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Studebaker Avanti

Schräger Vogel

Während die Corvette von Chevrolet in der Schweiz eine beachtliche Verbreitung fand, kamen nur ein paar Dutzend Studebaker Avanti über den Zürcher Importeur Binelli & Ehrsam in unser Land. Der zweifellos berühmteste Schweizer Avanti-Besitzer war der Kunstmaler Hans Erni; den gelernten Grafiker konnte man noch in weit fortgeschrittenem Alter am Lenkrad seines mausgrauen Avanti auf unseren Strassen antreffen. Wer heute einen Avanti sucht und ein bisschen Auswahl haben möchte, sieht sich am besten in den USA um; hierzulande gab es jahrelang schlicht und einfach keinen Markt dafür. Das hier abgebildete Modell (zu kaufen gewesen einst in der Oldtimer-Galerie Toffen) ist die Ausnahme von der Regel: Ein Modell 1963, handgeschaltet, ohne Kompressor (dazu später mehr), sehr guter Zustand. Nicht original ist das Lochspeichen-Lenkrad, und auch die Doppelscheinwerfer gab es in dieser Form nicht: Bis kurz vor Produktionsende besass der Avanti lupenreine Rundscheinwerfer, die letzten 1964er-Exemplare wurden – ebenso wie der spätere Avanti II – mit Rundscheinwerfern in eckigen Einfassungen auf den Zeitgeist getrimmt. Das Vieraugengesicht wurde dem damals neuen Wagen durch die Garage Dietrich in Basel appliziert.

Aber ob Doppelscheinwerfer oder nicht: Das ganz und gar ungewöhnliche Design des Avanti mit seinem Gemisch von runden und eckigen Formen gab schon von allem Anfang an zu reden. Noch nie zuvor hatte es ein Auto gegeben, das so augenfällig keinen Kühllufteinlass besass (tatsächlich gab es natürlich einen, aber unter der Stossstange und fast völlig flach, was mitverantwortlich gewesen sein mag für die notorische Hitzeanfälligkeit des Motors), noch nie hatte jemand eine Karosserie durch Einzug der Flanken einer Cola-Flasche nachempfunden, noch nicht gefasst waren die Kunden auf Designelemente, die heute üblich sind, etwa die ausgeprägte Keilform oder das grosse Heckfenster. Ohne Frage ein Design, das polarisierte. Aber auch wenn es nicht zu den Entwürfen gehört, das gleich von Anfang an everybodys Darling ist, so gehört es doch zu den Langlebigsten: Noch im Jahre 2005 entstand eine modernisierte, aber in den Grundmerkmalen kaum veränderte, durchaus sehenswerte Version, und das ist fast ein halbes Jahrhundert nach der Lancierung des Ur-Avanti doch alles andere als selbstverständlich.

Jedes Auto hat seine Schokoladeseite. Für den Chronisten ist das diskussionslos der Anblick von schräg hinten, und damit hat es seine besondere Bewandtnis: An einem Tag im Jahre 1964 schnürte er in Zürich im Alfa Romeo 2600 Sprint Coupé seines Vaters Richtung Milchbuck hoch, als plötzlich ein schwarzer Avanti an ihm vorbeidonnerte; der Anblick des hohen Hecks, der geschwungenen hinteren Kotflügel und der armdicken, schwarz rauchenden Auspuffrohre hat ihn so fasziniert, dass er sich schwor, sich irgendwann einmal ein solches Teil zuzulegen. Und das dann auch wirklich tat.

Entstanden ist der Avanti – diesen Teil der Historie kennt jeder halbwegs bewanderte Fan – im Frühling 1961 unter der Leitung des französischen Industriedesigners Raymond Loewy. In nur gerade sechs Wochen realisierte das nur aus einer Handvoll Leute bestehende Team in der Abgeschiedenheit einer Villa in Palm Springs, Kalifornien, ein 1:1-Tonmodell, das von der Studebaker-Führungsriege unter Sherwood Egbert mit Begeisterung aufgenommen wurde. Übrigens: Loewy wird oft und gerne als Erfinder der Coca-Cola-Flasche und der Shell-Muschel bezeichnet, aber in der Tat hat er nur die sehr viel älteren Originale einem Redesign unterzogen. Wieviel vom Avanti-Design tatsächlich von ihm selbst stammt, ist umstritten.

Die Aufgabe war, ein vierplätziges Sportcoupé zu entwickeln, das es mit der Corvette und mit europäischen Prestigesportwagen aufnehmen konnte. Grosse Stückzahlen waren nicht das Ziel, der neue Wagen sollte vor allem ein Imageträger für Stubebaker werden. Deshalb drängte sich eine Kunststoffkarosserie à la Corvette geradezu auf; das ersparte die immensen Werkzeugkosten für Blechpressen. Aufgesetzt wurde die Karosserie auf ein modifiziertes Chassis des Lark, eines der ersten amerikanischen «Compact-Cars», wobei X-Verstrebungen zur Verbesserung der Verwindungssteifigkeit beitragen sollten. Weil eine Polyesterkarosserie damaliger Bauweise bei einem Überschlag zusammengekracht wäre wie eine Sperrholzkiste, erhielt der Avanti als eines der ersten Autos überhaupt einen integrierten Überrollbügel aus Stahl. Technisch konnte aus Kostengründen nicht alles realisiert werden, was ursprünglich angedacht wurde, beispielsweise eine hintere Einzelradaufhängung. Aber immerhin erhielt der ursprünglich mit der Zusatzbezeichnung «GT» versehene Avanti als erster Amerikaner vordere Scheibenbremsen (Bendix/Dunlop), was damals in der Werbung gross herausgestrichen wurde. Ausserdem gab es Sicherheits-Türschlösser sowie Sicherheitsgurten – in Wagenfarbe.

Angetrieben wurde der Avanti vom hauseigenen 4,7-Liter-«Jet Thrust»-V8, und zwar in freisaugender Version (Codename: R-1) sowie mit Paxton-Supercharger (R-2). Weil anfänglich werksseitig keine Leistungsangaben gemacht wurden (da hat man wohl auf Rolls-Royce und Bentley geschielt), zirkulierten wilde PS-Angaben. Reichlich Nahrung fanden diese Spekulationen in den zahlreichen Rekordversuchen, die Rennfahrer Andy Granatelli auf den Bonneville Salt Flats mit speziell präparierten Versionen (R-3, R-5) durchführte; die dazugehörigen Fotos mit imposantem Bremsfallschirm sorgten jedenfalls beim Publikum für ehrfürchtiges Staunen.

Was die tatsächliche Leistung der Serienfahrzeuge betrifft, müssen selbst die später nachgelieferten exakten Daten (240 PS für den R-1, 290 PS für den R-2) mit Vorsicht genossen werden, handelt es sich doch dabei um amerikanische SAE-Brutto-PS. Nach heutiger Norm, so vermuten wir, kämen wohl kaum mehr als 150 bzw. 180 PS heraus. Der Chronist, jahrelang Besitzer eines R-2-Avanti, hat es in seiner Zeit bei der «Automobil Revue» genau wissen wollen und den mit Dreigang-Automatik bestückten Wagen den Strapazen einer Beschleunigungsmessung (mit dem damals legendären Peiseler-Messrad) unterzogen: Verbriefte 10 Sekunden benötigte der Kompressor-Avanti mit zwei Personen an Bord für 0-100 km/h – 180 PS dürften sich also angesichts des Gewichts von rund 1,5 Tonnen ziemlich ausgehen.

Dennoch: aus damaliger Sicht ist das Leistungsniveau mehr als beachtlich. So gesehen, nahm der Avanti eigentlich die amerikanischen «Muscle Cars» vorweg, jene starkmotorisierten Versionen von Mustang, Camaro, Challenger & Co. der späten 60er- und frühen 70er-Jahre. Auch wenn der Avanti, was das technische Layout betrifft, der europäischen Konkurrenz das Wasser nicht reichen konnte: Manche Merkmale und Ausstattungsdetails zeigen, dass Loewy und sein Team den Avanti designmässig fortschrittlich und unverwechselbar zugleich erscheinen lassen wollten. So lässt das Cockpit die Affinität Loewys zu Flugzeugen erkennen: Rot beleuchtete Instrumente (damals ein Novum), Bedienungshebel auf der Mittelkonsole, die an Schubhebel in Jets erinnern, Kippschalter im Dach. Wie ganzheitlich die Stylingidee umgesetzt wurde, zeigt die Hutze auf der Motorhaube, die ihre nahtlose Fortsetzung im Armaturenträger findet. Praktisch: eine kleine Durchreiche von der Hutablage in den Kofferraum. Und charmant: der aufklappbare Make-up-Spiegel im Handschuhfach (der Jaguar E lässt grüssen). Was man nicht unbedingt erwarten würde: auf den beiden Hintersitzen reist es sich recht kommod, die Beinfreiheit ist deutlich grösser als beispielsweise in einem Mustang. Schlanke Personen müssen zum Ein- und Aussteigen in den Fond noch nicht einmal die Vordersitzlehnen nach vorne klappen, sondern schaffen es dank den unglaublich langen Türen auch in der Direttissima.

In den USA lag der Preis des Studebaker Avanti mit 4500 Dollar um zirka 10 % über demjenigen der Corvette. Dass gleichwohl nicht mehr als 5000 Stück die Hallen in South Bend verliessen, liegt nicht nur am stark polarisierenden Design, sondern vor allem auch an den anfänglichen Lieferverzögerungen, welche wegen der lausigen Qualität der Kunststoffkarosserie in Kauf genommen mussten und die Kunden verärgerten. Als Studebaker die Herstellung der Karosserie schliesslich selber an die Hand nahm, waren zwar die Probleme weg, aber auch die Käufer. Schade für den zu früh erschienenen «Muscle Car». Das Potenzial wäre vorhanden gewesen. Das wusste nicht nur der Schweizer Hans Erni, sondern eine ganze Reihe anderer Celebrities: Frank Sinatra, Ian Fleming, Shirley Bassey oder Johnny Carson.

* Der Autor dieser Zeilen, Max Nötzli, war lange Jahre Chefredaktor der damals noch grossartigen «Automobil Revue».

Es stand einmal bei www.garage-11.de ein schöner Avanti zum Verkauf. Zu einem interessanten Preis. Jetzt ist halt zu spät. Aber die Garage 11 ist immer einen Blick wert.

Mehr schöne Amerikaner haben wir immer in unserem Archiv.

15 Kommentare

  1. Mist. Jetzt will ich einen.

    Hitzeprobleme des Motors und eine 50 Jahre alte Plastik Karosserie könnten mich davon abhalten.

    Aber wunderschön ist das Ding. Wahnsinn!

  2. Andreas Zigg Andreas Zigg

    g r o t t e n h ä s s l i ch !

    3 Autos zusammen gepflastert..

    Mein innerer Bertone geht mit dem Zagato schbeiben..

    2026 100% aller Autos. So gesehen ist das Ding eine Kulisse für eine
    MYKE MYERS BÖSEWICHT FILM.. lol

    wobei, der BMW i3 SUV.. ist noch grausam hässlicher als das teil.
    Inklusiver Lächerlichkeit.
    Wenn man Hirntot wäre, dann eine alles ohne nix tesla-Taxxi.
    tiefer ginge es nicht mehr.

    In München, bei uns dann noch die überdciken Audi Q8 Proleten SUV, drinnen
    unsere süd ost Fachkräfte, wh Drogenhandel, menschenHandel und Prostitution.

    Ich guck meinen 30 Jahre alten Mazda Mx5, und denk mir, wahnsinn.
    jeden Tag wird der schöner.
    Was willst machen. Andreas 🙂

    Ps manche user sind schon so sauer, mein Tip, bringt nix.
    relax und mach halt nicht mit.
    Ps2 : das Heck von dem wagen..ginge–na

  3. Andreas Zigg Andreas Zigg

    ps3..

    den m üsste man zum Restomoto bringen.
    soory..lol und 2 Mio Euro später war er botox schön und edel..
    soory yumademyday

    ps4: wennst im Mx5 sitzt, oder bald in einem renovierten Porsche Cayman, 2007er,
    dann sichts bei einem Auddddi Kuh 8 unter diese Karre.
    Wehe du bist net erster vor der Engstelle.. ( bist Bodendeckerl..)
    Andi 🙂

    • >> den m üsste man zum Restomoto bringen. <<

      Hat man längst, lieber Freund der unorthodoxen Orthographie und des punkigen Poetry-Slams, hat man längst!
      Googeln Sie mal den Begriff "Avanti Motor Cooperation Avanti II", da finden Sie einen der ersten "Restomods".

      Und wenn ich Sie dann in eines meiner Geschmacksbildungsseminare einlade, finden Sie danach den Wagen auch nicht mehr häßlich, vorher lesen Sie bitte noch rasch den Spiegel-Bestseller "Die Schönheit der Deutschen Sprache"!

  4. Ulrich Ulrich

    Tja, was will uns diese Antwort sagen?
    Oder, wie sagt Herr Servatius immer so schön: „D`ont drink and drive“!

    Der Avanti, ein herrlich skuriles Auto.

    Ulrich Günther

  5. Rolf Rolf

    Den fand ich schon immer wahnsinnig toll.
    Überhaupt diese Art GT, ebenso den Jensen Interceptor.

  6. Ein wunderbarer Wagen, der Avanti!
    Einer der Amerikaner, den ich zu gerne haben würde.

    Raymond Loewy war ja eine nicht unumstrittene Figur der internationalen Design-Szene, neben der Überarbeitung der Shell-Muschel, der Cola-Flasche und dem Avanti zeichnet er auch verantwortlich für das Design der Lucky Strikes-Packung und die Interieurs der Mondraketen der NASA, sein persönlicher Avanti trug deshalb auch deutlich sichtbar den NASA-Aufkleber auf der rechten, hinteren Seitenscheibe!

    Er hatte sich auch tatsächlich an eine Überarbeitung der Karosserie des ikonischen Jaguar E-Types gewagt, das Ergebnis war von erlesener Scheußlichkeit und dürfte bei Sir William Lyons höchstens ein irritiertes Zucken der rechten Augenbraue ausgelöst haben…
    Und:
    Er beschäftigte in seinem Studio für eine sehr kurze Zeit einen jungen Deutschen namens Albrecht Graf Goertz, den er kurzfristig wieder entließ, mit den Worten:
    Sie haben absolut kein Talent, junger Mann!
    Der untalentierte Graf erschuf wenig später den schönsten aller BMW’s, den 507, und später dann noch eine ganze Reihe anderer, bemerkenswerter Fahrzeuge…

    Aber das tut nichts zur Sache, mit dem Avanti hat Loewy wirklich ein ganz besonderes Fahrzeug geschaffen, unbedingt sollte man in diesem Auto immer eine Schachtel Luckies auf der Mittelkonsole und einen Raumanzug im Kofferraum liegen haben!

  7. Hömal Hömal

    Es tut mir ja sehr leid es so direkt sagen zu müssen, aber der Wagen ist für mich ein Höhepunkt misslungenen Designs, auf Augenhöhe mit dem Fiat Multipla. Stardesigner her oder hin. Ich finde ihn ausgesprochen disproportioniert mit seinem flachen, langen Vorderwagen und dem fetten Hinterteil und zweitens mit der sensationell unesthätischen schiefen Front mit den absurd hässlichen Glupschaugen-Scheinwerfern.

    Von mir bekommt der Studebaker Avanti die goldene Himbeere für das meistüberschätzte Design der Nachkriegszeit.

    Ich weiß nicht, was Loewy und sein Team geritten hat, aber das ganze Auto wirkt auf mich unglaublich verkrampft und gewollt. Da ist nix leichtes, ästhetisches, formschönes dran, sondern nur so ein hilfloses und ein wenig jämmerliches „ich bin die URSUPERTOLLE Avantgarde und ihr habt mich jetzt gefälligst superschön zu finden!!!“.

    An der Karosserie ist für mich rein gar nichts ästhetisch. Ja, von schräg hinten ist sie tatsächlich recht hübsch, weil von dieser Seite her die versammelten Design-Fails gnädig verdeckt werden. Aber was nützt das, wenn das Auto aus jeder anderen Perspektive einfach nicht anzuschauen ist? Kein Wunder, dass der Wagen kommerziell ein völliger Fehlschlag war.

  8. Rolf Rolf

    Nun kann die Gelehrtenmeinung ein Design, ein Buch, ein Kunstwerk usw. sehr gut finden, trotzdem muss es nicht jedem gefallen oder jeden ansprechen, auch wenn der „Gelehrte“ dies gar nicht begreifen kann oder will.
    Und wenn es nicht gefällt, heißt das nicht, das der/diejenige keinen guten Geschmack hätte.

    Hätten wir alle denselben Geschmack, hätten wir alle dasselbe Auto in derselben Farbkombination, dieselbe Uhr, dieselbe Hose und …. alle wären sie hinter meiner Frau her.

    • >> Hätten wir alle denselben Geschmack, hätten wir alle dasselbe Auto in derselben Farbkombination, dieselbe Uhr, dieselbe Hose und … <<

      Aber so ist das doch in Hamburg, lieber Rolf…

      Kleiner Scherz, das hat sich auch geändert, aber zu meiner Zeit konnte man die Hamburger auf dem Flughafen in München schon von weitem erkennen!

      Und:
      Nach dem Besuch eines meiner Geschmacksbildungsseminare finden die Teilnehmer den Avanti alle ganz großartig!!!

      • Hömal Hömal

        Ich bin durchaus in der Lage, die Philosophie hinter einem Design zu erkennen. Und Herr Ruch hat natürlich recht mit seinen Hinweisen auf all die Elemente, die am Avanti erstmals zu sehen waren bzw. die es so davor noch nicht gab. Leider ist das Gesamtergebnis beim Avanti meiner bescheidenen Meinung nach trotzdem ästhetisch ziemlich in die Hose gegangen. Was immer dann passiert, wenn mit der Brechstange versucht wird, Dinge „anders“ und/oder „großartig“ zu gestalten.

        Eine Frage noch: Was zum Geier ist ein „Geschmacksbildungsseminar“? Haben sie es sich zum Lebensziel gesetzt, dass jeder Mensch die gleichen Sachen toll findet wie sie? Ist ihnen eine Vielfalt an Sichtweisen dermaßen ein Greuel, weil die Ihrige in ihren Augen die einzig Wahre ist und ihr in Sachen Distinktion, Bildung, Feinsinnigkeit und Geschmack nichts gleich kommt? Kaufen sich nach ihrem Seminar dann auch alle die gleichen sauteuren Zigarren und den gleichen, mindestens 30 Jahre alten Single Malt?

        Ihr Satz klingt für mich ein bisserl nach realem Sozialismus und seinen Institutionen, in denen Menschen, die sich erdreisteten, andere Dinge gut zu finden als die Partei, auf Linie gebracht wurden.

        Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen den Avanti toll finden. Geschmäcker sind verschieden, und jede Skurrilität hat ihre Liebhaber, die sie fantastisch finden. Ich für meinen Teil habe nicht das Bedürfnis, solche Menschen in einem von mir geleiteten „Geschmacksbildungsseminar“ zu belehren, weil sie meiner Meinung nach zu verkopft sind, um zu sehen, dass Kaiser Avanti nackt ist. Alleine die Radläufe, die offenbar „Dynamik“ oder etwas in der Art vermitteln sollen, aber in Wirklichkeit zumindest an der Vorderachse so aussehen, als wäre man in der Produktion daran gescheitert, die Räder mittig drinnen zu platzieren – was bei der bekannten Fertigungsqualität von US-Autos ja nichts Ungewöhnliches wäre.

        Diskutieren und von mir aus auch streiten können wir gerne über die Ästhetik des Avanti. Aber am Ende soll bitte jeder nach seiner Fasson glücklich werden.

        • hugoservatius hugoservatius

          Lieber Hörmal,

          ein Geschmacksbildungsseminar ist – nichts anderes als pure Ironie!
          Es ist eine von mir gerne verwendete Floskel, um den schönen Lesern und klugen Leserinnen augenzwinkernd meine höchst verfeinerte, hypersensible und auf jahrzehntelange Beschäftigung mit unterschiedlichsten Formen der Gestaltung und Ästhetik fußenden Kompetenz zu vermitteln…
          Oder, einfacher formuliert:
          Ich maße mir in der Tat eine gewisse Kompetenz in der Beurteilung von Gestaltung an, habe natürlich auch ein gewisses Sendungsbewußtsein, schreibe ab und zu darüber und halte zu diesem Themenkomplex auch ab und zu Vorlesungen.
          Und verbringe große Teile des Tages mit Entwerfen, allerdings eher von nicht mobilen Objekten.
          Und wie immer, wenn man sich mit so etwas beschäftigt, lernt man mehr zu sehen, mehr zu erkennen, besser zu beurteilen, klarer einzuschätzen, man entwickelt ein Urteilsvermögen, was derjenige, der sich eher oberflächlich mit einem Thema beschäftigt, eventuell als elitär, als abgehoben empfindet.

          Dennoch ist es eine Tatsache, daß man ein Bild von Mark Rothko nur versteht, wenn man sich mit der Geschichte der Malerei beschäftigt hat, eine Symphonie von Luigi Nono nur schätzen kann, wenn man sich in die Geschichte der Musik eingearbeitet hat und die Architektur von Luigi Snozzi nur schätzen kann, wenn man sich mit den unterschiedlichen Strömungen der Architektur seit der Renaissance auseinandersetzt. Das mag übertrieben klingen, ist aber so, nennt sich altväterlich „Bildung“.

          Natürlich kann man kaum auf allen Gebieten diese Maß an Bildung vorweisen, ich beispielsweise verstehe relativ wenig von Musik, von Philosophie oder gar von Naturwissenschaften, das sind Themenkomplexe, bei denen ich mich zurückhalte.
          Von Whisky übrigens verstehe ich auch nix, von Cigarren sehr wenig.
          Und den Begriff „Geschmacksbildungsseminar“ hat meine Frau geprägt, wenn ich in geselliger Runde über ein Thema beginne, zu dozieren – „…wir sind hier nicht im Vorlesungssaal!“ ruft sie dann immer…
          Insofern, nehmen Sie mich bitte nicht zu ernst, seinen Sie mir bitte nicht böse und bleiben Sie mir gewogen!

          Noch kurz zum Avanti:
          Die formale Bedeutung des Wagens wird vor allem dann klar, wenn man sich die zeitgenössischen Konkurrenten in den USA anschaut, die Corvette von 1962 wirkt gegen den Avanti überladen und kitschig, der Avanti hat durch die innovativen Elemente seines Designs eine fast schon Europäische Klarheit mit einigen typischen Elementen der Amerikanischen Popkultur:
          Der Hüftschwung über den Hinterrädern in Verbindung mit der sich zum Heck hin verjüngenden Karosserie ist natürlich ein erotisches Symbol, welches an die weibliche Hüfte und das Gesäß erinnern soll, die großen Einzelscheinwerfer in Verbindung mit der geschlossenen Motorhaube haben etwas von der comichaften Überzeichnung eines Kindergesichts und die von Ihnen kritisierte Stellung der Räder in den Radkästen ist wiederum ein Comiczitat, schauen Sie sich mal das Auto von Donald Duck an, wenn es schnell fährt, die nach vorne in den Radausschnitten gerückten Räder vermitteln den Eindruck, daß das Chassis mit dem Antriebsstrang dynamisch vorantreibt, während die Karosserie aufgrund der enormen Kraftentfaltung noch nicht hinterherkommt.
          Es war das Raketenzeitalter und die Faszination für diese Zukunftstechnologie zeigt sich beim Avanti beispielsweise auch sehr deutlich im Innenraum.
          Und, ja, da gebe ich Ihnen Recht, man muß den Avanti nicht schön finden, aber cool ist er in jedem Fall sehr!

          • Rolf Rolf

            Nun behaupte ich einfach mal, dass diese Art der Lehrtätigkeit nur sehr begrenzt Sinn macht.

            Man kann Gesprächs-, Vortrags- und Verhandlungstechniken erlernen. Das Wissen um bestimmte Wirkungen kann nützlich sein. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch Empathie und die kann man nicht erlernen.
            Fehlt diese, werden die eingesetzten erlernten Techniken immer künstlich erscheinen, böse gesagt wie Callcenter-Geschwafel.

            Mit Geschmack verhält es sich ganz ähnlich.
            Fehlt dieser, werden noch so gute Kleider, Einrichtungen, auch Autos, nie wirklich zur Person passend wirken, wenn auch „technisch“ korrekt.
            Menschen ohne Geschmack können durchaus geschmackvolles erkennen, sogar fragen wie es dazu kommt, aber sie werden es meist nicht übernehmen, weil „sie es nicht sind“, was immerhin ehrlich ist oder auch weil guter Geschmack oft teuer ist, nicht immer.

            Zur Bildung.
            Ich hatte in meiner Abteilung einen Justiziar, der schon familiär geprägt, sehr gebildet war. Er hörte Klassik und Jazz, wie es sich für den Gebildeten gehört. Er las Schachbücher, die nur aus Kolonnen von Buchstaben und Zahlen bestanden, die hätte ich bestenfalls zum anheizen verwendet, ich dummer Narr.
            Den Jazz versuchte er mir zu vermitteln und schenkte mir ein Buch zur Entstehung von „Kind of Blue“. Ich habe es gelesen, dazu immer wieder die Stücke der CD gehört. Besser gefallen hat es mir trotzdem nicht, einfach nicht meine Musik.

            Im realen Leben war er übrigens ein wenig weltfremd und Geschmack hatte er wahrlich gar keinen.

            Echter guter Geschmack zeichnet sich meiner Meinung nach dadurch aus, dass er sich nicht an Regeln halten muss und trotzdem vielen Menschen als solcher auffällt, ohne dass diese ihn imitieren könnten oder wirklich verstehen, was sie da sehen.

            Erlernter Geschmack ist immer krampfig.

            Den Avanti gab es übrigens in einem leicht getönten Weiss (ähnlich dem, was Jaguar Old English White nennt) und so gefiel er mit immer am besten, obwohl ich, wie andernorts angemerkt, kein Weiss-Fan bin.

  9. Lieber Rolf, die Lehrtätigkeit bezieht sich natürlich nicht auf Geschmacksbildung, sondern auf Architektur und Design, die entsprechende Theorie und ganz besonders die gesellschaftliche Bedeutung und Einordnung, Architektur- und Designgeschichte ist zu einem ganz erheblichen Teil Sozialgeschichte, aber hierauf näher einzugehen, würde diesen Rahmen sprengen.

    Geschmack ist im übrigen für mich ein schwieriger Begriff, das, was als guter Geschmack gilt, verändert sich durch gesellschaftliche Einflüsse im Lauf der Zeit ganz erheblich und kann sehr leicht ins Kleinbürgerliche abdriften, sowohl die mit Antiquitäten und Landhausmöbeln vollgestellten Häuser derjenigen, die sich dem tradierten Oberschichtsmilieu zugehörig fühlen, als auch die in hellgrau-beige gehaltenen, modernistischen Interieurs mit der unbenutzten Designer-Küche des gutsituierten Aufsteiger-Milieus haben schnell etwas Geschmäcklerisches.

    Deshalb meine Behauptung, daß sich guter Geschmack ohne entsprechende Bildung kaum entwickeln kann, allerdings hilft durchaus auch eine gewisse Kultiviertheit, das Gespür für Qualität und Stil.
    Der gleichermaßen gehasste wie bewunderte Verleger Axel Springer formulierte es einmals ganz vortrefflich:
    „Nein, nein, ich bin nicht besonders gebildet, ich bin nur kultiviert!
    Und ich weiß, wen ich fragen muß, wenn ich zu einem Thema etwas mehr wissen möchte.“
    Wer einmal zu seinen Lebzeiten in einem seiner Wohnsitze war, weiß genau, was er meinte.

    • Rolf Rolf

      Ach, lieber Hugo, ich seh schon, da werden wir uns nicht einig.
      Im ersten Abschnitt beschreiben Sie ja erneut, was ich bereits sagte. Ihre Überzeugung ist es, Dinge verstehen zu müssen, um dann Design oder auch Geschmack beurteilen zu können.
      Das sehe ich völlig anders. Die Schönheit von Form, Proportion und Farben zu erkennen, dazu muss man Obiges nicht erlernt haben.
      Der Nachteil, wenn man es erlernt hat, ist häufig ein stures Beharren auf bestimmten Dingen. Der vermeintliche Vorteil ist, dass man nichts falsch machen kann.
      Die Wohnsitze des Herrn Springer kenne ich nicht, aus Ihrer Begeisterung entnehme ich, dass es nur das Bauhaus sein kann, das dort vorherrschte.
      Auch hier so ein beharren auf einem, übrigens 100 Jahre alten, Stil, der vermeintlich seeligmachend ist.
      Da ist einiges dabei, das mir ebenfalls gut gefällt, aber unstrittig ist auch, dass Wohnlichkeit und Bequemlichkeit nicht unbedingt ausgeprägt sind.
      Aber das ist gegen Windmühlen, Sie sind da zu festgelegt und überzeugt davon, dass nur dies richtig ist. Schade eigentlich, Offenheit anderem gegenüber schadet nicht.

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