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Fahrbericht Mercedes-Benz S580e

Superscreen und Plastik-Sterne

Nun habe ich es hier auf radical ja nicht so sehr mit Mercedes-Benz, aus Gründen, guten. Doch für die S-Klasse, da verspürte ich immer: Respekt. Als kleiner Bub, der sich für Automobile zu interessieren begann, war so ein 450 SEL 6.9 nicht bloss beim Quartettspiel schon das Obendrüber, weit mehr noch als ein Rolls-Royce. Die Baureihe W126 war und ist ein schönes Automobil, W140 dann eher nicht so, aber W220, W221 und vor allem: W222, doch, bewundernswert, eindrucksvoll, schon sehr souverän im Auftritt. Mehr als jeder 7er, vom A8 will ich gar nicht schreiben, so viel eleganter als all die Rolls und Bentley der vergangenen Jahre. Der W223 nun aber, eingeführt 2020, hat mir aber auf Anhieb nicht gefallen, plötzlich war diese subtile Eleganz verschwunden, die S-Klasse machte vor allem vorne auf ganz dicke Hose, mit all diesen Öffnungen und Anbauteilen war die Souveränität, die Coolness der klassischen schwarzen Limousine auf einen Schlag verschwunden. Die Proportionen stimmen überhaupt nicht, der Radstand ist zu lang. Und dann innen, Himmel, eine billige Spielkonsole, bloss weil zwei potenzielle chinesische Käufer (die sich ja dann anscheinend doch anders entschieden) mehr so auf Blingbling stehen denn auf eine saubere, zurückhaltende Gestaltung. Schade, wirklich schade.

Nun begab es sich beim #GTEST von German Car of the Year, dass ich wieder einmal eine solche S-Klasse fahren durfte; Testwagen erhalte ich ja seit rund 20 Jahren keine mehr, manchmal miete ich mir deshalb irgendeinen Stern, einfach, damit ich trotzdem aus eigener Erfahrung berichten kann. Für 2026 wurde die Baureihe nun überarbeitet, innen wurde noch einmal heftig aufgerüstet, Superscreen heisst das dann, eine durchgehende Gläsfläche, der ultimative Ausdruck der kompletten Digitalisierung. Ja, ich bin zwar ein schon älterer Herr, als konservativ würde ich mich allerdings nicht bezeichnen, doch damit, mit Innenraum des Benz kann ich nun wirklich nichts anfangen, das mutet mir zu sehr nach Spielhalle in einem Vorort von Darmstadt an. Man will das alles nicht anfassen, es wirkt kalt – und ganz weit entfernt von wertig. Beim kurzen Ausflug war es nicht möglich, in die Tiefen des Betriebssystems vozudringen, das soll gut sein, hört und liest man. Aber es sei schon auch die Frage erlaubt: Will der durchschnittliche, also auch nicht mehr ganz junge S-Klasse-Käufer das? Und will er das gleiche Zeux, dass es in der C-Klasse auch gibt? Muss der deutsche Automobilbau sich wirklich auf das Niveau der chinesischen Hersteller begeben? Man sollte davon ausgehen wollen, dass man in Stuttgart die Bedürfnisse der Kundschaft kennt, da wird ja auch viel, viel Geld in die Marktanalyse gesteckt, aber ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass der distinguierte Herr, der am liebsten hinten rechts sitzt, daran Gefallen findet. Die einzigen Sprachbefehle, die er ausgibt, gehen an den Chauffeur. Die neue, beheizbare Sicherheitsgurte findet er aber sicher toll, im Alter muss man ja schon auf seine Gesundheit achten.

Selbstverständlich fährt es gut, wunderbar komfortabel und dank bestens funktionierender Hinterradlenkung auch noch einigermassen agil, im Gegensatz etwa zum Denza Z9GT. Es ist auch wunderbar ruhig, zumindest so lange, bis der Vortrieb nicht mehr nur aus dem 28-kWh-Akku kommt, der 3-Liter-Sechszylinder auch mittun muss. Der macht zwar auch keinen Krach, aber er wirkt etwas unwillig – und ich fragte mich, wo denn die 585 PS Systemleistung und doch beachtlichen 750 Nm maximales Drehmoment genau verborgen sein sollen. Wild ist das nicht, andererseits fährt man eine S-Klasse auch nicht so, sondern am besten nur mit Strom, das passt halt zum Charakter des Wagens. 104 Kilometer weit soll man mit dem PHEV rein elektrisch kommen, das ist jetzt nicht so berauschend, das können Volkswagen-Produkte besser. Nach meiner Ausfahrt zeigte der Bordcomputer 8,8 Liter/100 km sowie 22 kWh/100 km beim Strom an – beides einzeln schon keine überragenden Werte…

Wer auch immer den zur Verfügung gestellten Testwagen konfiguriert hat (KI?), er sollte vielleicht einmal ein Geschmacksseminar besuchen. Die schwarzen Teile und auch die schwarzen Felgen am dunkelgrauen Gefährt sind nur wahrlich kein erhabener Anblick, das darf nicht das sein, was eine S-Klasse an Aussenwirkung vermitteln möchte. So ein S580e kostet in der Schweiz ab 164’800 Franken, das ist dann doch viel Geld, da dürfte man schon auch ein bisschen Klasse von dieser S-Klasse erwarten. Aber vielleicht ist das gar nicht mehr möglich, der Plastik-Sterne-Kühler mit dieser Plastik-Blende mittendrin, das ist doch einfach nur grauenvoll. Es liegt wahrscheinlich nicht nur an der Weltwirtschaftslage, bösen Chinesen und absurden Zöllen, dass die Verkäufe des einstigen automobilen Vorzeigeproduktes in den vergangenen Jahren um zwei Drittel eingebrochen sind.

Viel Mercedes haben wir nicht im Archiv.

22 Kommentare

  1. Matthias Matthias

    Too big to fail…

  2. Nick Nick

    Die Verbrauchswerte sind völlig absurd. Ein Bekannter von mir fährt einen W223 Diesel, der lässt sich auf nichtdeutschen Autobahnen mit einer 5 vorm Komma bewegen, ohne besondere Anstrengung. Zumindest subjektiv fährt er dabei auch noch souveräner.

  3. Rolf Rolf

    Man sollte ihn als S580 ohne e nehmen, mit V8 oder als S450, der reicht auch.
    Ich würde ihn nicht als Diesel kaufen, auch wenn es nicht schlecht passt und sehr kultiviert fährt.

    Lange habe ich gegrübelt, warum der S223 mir nicht so recht gefallen will, obwohl ich die S-Klasse (lieber Hugo, ersparen sie mir die Mezgermeister usw., bitte bitte) mag.

    Herr Ruch, ihre Worte sind richtig, dieses Auto hat einfach einen Auftritt.

    Nun folgte auf den schlanken W108 der dicke W116, auf diesen der schlanke W126, dann der sehr dicke W140, der schlanke W220, dann wieder der dicke W221.
    Der W222, vielleicht die beste und imposanteste S-Klasse ever, war ja ein Facelift des 221 unter Verzicht auf dessen „Arschbacken“.

    Nun wäre ja wieder ein schlanker S fällig gewesen.
    Der 223 will schlank aussehen, ist aber mindestens schwammig, wenn nicht dicklich.
    Er lügt also.
    Innen war er von Anfang an eher unschön, zumindest die Armatur, also diese Elektrobrettchen, die die Armatur darstellen sollen.
    Digital war´s vorher auch schon, aber recht fein integriert, nicht einfach hingestellt.

    Der 221 hatte übrigens sensationelle Sitze. Da war auf einem straffen Untergrund eine flauschige Schicht und dann kam das Leder. Ein unvergleichliches Sitzgefühl.
    Im 222, den ich mal spaßeshalber im Showroom probegesessen habe, waren die Sitze recht hart.

    Aber kauft ja eh keiner mehr, man nimmt entweder ein Monster-SUV oder gar einen Van, in dem zwei so Fernsehsessel stehen, wie Vati sie sich zur Rente gönnt.

    • hugoservatius hugoservatius

      >> Lange habe ich gegrübelt, warum der S223 mir nicht so recht gefallen will, obwohl ich die S-Klasse (lieber Hugo, ersparen sie mir die Mezgermeister usw., bitte bitte) mag. <<

      Lieber Rolf, keine Sorge, Metzgermeister war früher…
      Jetzt, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, eher Shisha-Bar-Besitzer.

      • Rolf Rolf

        Ja klar, Audi und Lexus sowie Phaeton haben kein Image, 7er geht noch.
        Die 15 bis 25 Jahre alten Modelle, die gern genommen, geschwärzt, tiefer gelegt und überbereift werden, erlauben keinen Maserati oder Jaguar, die sind entweder schon lange kaputt oder zu teuer im Unterhalt.
        Außerdem fährt sich so ein Benz auch noch mit Opium-verschwurbeltem Hirn. 😉

  4. Manfred Manfred

    Sehe den 222 auch als vorläufigen Peak. Sehr unterhaltsam auch das Podcast-Material im Netz mit Dr. Hermann Storp, damaliger Baureihenleiter.

    Bin den 580e auch gefahren und als S-Klasse-Nimbus verbleibt lediglich der sichtbare Stern und eine schöne Holzapplikation auf der Beifahrerseite. Damals. Fahreindruck: Von allem unbeeindruckt, schwer, sehr schienös. Um nicht wie auf Schienen zu schreiben. Dem Energizing Paket bin ich, zugegeben, anheim gefallen.

    Bei der Modellpflege mag es sicher gute Gründe gegeben haben, sich an der Front eines 2020er Hyundai Tucson zu orientieren, alleine wir wissen sie nicht.

  5. hugoservatius hugoservatius

    Ich denke, daß die Zeit der großen Limousinen vorbei ist.

    Der Vorstandsvorsitzende fährt Groß-SUV, X5 und dergleichen, zumal er ja in der Regel keine Krawatte mehr trägt, und in Sneakern einen Fahrer zu beschäftigen, das sieht auch seltsam aus.
    Der erfolgreiche, mittelständische Unternehmer hat vielleicht einen Sportwagen geleast und die Gattin fährt mit dem Cayenne zum Golfclub.

    Bleiben einige unverbesserliche, ältere Herren, die unabhängig vom gerade aktuellen Modell immer, in regelmäßigen Abständen, eine neue S-Klasse geordert haben und das auch weiterhin tun, aber die sterben langsam aus.
    Der einzige S-Klasse-Eigner, den ich noch kenne, gehört zu dieser Gruppe, Familienoberhaupt einer Westdeutschen Industriellendynastie, deutlich in den Achtzigern, die Fahrzeuge waren und sind immer schwarz und das Kennzeichen wird immer auf den neuen Wagen übertragen.

    Ansonsten, von der Politikerkaste abgesehen, scheint mir der Hauptkundenstamm aus den schon oben erwähnten Shisha-Bar-Besitzern und ihrem Umfeld zu bestehen, die mögen die schwarzen Felgen, den Sternengrill und den Fernsehapparat hinter dem Lenkrad sicher sehr gerne, insofern paßt das doch alles zusammen…

    Aber schade ist das natürlich schon, in keiner anderen automobilen Bauform reist es sich besser und kultivierter als in einer großen Limousine, ich habe das gerade wieder erleben dürfen, in meinem 23 Jahre alten Jaguar XJ, Außentemperatur 39°, Hauptreiseverkehrszeit mit dem obligatorischen Stau, man sitzt völlig entspannt und wohltemperiert bei 23° auf feinem Leder, im CD-Player Albinonis Concerti Grossi, im Wechsel mit Eric Claptons großartiger Unplugged-CD, Durchschnittsverbrauch über 650 km 8,8 Liter bei ruhiger, zügiger Fahrweise, wo ist der Fortschritt zur aktuellen S-Klasse?
    Ja, er hat keinen Abstandstempomaten, keinen Spurhalteassistenten, keinen Totwinkelwarner und er piept auch nicht, wenn ich das Tempolimit ein wenig überschreite, und, ja, ich bin sicher nicht der schnellste auf der Autobahn, dafür sehen mein Wagen und auch ich aber viel besser aus…
    Nur Sneaker sollte man nicht zum Jaguar tragen, das paßt irgendwie nicht gut.
    Aber vermutlich zur neuen S-Klasse.

    • Rolf Rolf

      Vorweggenommene Einwandbehandlung: Nein, ich bin kein Nazi, ich habe nur gesehen.

      Mein Nachbar ist ein eingedeutschter türkischer Kurde mit in zweiter Ehe deutscher Ehefrau. Aus erster Ehe hat er eine Tochter und einen kleinen Enkel, der ab und an bei ihm ist.

      Kürzlich brachte nun der Schwiegersohn den Kleinen.
      Schwarzer S221, alles Chrom schwarz, Scheiben schwarz, tiefergelegt, silberne 17 Zöller mit Winterreifen. Das sah noch schlimmer aus zu dem Auto als 22 Zöller in schwarz.
      Er selbst war dicklich muskulös, hochrasierte Frisur, Vollbart, schwarze Ballonjacke mit viel goldenen Ornamenten, Typ „du kummst da net rein“. Da passen keine John Lobb oder Santoni dazu.

  6. Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band Sgt. PEPPer’s Lonely Hearts Club Band

    Für das Geld bekommen Sie in Frankreich in ruhigen Gegenden mindestens zehn direkt bewohnbare Bauernhöfe und einen 450 SEL noch dazu.

    Und dann haben Sie in den Scheunen immer noch Platz für über hundert Oldtimer.

  7. Hömal Hömal

    Ich frage mich ernsthaft: Ist die Geschichte des Automobils langsam aber sicher auserzählt?

    Was die Technik betrifft tut sich nichts spektakuläres mehr. Was hätte die deutsche Autoindustrie (und GM!) Geld verdienen können, wenn sie den Elektroantrieb von Anfang an als die smartere, viel einfachere, komfortablere und viel effizientere Antriebstechnik beworben hätte! Aber so?

    Denn ganz ehrlich: Ob die S-Klasse jetzt 500, 800 oder 1500PS hat – *gähn*
    Ein noch monströserer Bildschirm – *schnarch* Dafür steht die digitale Armaturentafel als sehr uninspiriertes Plastikkastl in der Gegend herum. Bei einem Chinesen? Ok. Aber in der S-Klasse? Echt jetzt?

    Wenn Mercedes echt nix besseres mehr einfällt als noch siebzehn zusätzliche Ambient-Beleuchtungen, noch zwölf weitere „Komfort“-Sitzfunktionen, ein noch monströserer Bildschirm und ja, ENDLICH beheizbare Gurte, auf die die ganze Welt schon sowas von dringend gewartet hat – dann sagt mir das was.

    Für Normalverdiener gibts alle Jahre drei Dutzend neue gesichtslose SUV-Kisten, aber keine leistbaren Kompaktwagen mehr. Und der Bugatti Veyron war das letzte wirklich aufregende Supercar, wo ein letztes Mal bisher noch nie dagewesenes realisiert wurde. Alles danach war nur mehr more of the same. Dass man jetzt „Hypercar“ sagt – geschenkt. Wann kommt der erste Pangani mit über 3000PS? Und wen interessiert das dann noch?

    Natürlich frage ich mich: Bin ich jetzt auch schon ein sentimentaler alter Sack, der einem idealisierten Gestern nachhängt und nicht mehr checkt, dass das Neue einfach nur anders ist? Ich weiß es nicht.

    Was ich wahrnehme ist, dass in Sachen Automobiltechnik scheinbar der Plafond erreicht ist. Ja, man kann überall noch „mehr“ machen. Aber wie spannend ist das dann noch? Kann es sein, dass wir insgesamt an einer Wende in der Beziehung zum Automibil stehen, wo immer weniger Menschen diese enge Beziehnung zu Autos haben, von der die Generation 50+ noch ganz stark geprägt ist? Weil in unserer Jugend das Auto Freiheit bedeutete und noch so viel mehr?

    Ich bin gespannt, wie das noch weiter gehen wird. Wir hatten ja schon einmal die öde Epoche der Aerodynamik-Autos, die alle gleich glattgelutscht aussahen. Vielleicht sehen wir in 5 oder 10 Jahren ja eine Wende? Ich bin gespannt.

    • Christian Christian

      Die Geschichte des europäischen Automobils ist auserzählt. In anderen Regionen dieser Welt geht`s sicher weiter, aber, in diesen Kulturen werden andere Prioritäten gesetzt.

      Schon vor Jahren wenn nicht gar Jahrzehnten war klar, dass der europäische Markt gesättigt ist und es hätte eine Neuausrichtung der Industrie gebraucht.

      Leider hat der Boom durch den chinesischen Markt, wo sich Althergebrachtes wie geschnitten Brot verkaufen lies, die Sicht auf die kommenden Probleme total vernebelt. Es wurde ein „weiter so“, „läuft doch super“ praktiziert, ohne darüber nachzudenken, ob es nicht auch anders geht. Genauso wurde aus Überheblichkeit davon ausgegangen, dass die Verhältnisse immer so bleiben. Tja, die anderen haben auf- und jetzt überholt. Autobauen ist scheinbar nicht so schwer…

      Leider ist noch immer die Meinung vorherrschend, dass durch Neuherstellung von Autos alle Probleme behoben sind. Leider nein. Die verzweifelten Versuche mit Abwrackprämien, idiologischen Subventionen und am Ende Verboten führt leider nur immer tiefer ins Verderben.

      Alle Gesetze zeigen ja nur in die Richtung „Neu“. An den Erhalt eines gesunden Bestands oder gar die Modernisierung des Bestands wurde nie gedacht. Bemühungen in diese Richtung wurden durch Verordnungen und Gesetze und deren geforderten Werte verunmöglicht.

      So, und jetzt kommt einer, hat eine 20 Jahre alte S-Klasse, fühlt sich damit wohl, das Auto meistert den Alltag (irgendwie logisch), fängt das rechnen an und sagt sich.: „passt, langt scho, die Neue kann nix besser für meine Bedürfnisse und ist mir dann für das Gebotene zu teuer“. Also, was passiert gerade?

      Die, die eh kein Geld haben kaufen nix oder eine billigere Chinakarre und die, die Geld haben kaufen sich auch kein neues Auto, weil sie sich emanzipiert haben und mit dem Smartphone auf Rädern nix anfangen können und das auch nicht brauchen.

      Es geht schon weiter, wie immer im Leben, nur anders, woanders und es gibt immer Alternativen!

      • Hömal Hömal

        Ich befürchte, dass einige deutsche Hersteller genau jetzt ihren Nokia-Moment erleben. Wo das Alte, das sich grandios verkaufte – auch aufgrund der Qualität – langsam aber sicher niemanden mehr interessiert. Burghard Göschls „wir sehen im Verbrenner noch viel Potenzial“ von 2005 war ähnlich weitsichtig wie Steve Ballmers „Es besteht keinerlei Chance, dass das iPhone nennenswerte Marktanteile gewinnen wird. Keine Chance.“ von 2007.

        Die Tragödie ist die gleiche wie bei Nokia: Dort hatte man bereits ein Touch-Betriebssystem, das vergleichbar gut war wie iOS, in der Schublade. Aber die Plüschetage meinte, das hätte keine Priorität, weil die Tastenhandys sich ja großartig verkaufen. Europa hatte in den 1990ern einiges in die Entwicklung batterieelektrischer Autos investiert, verwarf das aber wieder, weil man die teure Entwicklung scheute und lieber mit Verbrennern den Gewinn maximierte.

        Schaumermal wie das ausgeht. Für VW schaut’s laut FAZ gar nicht gut aus. Wenn VW untergeht wäre das wohl ein vergleichbar massives Erdbeben für die deutsche Wirtschaft wie der Niedergang Nokias für Finnland.

    • hugoservatius hugoservatius

      Nein, ich denke nicht, daß die Geschichte des Automobils auserzählt ist!

      Sicher hat die Geschichte der Autos, die die Allermeisten hier bei radical so lieben, ihren Zenith erreicht, damit meine ich Autos wie die S-Klasse, den 7er, den Quattroporte, den Jaguar XJ, auch die Nicht-Hyper- oder Supercars haben den Höhepunkt lange überschritten, einen klassischen, „normalen“ 911 gibt es nicht mehr, die Alpine ist in der bisherigen Form eingestellt, einen Ferrari wie den 308/328/348/355 oder 400/412/456 gibt es nicht mehr, Jaguar XK, Maserati 4200 GT, Mercedes SL existieren nicht mehr, die klassischen Coupés sind verschwunden, die kleinen, bezahlbaren, offenen Sportwagen auch, mit dem Fiat 500 ist vor einiger Zeit der letzte sympathische Kleinwagen eingestellt worden und richtige Geländewagen werden auch immer weniger.
      Allerdings hat das Verschwinden solcher Fahrzeuge auch viel mit der Veränderung der Gesellschaft zu tun, eine S-Klasse oder einen Jaguar XJ brauchen eben nur noch sehr wenige Menschen.

      Aber es wird neue Konzepte diesseits der aufgeblasenen Elektro-SUV’s geben, vielleicht wird es auch wieder einen richtigen Smart geben, oder einen schnellen, windschlüpfrigen Silberfisch wie einstmals den genialen Honda Insight (1999 – 2006), dieses Mal vollelektrisch, der neue E-Polo ist seit langem der erste VW, der reizvoll erscheint, R4 und R5 weisen einen guten Weg, der Honda e war ein gestalterisches Meisterwerk mit etwas zu wenig Reichweite, der Mercedes EQXX scheint in die richtige Richtung zu weisen, auch wenn mir die Marke eher unsympathisch ist.

      Insofern glaube ich schon, daß es noch weitere, spannende Entwicklungen geben wird, die Elektromobilität steht erst am Anfang und was überall fehlt, ist ein freudiger Blick in die Zukunft, die Lust an der weiteren Entwicklung, die Idee von Fortschritt.
      Das hat natürlich mit dem Verlust der Visionen zu tun und schlägt sich in einer Desorientierung der Hersteller, der Designer, der Käufer nieder.

      Aber ich hoffe darauf, daß sich die Zeiten auch wieder wandeln, daß man nach vielen Irrungen und Wirrungen wieder einen stringenten Weg in Konzeption und Design finden wird, in der Kunstgeschichte gab es stets einen Wandel, in der Architektur und im Design ebenso, vom Wandel der Gesellschaft ganz zu schweigen.

  8. Jens Jens

    …da schaue ich auf das Kennzeichen und bin in Gedanken bei der Baureihe W06.

    Die feiert im nächsten Jahr ihren 100. Geburtstag. Wenngleich sie wirtschaftlich wohl kein Erfolg für das Unternehmen war, so hat sie meiner Meinung nach einen mächtigen Beitrag zum Image des Unternehmens beigetragen, der bis in die heutige Zeit reicht.

    Soweit, dass sich sogar jemand (extra) für die, auf die Kurzversion des W06 hinweisende Buchstabenkombination beim Kennzeichen entschieden hat.

    Eventuell aber auch nur ein Zufall…

    Hoffentlich bekomme ich von diesen leider viel zu sehr im Verborgenen gehaltenen Fahrzeugen ein paar bei der 27er Nürburgring Classic zu sehen,

    Auf mich jedenfalls üben die Versionen vom S bis zum SSKL eine Faszination aus, die ich vielleicht mal analysieren lassen sollte…

    Ich würde mich auch sehr freuen, wenn es bei Radical den einen oder anderen Bericht zum W06 geben würde.

    • Peter Ruch Peter Ruch

      es würde mich sehr, sehr wundern, wenn es noch MB-Mitarbeiter geben würde, die so weit denken mögen. andererseits, das Kriegswirtschaft-Grau mit dem Ledermantel-Schwarz, wer weiss? aber trotzdem sorry, radical ist nun definitiv nicht der Ort, an dem Sie SS-Geschichten finden werden, da bin ich als (x) ein bisschen heikel…

      • Jens Jens

        Schockschwerenot! Nichts liegt mir ferner, als dieses finstere Kapitel der Geschichte heraufzubeschwören.

        Der W06 wurde meines Wissens von 1927 bis 1931 gebaut, also bevor die braunen Verbrecher die Welt in Leid und Elend gestürzt haben.

        Die nachfolgenden Modelle finde ich aus den von Ihnen angesprochenen Gründen problematisch.

        Wenn Sie mir bitte den Gefallen erweisen würden meine Beträge in diesem Zusammenhang zu löschen.

        Verbindlichsten Dank

      • Rolf Rolf

        Nun, diese SS, SSK, SSKL Modelle haben doch eher wenig mit Hitler zu tun.
        Das sind schon faszinierende Autos, wie die Bentley 4 1/2 Litre Lokomotiven.

        Dass die Nazi-Schweine oft Mercedes, aber auch gern Horch, fuhren, lag wohl am damaligen Angebot.

        Dann dürfte man über Volkswagen und Porsche erst recht nichts schreiben.
        Und nichts kaufen, was mit Thyssen oder Krupp zu tun hat. Usw.

        • Peter Ruch Peter Ruch

          die SSKL und die Bentley, das ist ein gutes Beispiel. einst, in den 90er Jahren, durfte ich in einem echten Blower bei der historischen Mille Miglia mittun – und es begab sich, dass da auch eine sehr deutsche Gruppe von Kompressor-Fahrern mitfuhr. doch eher unangenehme Zeitgenossen, manch einer im schwarzen Ledermantel, den er privat wohl auch mit den entsprechenden Insignien trug. der Blower war wirklich eine Lokomotive, nicht nur sehr zuverlässig, sondern halt auch schneller als die Benzen – und das führte dann zu diversen haarsträubenden Aktionen, idiotischen Bremsmanövern, dummen Blockaden, man kann es sich vorstellen. bloss, dass ich als Schweizer halt auch noch verstand, was die Herren uns, wenn wir sie öfter mal überholten, zugeschrien haben. seither hab ich irgendwie so gar keine Lust mehr auf dieses Gesocks. dafür können die Autos zwar nichts, aber es ist halt auch eine Frage der (heutigen) Gesinnung.

          • Rolf Rolf

            Das ist sehr unangenehm und ich darf ihnen versichern, dass dies kein Verhalten oder eine Gesinnung des Durchschnittsbürgers in D ist.

            Erschreckend daran ist, dass dies wohl eher „Führungspersönlichkeiten“ der Wirtschaft sind, die sich so einen Wagen leisten können. Und die haben leider ein gewichtiges Wort in der Politik mitzusprechen. Das macht mir jetzt Angst.

          • hugoservatius hugoservatius

            Als das Thema der SSK/SSKL et al. hier aufkam, hatte ich mir vorgenommen, meine Meinung nicht zu äußern, da meine Abneigung gegen die Marke mit dem Stern ja von mir schon mehrfach geäußert wurde und ich niemanden langweilen möchte.

            Aber das, was Herr Ruch von seiner Mille Miglia-Teilnahme geschildert hat, kann ich zu 100% unterschreiben, ich habe den Mercedes-Kompressor-Club zwar nicht auf der Mille Miglia erlebt, aber mehrmals, damals, in den Neunzigern bei der wunderbaren Eifel Klassik.
            Das bräsig-überhebliche Verhalten der Herren, Cohiba zwischen den Lippen, die Mechaniker kujonieren in der Box, das Benehmen gegenüber den Eignern der Blower Bentleys vom Benjafield’s Racing Club und allen anderen Teilnehmern waren stets unerträglich.

            Während die Bentleys teilweise seit den zwanziger und dreißiger Jahren in Familienbesitz waren und über die Jahrzehnte gepflegt, geschunden, repariert, benutzt und erneut repariert wurden, heißt es, daß die Mercedes-Besitzer in der Regel exakte, komplette Repliken ihrer Originalfahrzeuge fahren, der damalige Direktor des Mercedes-Museums, Max-Gerrit von Pein, ließ ganz unverblümt eine Reihe von Chassis nachbauen, die dann verkauft wurden, so daß von den 33 gebauten SSK noch alle 45 Exemplare existieren.

            Und tatsächlich hat das Design der Mercedes SSK teilweise die gleichen, faschistoiden Stilelemente, wie sie dann die 500/540K der dreißiger Jahre zu voller „Blüte“ gebracht haben, auch in der Architektur gab es dieses Phänomen, daß man das Steifelknallen der späteren NS-Architektur schon bei Gebäuden der späteren zwanziger Jahre hören konnte!
            Und bei der Marke ging es ja dann noch nach dem Krieg ganz ähnlich weiter, natürlich ist der 300 SL-Flügeltürer ein phänomenaler „Supersportwagen“ der fünfziger Jahre, aber sein Auftritt war immer mehr Wagners Walkürenritt als Händels Wassermusik, man stelle einen 300 SL neben einen Jaguar XK 120, einen Aston-Martin DB2/4, einen Lancia Aurelia B20 GT und man merkt sofort, welch Geistes Kind die Ingenieure, die Gestalter und auch die Käufer waren.

            Die einzige Ära, in der das Design der Fahrzeuge aus Stuttgart wirklich elegant und irgendwie international war, war die Zeit, in der der Franzose Paul Bracq die Gestaltung zu verantworten hatte, Coupé und Cabriolet der Baureihe W111, die Pagode und sogar der riesige Mecedes 600 hatte eine formale Strenge, eine Feinheit der Linien und der Proportionen, die die Marke davor und danach nie wieder erreicht hat.

            Und ich weiß, daß ich vielen Lesern hier heftig auf den Fuß trete, aber für mich bleibt ein Mercedes das Auto, was die Familie Wagner Adolf Hitler schenkte, damit er vor der Machtergreifung durch das Land fahren konnte, um seine braune Ideologie zu verbreiten, das Auto, mit der die Gestapo die jüdischen Mitbrürger aus den Häusern holte, das Auto, was wie kein anderes und irgendwie auch bis heute die Untugenden unserer Nation symbolisiert.

        • hugoservatius hugoservatius

          >> Dann dürfte man über Volkswagen und Porsche erst recht nichts schreiben.
          Und nichts kaufen, was mit Thyssen oder Krupp zu tun hat. Usw. <<

          Lieber Rolf, ich denke, daß man da deutlich unterscheiden muß!

          Der Volkswagen, geboren als KdF-Wagen, war zwar ein Produkt der Nationalsozialisten, kam aber in seiner Rolle als Volkswagen zu Zeiten der Nazis nie in seiner Zielgruppe an, sondern wurde durch den Englischen Major Hirst als Verwalter dessen, was vom Volkswagenwerk nach dem Krieg noch übrig geblieben war, zum Wiederaufbau des Landes unter alliierter Verwaltung in die Serienproduktion gebracht und gelangte so erstmalig in die Hände der eigentlichen Zielgruppe.
          Und dadurch diente er weder dem Regime zur Ausübung seiner Macht, noch wurde er von den Vertretern des Regimes je genutzt, von den militärischen Derivaten natürlich abgesehen.
          Deshalb ist sein Image auch ein völlig anderes, was dann durch den Export in die USA sich nochmals völlig veränderte, als der Käfer zum Symbol der demokratischen Intellektuellen in Amerika mutierte!

          Und natürlich war Ferdinand Porsche der Ingenieur des Führers, aber der war schon ein alter, gebrechlicher Mann, als sein Sohn Ferry den ersten Porsche-Sportwagen auf die Räder stellte, das stilreine, aerodynamische Design war von Funktionalität geprägt, den 911 entwarf sein Sohn Ferdinand Alexander Porsche, der an der berühmten Hochschule für Gestaltung in Ulm studiert hatte, der eigentlichen Nachfolgeschule des Bauhauses, gegründet von Max Bill.
          Die Produkte der Firma hatten nichts mit dem Geist der Nationalsozialisten zu tun, im Gegensatz zu den Mercedessen der fünfziger Jahre!

          (Und, ja, ich gestehe, ich würde zwar nie einen Mercedes fahren, aber VW Käfer und Porsche liebe ich schon sehr…)

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