.
Das Schwestermodell Maserati Kyalami hat die Rücklichter des Citroen SM.
Und Tesla den Wählhebel von Mercedes.