Folgenreich
Als wir uns vor ein paar Jahren an die Geschichte der Ferrari 250 Testa Rossa machten, da war uns schon klar: ein Minenfeld. Man kann es eigentlich gar nicht richtig machen. Bei diesen ersten 250 Testa Rossa, gebaut ab 1957, sind wir zwar einigermassen durch, siehe hier, doch dann kamen noch die TR 58 (0726TR, 0728TR und 0746), dann die TR59 (0766TR, 0768TR, gern auch als TR59/60 bezeichnet: 0770TR, 0772TR (?), 0774TR), die 250 TRI/60 (0780TR, 0782TR), die 250 TRI/61 (0792TR, 0794TR) und überall noch so ein bisschen hin und her. Also, wir versuchen das jetzt mal, grob, zumindest für die Fahrzeuge, die offiziell von der Scuderia eingesetzt wurden: Die TR58 hatten neu eine DeDion-Achse hinten, bei den TR59 wurde der Motor leicht nach links versetzt, damit ein neues 5-Gang-Getriebe Platz fand, für die TR59/60 wurde der Radstand von 2,35 auf 2,28 Meter verkürzt und das Getriebe an der Hinterachse verblockt, die TRI60 wurden noch einmal kürzer (Radstand 2,25 Meter) und erhielten eine Einzelradaufhängung hinten (deshalb das I im Namen). Die TRI61 schliesslich waren eigentlich eine Neu-Konstruktion, Gitterrohrrahmen, 2,32 Meter Randstand, Einzelradaufhängung, Getriebe wieder am Motor. Bei den Kundenfahrzeugen wurde alles mit einem Jahr Verspätung auch angeboten, oder auch nicht, und manche Teams fanden zudem eigene Lösungen. Sprich: Man muss jedes Fahrzeug einzeln betrachten.
Weil Tom Hartley Jnr. im August 2026 gerade #0774TR verkauft hat, sei das Fahrzeug hier kurz vorgestellt. Da geht die Geschichte wie folgt: Die Taktik von Aston Martin bei 24-Stunden-Rennen von Le Mans war 1959 etwas gewagt: Stirling Moss sollte auf seinem DBR1/300 gleich zu Beginn ein horrendes Tempo anschlagen – und die favorisierten Ferrari so in Defekte treiben. Das ging ganz gut auf, schon in der 21. Runde musste der erste Ferrari 250 TR seine Segel streichen, in der 41. Runde der zweite, in der 47. Runde der dritte. Bloss: In der 70. Runde erwischte es auch Moss. Von den sechs gemeldeten Testa Rossa kam tatsächlich keiner ins Ziel, also auch #0774TR mit Behra/Gurney nicht; Aston Martin konnte seinen ersten Le-Mans-Sieg feiern, und das erst noch doppelt, Shelby/Salvadori gewannen vor Trintignant/Frère. Mit Hill/Allison gewann #0774TR dann Anfang 1961 die 1000 Kilometer von Buenos Aires.
Auch Le Mans 1960 begann für Ferrari gar nicht gut: Man verrechnete sich beim Benzinverbrauch. Weil die Fahrzeuge in diesem Jahr deutlich höhere Windschutzscheiben haben mussten, galten die Erfahrungswerte aus dem vergangenen Jahr nicht mehr – gleich zwei 250 Testa Rossa der Scuderia blieben in der 22. Runde mit leerem Tank auf der Strecke stehen. Nur Paul Frère und Olivier Gendebien entkamen dem Debakel knapp – und gewannen dann auf #0774TR einigermassen souverän. Nach dem Rennen in der Sarthe wurde dieser TR59/60 in die USA verkauft, verlor dort seinen Motor an einen Lotus XIX, erhielt in den 70er Jahren eine Maschine aus einem 275 GTB, erhielt sein originales Aggregat in den 80er Jahren wieder zurück – und wurde Anfang der 20er des neuen Jahrtausends für kolportierte 75 Millionen Dollar von Peter Goodwin gekauft. Ob über Hartley jetzt wieder so viel Geld floss, ist uns nicht bekannt.
Mehr Ferrari haben wir im Archiv. Wir haben aber auch eine sehr schöne Aufgliederung nach (frühen) Modellen.

