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Fahrbericht Porsche 911 Turbo S

Meh Dräck

Es ist dann halt schon sehr heftig, auch ohne Launch Control. Aus dem Stand in Sport Plus voll auf den Pinsel, Wahnsinn. Unglaublich, welchen Grip das Ding aufbauen kann, wie souverän er geradeaus marschiert – und halt vor allem: wie schnell. 2,5 Sekunden sollen es für die 0/100, 8,4 Sekunden auf 200 km/h. Und das irgendwie mit einem Lächeln. Ja, auch der neue 911 Turbo S, also 992.2, ist wieder der komplett Obendrüber, das wahre Tier, der ewige König, daran können auch fast doppelt so starke Elektriker im Porsche-Programm nicht rütteln. Ach ja, ich fuhr das Cabrio (das irgendwie verbastelt aussieht), da ist glaubs alles etwa eine Tausendstel gemächlicher, aber dafür mit offener Hütte intensiver im Umwelt-Erlebnis.

Man hat ja schon noch einmal sehr umfassend nachgearbeitet, der 992.2-Turbo ist eigentlich ein neues Automobil, technologisch. Jetzt erstmals elektrifiziert, nicht mehr 3,8-Liter-Biturbo, sondern das 3,6-Liter-Aggregat mit zwei elektrischen Turboladern. Der Sechszylinder kommt auf 640 PS und 760 Nm maximales Drehmoment, dazu kommen noch noch 60 kW und 188 Nm aus der E-Maschine. Ergibt dann als Systemleistung 711 PS bei 6500/min und 800 Nm maximales Drehmoment, dies im surreal wirkenden Bereich zwischen 2300 bis 6000/min. Maximal dreht der Boxer auf 7500/min. Also alles besser als vorher (zum Beispiel: 14 Sekunden auf der Nordschleife), und vorher war ja schon ganz, ganz oben. Was aber auch ist: 1800 Kilo. Dafür gibt es nun eine offizielle Farb-Palette mit 137 Möglichkeiten, 136 davon kosten Aufpreis.

Was man aber mit all diesen Farben und auch für viel Geld – das Coupé kostet ab 309’000 Franken, das Cabrio mindestens 327’100 – nicht vertuschen kann: Optisch ist der 992.2 auch als Turbo S keine Meisterleistung. Das Leuchtband hinten scheint Pflicht geworden zu sein in der Volkswagen-Gruppe, Streifen machen aber entgegen landläufiger Annahme nicht schlank, der Hintern wirkt dadurch noch fetter. Und vorne, nein, diese je fünf Kiemen können es einfach nicht sein, auch wenn der Nutzen anscheinend immens ist (bis zu 10 Prozent bessere Aerodynamik), doch irgendwie sieht das Fahrzeug ziemlich dümmlich aus, wie so ein Nerd mit riesiger Brille und Zahnspange. Kommt dazu: Das ist fieser, ganz billiger Plastik. Für mindestens 300 der grossen Scheine darf man da mehr erwarten. Ich empfinde das ähnlich übrigens auch innen: ja, ok, sauber, sachlich, anständige Materialien, nett verarbeitet. Aber in etwa so charmefrei wie der unterdessen ganz profane Plastikknopf, mit dem die Fuhre gestartet wird. Liebevoll ist anders.

Ist der Porsche in Bewegung, dann ist da halt wieder volles Vertrauen. Der Turbo S ist mit Garantie auch über 300 km/h ein Schäfchen, ich habe es nicht probiert, aber es fühlt sich so an (322 max. gehen übrigens). Seine grösste Stärke ist die gewundene Landstrasse, Gran Turismo bis weit über den Horizont, da ist er ausreichend komfortabel, trotzdem immer da, mit doch erstaunlich dezenter Geräuschkulisse (trotz neuer Titan-Abgas-Nichtnurendanlage), grossartiger Lenkung, unfassbaren Bremsen (420 Millimeter vorne!) – ich wüsste nicht, wer das besser kann. Wird es etwas enger, dann spürt man dann schon das Gewicht, halt auch die Grösse (4,55 x 1,90 x 1,31 Meter) – und ist er vorne vielleicht etwas leicht? Leider war nicht genug Zeit, sich daran zu gewöhnen, herauszufinden, ob das ein Hauch von einem Anflug von einer ganz klitzekleinen Schwäche sein könnte. Und überhaupt müsste man mit dem Ding auf die Rennstrecke, um das Potenzial auch nur annähernd erfahren zu können; irgendwelche Grenze liegen definitiv beim Fahrer, nicht beim Fahrzeug.

Es ist noch schwierig zu beschreiben. Ich habe mich in den vergangenen Jahren doch deutlich von Porsche entfernt, das ganze Gehabe der Stuttgarter ist nervig, jahrelange unfassbare Arroganz, da wirkt das aktuelle Jammern dann ziemlich unpassend (und kann vielleicht mit dem wohl bald schon ehemaligen Bundestrainer verglichen werden). Der 911er, einst so ein bisschen der Gipfel der Fahrfreud’, ist längst feist geworden, die Preise (und vor allem die Preissteigerungen) sind nur noch absurd, selber schuld, wer sich da über den Tisch ziehen lässt (das gilt ganz besonders für die Schweiz, in Deutschland ist so ein Turbo S schon ab 271’000 Euro zu haben). Vor allem aber fehlt irgendwie die Emotion, dieser 992.2-Turbo-S ist kurz vor perfekt – aber das will man doch irgendwie gar nicht, ein Sportwagen soll doch keine Oberklassen-Limo sein. Klar brauchen 711 PS elektronische Helferlein, die weiter verbesserte Dynamic Chassis Control (die von der Hybridisierung und dem Anschluss ans 400-V-Bordnetz natürlich auch profitiert) macht ihre Sache folglich auch sehr gut. Zu gut. Was ebenfalls für das 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe gilt, man kommt sich fast so vor wie im Taycan. «Meh Dräck», forderte einst ein Schweizer Barde, ich würde das unterschreiben.

Mehr Fahrberichte haben wir in unserem Archiv. Erlebt im Rahmen von #GTEST, veranstaltet von German Car of the Year.

2 Kommentare

  1. Warum sollte Porsche nicht diese überirdischen Preise verlangen, wenn sie es können?
    All die Gläubigen bezahlen es ja. Ich mag Porsche nicht wirklich, aber ich habe einen riesigen Respekt! Es wäre ein Traum wenn ich all meinen Kunden auch jeden Preis verrechnen könnte.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      naja, wie man sieht, an den Verkaufs- und vor allem Gewinnzahlen, läuft die Abzocke definitiv nicht mehr so wie auch schon.

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