Superscreen und Plastik-Sterne
Nun habe ich es hier auf radical ja nicht so sehr mit Mercedes-Benz, aus Gründen, guten. Doch für die S-Klasse, da verspürte ich immer: Respekt. Als kleiner Bub, der sich für Automobile zu interessieren begann, war so ein 450 SEL 6.9 nicht bloss beim Quartettspiel schon das Obendrüber, weit mehr noch als ein Rolls-Royce. Die Baureihe W126 war und ist ein schönes Automobil, W140 dann eher nicht so, aber W220, W221 und vor allem: W222, doch, bewundernswert, eindrucksvoll, schon sehr souverän im Auftritt. Mehr als jeder 7er, vom A8 will ich gar nicht schreiben, so viel eleganter als all die Rolls und Bentley der vergangenen Jahre. Der W223 nun aber, eingeführt 2020, hat mir aber auf Anhieb nicht gefallen, plötzlich war diese subtile Eleganz verschwunden, die S-Klasse machte vor allem vorne auf ganz dicke Hose, mit all diesen Öffnungen und Anbauteilen war die Souveränität, die Coolness der klassischen schwarzen Limousine auf einen Schlag verschwunden. Die Proportionen stimmen überhaupt nicht, der Radstand ist zu lang. Und dann innen, Himmel, eine billige Spielkonsole, bloss weil zwei potenzielle chinesische Käufer (die sich ja dann anscheinend doch anders entschieden) mehr so auf Blingbling stehen denn auf eine saubere, zurückhaltende Gestaltung. Schade, wirklich schade.

Nun begab es sich beim #GTEST von German Car of the Year, dass ich wieder einmal eine solche S-Klasse fahren durfte; Testwagen erhalte ich ja seit rund 20 Jahren keine mehr, manchmal miete ich mir deshalb irgendeinen Stern, einfach, damit ich trotzdem aus eigener Erfahrung berichten kann. Für 2026 wurde die Baureihe nun überarbeitet, innen wurde noch einmal heftig aufgerüstet, Superscreen heisst das dann, eine durchgehende Gläsfläche, der ultimative Ausdruck der kompletten Digitalisierung. Ja, ich bin zwar ein schon älterer Herr, als konservativ würde ich mich allerdings nicht bezeichnen, doch damit, mit Innenraum des Benz kann ich nun wirklich nichts anfangen, das mutet mir zu sehr nach Spielhalle in einem Vorort von Darmstadt an. Man will das alles nicht anfassen, es wirkt kalt – und ganz weit entfernt von wertig. Beim kurzen Ausflug war es nicht möglich, in die Tiefen des Betriebssystems vozudringen, das soll gut sein, hört und liest man. Aber es sei schon auch die Frage erlaubt: Will der durchschnittliche, also auch nicht mehr ganz junge S-Klasse-Käufer das? Und will er das gleiche Zeux, dass es in der C-Klasse auch gibt? Muss der deutsche Automobilbau sich wirklich auf das Niveau der chinesischen Hersteller begeben? Man sollte davon ausgehen wollen, dass man in Stuttgart die Bedürfnisse der Kundschaft kennt, da wird ja auch viel, viel Geld in die Marktanalyse gesteckt, aber ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass der distinguierte Herr, der am liebsten hinten rechts sitzt, daran Gefallen findet. Die einzigen Sprachbefehle, die er ausgibt, gehen an den Chauffeur. Die neue, beheizbare Sicherheitsgurte findet er aber sicher toll, im Alter muss man ja schon auf seine Gesundheit achten.

Selbstverständlich fährt es gut, wunderbar komfortabel und dank bestens funktionierender Hinterradlenkung auch noch einigermassen agil, im Gegensatz etwa zum Denza Z9GT. Es ist auch wunderbar ruhig, zumindest so lange, bis der Vortrieb nicht mehr nur aus dem 28-kWh-Akku kommt, der 3-Liter-Sechszylinder auch mittun muss. Der macht zwar auch keinen Krach, aber er wirkt etwas unwillig – und ich fragte mich, wo denn die 585 PS Systemleistung und doch beachtlichen 750 Nm maximales Drehmoment genau verborgen sein sollen. Wild ist das nicht, andererseits fährt man eine S-Klasse auch nicht so, sondern am besten nur mit Strom, das passt halt zum Charakter des Wagens. 104 Kilometer weit soll man mit dem PHEV rein elektrisch kommen, das ist jetzt nicht so berauschend, das können Volkswagen-Produkte besser. Nach meiner Ausfahrt zeigte der Bordcomputer 8,8 Liter/100 km sowie 22 kWh/100 km beim Strom an – beides einzeln schon keine überragenden Werte…

Wer auch immer den zur Verfügung gestellten Testwagen konfiguriert hat (KI?), er sollte vielleicht einmal ein Geschmacksseminar besuchen. Die schwarzen Teile und auch die schwarzen Felgen am dunkelgrauen Gefährt sind nur wahrlich kein erhabener Anblick, das darf nicht das sein, was eine S-Klasse an Aussenwirkung vermitteln möchte. So ein S580e kostet in der Schweiz ab 164’800 Franken, das ist dann doch viel Geld, da dürfte man schon auch ein bisschen Klasse von dieser S-Klasse erwarten. Aber vielleicht ist das gar nicht mehr möglich, der Plastik-Sterne-Kühler mit dieser Plastik-Blende mittendrin, das ist doch einfach nur grauenvoll. Es liegt wahrscheinlich nicht nur an der Weltwirtschaftslage, bösen Chinesen und absurden Zöllen, dass die Verkäufe des einstigen automobilen Vorzeigeproduktes in den vergangenen Jahren um zwei Drittel eingebrochen sind.
Viel Mercedes haben wir nicht im Archiv.

