Bis der Arzt kommt
Ja, radical hatte den ID.3 damals, Anfang 2021, in der Luft zerrissen. Da waren wir ja auch nicht allein, Volkswagen musste bald schon selber zugeben, dass da nicht alles extrem gelungen war; der damalige Vorstandsvorsitzende Herbert «Ebit macht frei» Diess durfte sich in der Folge neuen Aufgaben zuwenden. Aber: Hier, heute, jetzt empfinde ich den ID.3 als erstaunlich gut gealtert, zumindest optisch. Als er Ende 2020 auf den Markt kam, da war der Schritt wohl noch zu gross, doch unterdessen muss man sich nicht mehr mit Grausen abwenden, das ist ganz ok (in etwa wie mit dem BMW i3). Als Gebrauchte sind diese frühen ID.3 erfreulich günstig, die Technik war zwar damals schon veraltet, aber erscheint zuverlässig, das kann man dann schon machen. Zumal es ja reichlich Updates und andere Verbesserungen gab über die Jahre.



Doch es geht ja hier nicht um den Alten, sondern um: Neo. Damit das klar ist: Es ist immer noch das gleiche Auto auf der immer noch gleichen Plattform, MEB. Die wird Volkswagen noch ein wenig erhalten bleiben, die neue SSP (Scalable Systems Platform) sollte man nicht vor 2028 erwarten (sofern Rivian bis dahin auch tatsächlich einmal etwas liefert), gewisse Problemzonen können also nicht bearbeitet werden. Doch VW hat sich viel Mühe gegeben, auch an der Hardware Hand angelegt, die Stromtechnik wurde deutlich verbessert, wirksamere E-Motoren, es gibt auch neue, effizientere Batterien, bis zu 630 Kilometer Reichweite sollen nun möglich sein – nach WLTP. Ich kann jetzt da noch keine Vergleiche ziehen, für diesen Fahrbericht rollte ich einfach ein bisschen einher, die vom Bordcomputer angezeigten 17,5 kWh/100 km erschienen mir als vernünftig für die abgerufenen und dann gebotenen Fahrleistungen. Als besonders sparsam wird die MEB-Plattform aber nicht mehr in die Geschichte eingehen. Die maximale Ladegeschwindigkeit von 183 kW für den grössten Akku (79 kWh, NMC) ist nicht top, aber anständig.



Die Neuerungen an der Karosse sind dezent, aber wirkungsvoll. Die neue Front wirkt weniger klobig, hat nun aber leider dieses anscheinend im Volkswagen-Konzern unverzichtbare durchgehende Leuchtenband samt illuminiertem Logo. Positiver wirkt sich aus, dass Dach und Heck nun in der gleichen Farbe lackiert werden dürfen wie der Rest des Fahrzeugs. Innen ist viel, viel besser, hochwertigere Materialien, kaum mehr Klavierlack, der Display hinter dem Lenkrad ist grösser und auch tatsächlich ablesbar (am besten: im Retro-Look) – und es gibt wieder physische Tasten. Die man auch im Dunkeln erkennt. Oder sich dann von einer der 30 möglichen Ambientebeleuchtungen bescheinen lassen kann. Das Bediensystem wurde in erster Linie stabilisiert, das dürfte jetzt funktionieren; an simpler Logik fehlte es ja bisher schon nicht, aber das bringt am schwarzen Bildschirm halt nichts. Was mich aber am meisten gefreut hat, nein, nicht all die neuen Assis, nein, ganz sicher nicht das teilautomatisierte Fahren, sondern: die Verarbeitung. Das wirkt jetzt wieder gut, solid, so, wie es in einem Volkswagen gefälligst zu sein hat.

Und so fährt er sich auch, der Neo. Man wird jetzt keine Nordschleifen-Rekorde in den Asphalt brennen (kann aber in knapp über 7 Sekunden von 0 auf 100 rennen), aber man muss auch nicht hinter dem Trecker herzuckeln. Die Lenkung ist nicht nur um die Mittellage etwas suppig, er schiebt auch relativ früh über die Vorderräder, doch dafür braucht sich der fast zwei Tonnen schwere Stromer nicht zu schämen. Er bremst gut, mit der neuen One-Pedal-Driving auch ohne Beihilfe – und vor allem ist er angenehm komfortabel. Und das ist es doch wohl, was man in einem so ruhigen Fahrzeug haben will. Die Platzverhältnisse sind gut, man sitzt auch gut, als Gesamtpaket ist der Neo auf jeden Fall viel besser geworden.






In der Schweiz beginnt die Preisskala bei 34’800 Franken, dies dann für die kleinste Batterie (50 kWh, 170 PS). Mit der grossen Batterie und 231 PS steigt der Preis dann auf ab 44’400 Franken – und da ist man dann schon auf Tesla-Niveau. Also, preislich, technisch eher nicht so. Auch als Neo wird der ID.3 aber wohl nicht zum neuen Golf für die Wolfsburger (das wird eher dem ID.Polo gelingen), doch es ist gut zu wissen, dass Volkswagen nicht einfach tatenlos zusieht.



In Wolfsburg lernt man dazu, in Stuttgart nicht. Dort verbaut man immer noch Hartplastik, das letzte was man in einem Benz will.
Wahrscheinlich das gelungenste, effektivste Facelift in der Automobilgeschichte – und die Besinnung VWs vom Modeobjekt zurück zum Markenkern.
Man will ihn nicht „Golf“ nennen. Aber die umgebende Dramatik und der beeindruckende Reifungsprozeß des Produktes erinnern schon an die 70er.
Ob VW die ersten abgestürzten ID3 genauso leise verschwinden lässt, wie dereinst die übelsten Rost-Gölfe?
Man darf den Bediensteten der Maschinerie Wolfsburg Glück wünschen.
Die Schleier der letzten 10 Jahre scheinen sich zu lichten.
Gute Sache, dass VW dafür sechs Jahre benötigt ist eher …..
Mir haben übrigens Dach und Heck in schwarz immer „ganz gut“ gefallen, soweit dies bei einem eigentlich so langweiligen Auto möglich ist.
Ich sehe unseren Kollegen Hugo mit irischem oder schottischem Brand kopfschüttelnd in der Fahrzeughalle sitzen, ob der positiven Kommentare. 😉
PS: Habe eben mal den Konfigurator bemüht. Mit dem großen Akku, Ausstattung Style wie hier gezeigt, ist man ganz schnell nahe oder auch über 50.000,- Euro.
Für einen „Golf“ ein Haufen Geld.
Es wurde im Text zaghaft wieder Tesla erwähnt.
Model 3 ist eher (teils deutlich) günstiger, das beliebte Y bekommt man ungefähr preisgleich. Auf der Straße wirken die ein bis zwei Klassen drüber.
Wie Herr Ruch mal schrieb „man muss es sich leisten können, keinen Tesla zu kaufen“.
es sei hiermit verkündet: die Tesla als Automobile dürfen wieder mitmachen. zum grossen Rest sei geschwiegen.
Lieber Rolf, nicht in der Wagenhalle und (noch) nicht mit hochprozentigen Getränken…
Stattdessen am Meer, mit einem feinen Darjeeling, das Wechselspiel der zügig dahinziehenden Wolken beobachtend!
Das Facelift hat dem ID.3 in der Tat gut getan, aber es bleibt eben nur ein Lifting, der beste Schönheitschirurg macht aus Hella von Sinnen keine Isabella Rosselini…
Der aktuelle Golf ist in Linienführung, Volumina und Details deutlich stimmiger, die ID-Modelle sind wirklich ziemlich ungelenk gezeichnet, den neuen ID.Polo ausgenommen.
Für mich ist bei der Beurteilung von Automobil Design neben den üblichen Kriterien vor allem das Atmosphärische von erheblicher Bedeutung:
Wie macht sich solch ein Auto in verschiedenen Umgebungen:
– Im Zentrum einer Europäischen Großstadt?
– Vor einem alten Grandhotel?
– Vor einem streng modernen Museum?
– In einer durchschnittlichen, mittelständischen Vorortsiedlung?
– Vor einer Bauhausvilla im Berliner Westend?
– Auf dem Marktplatz einer Historischen Kleinstadt?
– Am Ufer des Comer Sees?
– In der Waschbetonwüste einer in den siebziger Jahren ruinierten Industriestadt?
– Vor einem Landhaus im Périgord?
– Vor einem Dicountmarkt im Industrieviertel?
Und:
Wen stelle ich mir hinter dem Volant eines solchen Autos vor:
– Den Rentier im Funktionsanorak?
– Den Oberstudienrat im Karohemd?
– Herrn Ruch, ganz in Schwarz und mit Cigarette?
– Den Hipster mit Red Wings Schuhen?
– Die junge, schöne Reedereierbin mit Perlenkette?
– Die junge Mittelstandsmutter mit Lena und Sebastian auf der Rückbank?
– Sie?
– Mich?
– Herbert Diess auf dem Weg zur Aufsichtsratssitzung?
Und nachdem ich diese Überlegungen angestellt habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, statt eines ID.3 neo lieber einen aktuellen Golf in Dunkelgrün mit schwarzer Lederpolsterung, ohne schwarze Scheiben, mit schönen Felgen und vernünftigen ca. 200 PS – gerne auch elektrisch – zu bestellen, der paßt mir einfach besser!
Und jetzt, nach so vielen Worten, könnte ich vielleicht doch einen Schluck Rosé trinken, schließlich ist es Sonntag und fast Vine o’clock…
Das verstehe ich. Ich entscheide oft nach einer kurzen Probefahrt, manchmal schon bei einem Probesitzen, ob ich in diesem Auto, wie Sie es mal so schön ausdrückten, gesehen werden will.
Da kann sogar die Farbe des Vorführwagens eine Rolle spielen.
Und irgendwo vorzufahren und auszusteigen ist dann nochmal so eine Sache.
Ich nenne es immer, kann ich mich mit dem Auto identifizieren?
Nun habe ich wieder mal mit Konfiguratoren gespielt.
Ein Golf 8 mit 150 PS Benziner und DSG im feinen Moss Green liegt blitzschnell bei mindestens 44.000 Euro. Ein Golf!!!!!!! Benziner!
Und dann muss man noch höllisch aufpassen, dass Sitzheizung und Regensensor gekauft werden. Beim Rest der Welt samt Navi Serie.
Quercheck bei Tesla und Renault (Model 3, Renault 4, Scenic Long Range (ein richtig mächtiges Auto gegen einen Golf) und als Benziner noch den Symbioz Full Hybrid). Da gibts für 10.000 Euro weniger schon mehr oder preislich vergleichbar sehr viel mehr.
Nee, das passt noch nicht bei VW.
Haben sie jetzt für den Wagen etwas getan, jetzt wäre mal das Volk dran.
Der ID.3 hat schon vor Neo einiges an Verbesserungen erhalten. Ich fahre seit anderthalb Jahren eine GTX-Version mit 340 PS.
Ein sehr gutes Elektroauto. Agil trotz Gewicht. Teuer war er, das stimmt. Aber in der Kombination von Kompaktheit/Reichweite (600 Kilometer) und wenn man keinen SUV will, immer noch konkurrenzlos.
Noch was zur Ladegeschwindigkeit am Schnelllader. Die ist für mich komplett irrelevant. Das ist sie für alle, die zu Hause laden können. Ich weiss nicht, warum die Journalisten so einen Fimmel auf diesen Wert haben.
Ich fahr halt dann und wann etwas weiter, deshalb ist mir das wichtig.
Habe exakt dieselbe Erfahrung mit meinem GTX Performance. Bei der Software machte VW Ende 2024 offenbar einen Quantensprung. Aber wie Herr Ruch schreibt, für die Leute die weiter fahren ist die Ladegeschwindigkeit halt wichtig. Dafür ist die Reichweite für ein Auto dieser Klasse (noch) konkurrenzlos. Und in meinem Vorgarten, dem Flüela, kann die chinesische Konkurrenz einpacken. Fahrwerk können sie bei VW.
Diese „Fimmel“ haben nicht nur die Journalisten, sondern auch anz normale Menschen wie ich!
Was nutzen mir 340 PS, wenn ich mit vernünftiger Reisegeschwindigkeit (ca. 160 km/h) keine 300 km am Stück fahren kann, ohne mich der „Charging Tristesse“ am Autohof in Duisburg Ruhrort aussetzen zu müssen?
Das verstehe ich auch nicht, dass die Ladestationen oft dermaßen furchtbar liegen und man sich fragt, was mache ich jetzt 20 bis 30 Minuten lang? Das ist lang, wenn man einfach nur wartet.
Viele Stationen stehen vor Supermärkten oder vor MacDoof, aber beides ist nicht immer, was man will.
Eine ganze Batterie Supercharger steht in HH Süd vor einem Hotel mit Kaffee und der Möglichkeit draußen zu sitzen, das ist schon mal nicht schlecht.
Eigentlich sollten die Autobahnen mal „zu den schönsten Aussichtspunkten Deutschlands“ führen. Nett, wenn man an schönen Punkten laden könnte, habe ich in Dänemark so gesehen und vielleicht sogar die Möglichkeit hätte, eine schöne kurze Landrunde mit seinem Hund zu drehen.
Vielleicht ein neues Geschäftsmodell? Schöner Ladepunkt mit Lavazza-Maschine und Spazierwegen.
Lieber Rolf, ja, solch eine Ladestation wie Sie sie beschreiben, das wäre schon ein Fortschritt – aber für mich, der sehr regelmäßig ca. 300 km am Stück fährt, in der Regel ohne Pause und zügig, also mit irgendwas zwischen 130 und 170 km/h, ist eine halbe Stunde Pause eigentlich nicht akzeptabel.
Gestern Abend habe ich besagte Strecke von 330 km – eine Zubringerstraße war gesperrt, Google Maps leitete mich demzufolge um – in etwa zweieinhalb Stunden zurückgelegt, ich bin nach dem Abendessen gegen 20.45 Uhr gestartet und war gegen 23.15 Uhr zu Hause, über weite Teile bei fiesem Regen, so daß ich nicht schneller als 150 km/h gefahren bin, ich fürchte, daß das mit einem Elektroauto nicht geklappt hätte, dafür aber mit einem Saab Cabrio von 2003…
Sobald ein Elektroauto das kann und dann noch ein bißchen Restreichweite hat, dann wird es für mich interessant.
Wir haben da vielleicht etwas, auch aus Schweden: https://radical-mag.com/2026/09/01/radical-zero-kurztest-volvo-ex60/
>> Wir haben da vielleicht etwas, auch aus Schweden: https://radical-mag.com/2026/09/01/radical-zero-kurztest-volvo-ex60/ <<
Ja, Reichweitentechnisch geht das schon in die richtige Richtung, beim Design bin ich mir da noch nicht so sicher, aber das Hauptproblem: Ich hasse SUV's!
[…] Vorsprung durch Technik sieht eh etwas anders aus. Wir haben es erst kürzlich geschrieben, der VW ID.3 Neo ist viel besser als der ID.3 ohne Neo, aber technisch ist und bleibt auch der Neo einfach ein […]