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radical zero: Test Volvo ES90

The Grand Tour

Jetzt geht es auf radical auch noch um Fussball. Keine Angst, nur indirekt, mich interessiert Fussball in erster Linie als soziales Phänomen, diese Formen von Massenhysterie und deren Auswirkungen, in welcher Form sie sich ausgestalten können. Seit Jahrzehnten besuche ich Spiele auf der ganzen Welt, grosse Stadien, aber auch Provinz-Theater, es ist mir (meist) egal, wer spielt und wer dann gewinnt, aber ich liebe die Stimmung, die Choreographien des organisierten Lärms, diese oft nicht wirklich erklärbaren Liebes- und Hassbekundungen, dieses Opium fürs Volk. Vorletztes Jahr konnte ich meinen Sohn dafür begeistern, zuerst einmal Mailand, San Siro, grossartig; heuer versuchte ich es auch bei meiner Tochter. Klar, sagte sie, sehr gern – aber wir werden nicht fliegen. Ich schluckte mal kurz, denn mein Plan war: Napoli vs Chelsea, Champions League. Dann überlegte ich mir: Wir könnten ja so eine (kleine) Grand Tour machen, uns langsam annähern, über Bologna, Florenz, Rom, anständig essen allerorten, dann irgendwie zurück, mehr so übers Land. Das Transportmittel war klar, der neue Liebling, perfekt für solche Kurzstrecken. Doch dann schritt das Leben ein, der Sohn hatte noch eine Sitzung am Dienstagmorgen, musste auch am Freitagmorgen wieder auf die Arbeit; Volvo gab mir kurzfristig den ganz neuen ES90 mit auf den Weg. Also wurde aus der Grand Tour mehr so ein Quickie.

Weil es ja nicht (nur) um Fussball geht, hier zuerst ein paar nicht unwichtige Fakten zum Volvo ES90. Als Single Motor Extended Range kommt der exakt 5 Meter lange und 2,4 Tonnen schwere Schwede mit 333 PS und 480 Nm maximalem Drehmoment, einem 92-kWh-Akku, für den eine WLTP-Reichweite von 638 Kilometern angegeben wird; geladen werden kann mit maximal 350 kW. Gute Voraussetzungen also für eine Reise aus dem Emmental über Bologna nach Neapel, insgesamt etwa 1200 Kilometer, one way. Es ging auch locker los, der Reiseplaner meinte, Laden in Fidenza nach etwa 450 Kilometern, das schafften wir zu dritt im Auto (plus leichtem Gepäck) auch problemlos, trotz Minusgraden und Heizung und Sitzheizung, trotz lauter Musik (der Junior bestimmte den Sound). Dort ein 300-kW-Lader, am Anfang sog sich der Volvo gleich mal 297 kW rein, nach einem kleinen Spaziergang und Kaffee ging es nach 30 Minuten weiter nach Bologna, wo wir übernachteten. Wunderbare Stadt, völlig unterschätzt, grossartiges Essen.

Am nächsten Morgen los mit etwa 60 Prozent SOC, nach Florenz ging es gemäss Volvo-Planer (leider) zu einem Supercharger der Marke, die wir hier vielleicht bald wieder nennen (denn die Produkte sind ja alles andere als schlecht). Der dann nur mit bescheidenen 70 kW lud – der einheimische X-Fahrer meinte, mehr schaffe die Anlage nicht. Also Planänderung, ein Zwischenstop mehr, dies nach Rom, 300-kW-Lader, der auf immerhin max. 200 kW kam, danach in der Nähe des Flughafens von Neapel, wo wir noch den wahren Fussballkenner M. abholten, noch einmal auf fast 100 Prozent laden, als Vorbereitung auf die Rückfahrt. Der erste Versuch ging dann reichlich daneben, siehe Bild unten. Nächste Station, wieder über mit über 200 kW laden, alles gut, alles locker, sauberes Timing.

Der Volvo ES90. Auch in seiner einfachsten Form ein ganz, ganz feines Automobil. Unglaublich, diese Ruhe. Sehr, sehr guter Komfort, definitiv auf S-Klasse-Niveau. Fantastische Platzverhältnisse gerade hinten (kein Wunder, bei mehr als 3,1 Meter Radstand), riesiger Kofferraum dazu. Es gibt auch wieder Leder und irgendeine Form von Holz (der Sieg der Kunden über die Vernunft), ansonsten herrscht innen der extremste Minimalismus, sehr grosser Display in der Mitte, kinderleichte Bedienung; grandioses Sound-System. Wahrscheinlich ist hinten rechts der richtige Ort, sich fahren lassen passt irgendwie bestens zu dieser grossen Limousine (die ja gar keine ist, denn der Volvo verfügt über eine so riesige Heckklappe wie sein Glasdach). Braucht man das? Jein. Will man das? Jein.

Dort ins Quartieri Spagnoli in Napoli passt der Schwede definitiv nicht. Dort fährt man Roller oder allenfalls Smart, es ist sehr eng. Aber ich hab halt mal wieder nicht genau nachgeschaut, wo unser AirB&B ist, und deshalb sind wir deutlich mehr mittendrin als voll daneben, orgeln dann halt auch mal 5x, bis wir ums Eck sind – und suchen gar nicht mehr erst nach irgendeinem erfundenen Parkplatz, hauen das Ding irgendwann bloss noch für teures Geld ins Parkhaus. Dann ein erstes Bierchen, noch ein zweites, dann zur legendären Pizzeria, es dauert etwas länger als geplant, aber zwei Minuten vor Anpfiff sind wir bei Diego Armando Maradona, also, in dem nach ihm benannten Stadion. In Napoli ist Diegito überall, Himmel, das ist rund 40 Jahre her, doch das ist Heiligenverehrung für den Argentinier, was in Napoli weiterhin abläuft. Man könnte fast ein bisschen (still) weinen, das ist eine der schönsten Formen von Respekt, die ich je gesehen habe. Die Hütte ist voll, es wird viel gesungen, es ist wunderbar friedlich – und obwohl das nicht sonderlich gute Spiel mit 2:3 verloren geht, gibt es am Schluss eine fröhliche standing ovation. So macht das doch Freud‘.

Dann also zurück, 1153 Kilometer. Jetzt vier Personen mit Gepäck, etwas wärmere Temperaturen, Start mit 88 Prozent. Erste Ladestation irgendwo in der tiefsten Pampa, 700 Meter von der Autobahnausfahrt, 8 Stecker mit 300 kW, die aussehen, als seien sie noch nie benutzt worden. Aber der Volvo zieht wieder 270 kW (also, zu Beginn), kleiner Fussmarsch zur nächsten Bar, Caffè, wieder zurück, bei 70 Prozent SOC sind es immer noch 150 kW, erst bei 80 Prozent fällt es unter 100. Weiter, der Junior hat das Steuer übernommen, er fährt zu flott (ach, diese Jugend), nach Florenz müssen wir einsehen, dass wir es wohl nicht bis nach Bologna schaffen, also neuer Plan (der Volvo hilft da gar nicht, er ist komplett überfordert). Doch auch auf Google Maps ist es schwierig, bei einem Outlet in Barberino soll es wieder Supercharger der ungenannten Marke haben, doch gleich hinter der Autobahnausfahrt stehen ein paar 300-kW-Ladesäulen, die auf keiner meiner (vielen) Apps verzeichnet sind. Und ausserdem hat es dort auch gleich noch ein gutes Restaurant, so dass wir unverhofft noch zu einem mehr als nur anständigen Mittagessen kommen. Als wir wieder losfahren, ist der Volvo fast voll, schafft es locker ins Tessin, noch einmal tanken – und fast auf die Minute genau 12 Stunden nach dem Start in Neapel sind wir wieder daheim.

Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 100 km/h, das ist schon mal nicht schlecht. Ein Verbrauch von 22,6 kWh/100 km bei diesen Bedingungen (viel Regen) darf man als ausgezeichnet bezeichnen. Geld gespart beim Laden im Vergleich zum Tanken haben wir wohl nicht entscheidend (der Liebling hätte das wohl mit etwa 7 Litern im Schnitt geschafft), aber da muss ich noch die Abrechnungen abwarten; umweltfreundlicher war es aber auf jeden Fall. Der Volvo hat absolut überzeugt mit seiner wunderbaren Ruhe, dem hohen Reisekomfort, seinen sehr grosszügigen Platzverhältnissen, seiner mehrheitlich guten Reiseplanung (da geht noch was…). Aber das darf man auch erwarten von einem Fahrzeug, das in seiner Basis-Version 73’700 Franken kostet (Testwagen: 85’700 Franken). Nächstes Fussball-Ziel, übrigens: Marseille.

Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv. Ach ja, mehr Bilder vom Volvo gibt es auf unserem neuen Insta-Kanal: Charging Tristesse.

5 Kommentare

  1. Rolf Rolf

    Hand aufs Herz, Herr Ruch, Wieviele Kilo zeigt die Waage nach den E-Auto Ausflügen an? Ich lese gefühlt von permanenten Pausen in Verbindung mit Nahrungsaufnahme. 😉

    • Geka Geka

      Hmm, steigern jetzt E-Autos die Fettleibigkeitsraten?

    • Peter Ruch Peter Ruch

      es ist eigentlich anders, ich komm durch die vielen Ladestopps zu mehr Bewegung, ich geh ja dann immer ein bisschen spazieren…

      • Rolf Rolf

        Ja, es ist eigentlich erschütternd, was wir unseren Körpern antun mit der typischen Bewegungslosigkeit. Auch ich habe jahrzehntelang am Schreibtisch oder im Auto gesessen, war nie fett, hatte aber durchaus mit einigen Kilos zu viel zu kämpfen.

        Seit ich nun täglich acht bis zwölf Kilometer mit meinen Hunden gehe, habe ich ohne weiteres Zutun über zwölf Kilo abgenommen, obwohl ich eher mehr esse und sogar deutlich mehr Süsses als früher. Mit „Ihrer“ japanischen Küche wäre ich vermutlich ein Strich in der Landschaft.

  2. julia julia

    Ladestopps..

    dann kann man auch Rad fahren..

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