Der Weg ist der Weg
1156 PS. 1500 Nm maximales Drehmoment. Und er kriegt das sowie die 2725 Kilo Leergewicht tatsächlich auf den Boden mit der Launch Control. Nur 2,5 Sekunden soll es dauern von 0 auf 100 km/h, messen konnte ich es nicht, weil sich mein iPhone zwei Mal hintereinander in die zweite Reihe verabschiedete, aber es dürfte sicher hinkommen, die Porsche schaffen die Werksangaben ja meist. Es ist aber noch schwierig zu beschreiben, welch brachiale Kräfte dann wirken, die Fahrerin hat es ja noch gut, sie kann sich am Lenkrad festhalten, aber als Beigemüse ist es doch schwierig – und wenn sich nicht sauber in den Sitz betoniert und den Kopf gegen die Nackenstütze drückt, gar unvorbereitet ist, dann könnte das Schmerzen verursachen. Aber man haut ja so ein Porsche Cayenne Turbo Coupé Electric nicht jedes Mal mit der Launch Control vom Rotlicht, im Alltag muss man mit 857 PS auskommen, da ist alles halb so schlimm. Heftig genug aber schon.

So ganz prinzipiell ist es schon erstaunlich, wie sich dieses ziemlich genau 5 Meter lange (4985 Millimeter), 1,98 breite und 1,65 Meter hohe Trumm fortbewegen lässt (das Leergewicht hatten wir ja schon erwähnt, der Radstand beträgt doch beachtliche 3,02 Meter). Behend ist jetzt vielleicht nicht der richtige Ausdruck, agil, naja, aber, ja, doch, gerade mit der Hinterachslenkung (natürlich nur gegen Aufpreis) machen sogar enge Bögen Spass, auch im Dörfchen kommt man sich nicht vor wie der Sattelschlepper. Und das hält dann halt auch richtig gut, grossartiger Grip, krass, ausgezeichnete Lenkung, höchst präzis, das wankt nicht, das schaukelt nie, das ist für ein E-SUV-Schiff schon die ganz hohe Schule. Auch der Komfort ist dabei nicht auf der Strecke geblieben, ausser vielleicht in Sport+, doch dieser Fahrmodus ist eh nur für die abgesperrte, topfebene Strecke empfehlenswert. Da darf man schon den Hut ziehen, Fahrwerk hat die «Sportwagenschmiede 35» definitiv und weiterhin im Griff.

Innen, ich weiss jetzt nicht so recht, da empfinde ich den neuen, elektrischen Cayenne halt als sehr beliebig. Könnte auch ein gehobener Chinese sein – oder ein anständig ausgestatteter Opel. Klar, die Verarbeitung ist sauber, die Materialien hochwertig, aber das darf man bei einem Grundpreis von 192’500 Franken schon auch erwarten. Doch dort, wenn es um die nicht-materiellen Werte geht, Charakter etwa, Emotionen, da hapert es dann beträchtlich; Habenwollen sieht definitiv anders aus. Die Sitze sind gut, zumindest vorne, der Kofferraum fasst 500 Liter, das Bediensystem soll gut sein, hör ich, alles, was es braucht und schnell, ich hatte dafür keine Zeit, es war ja nur ein kurzes Vergnügen. Und da wollte ich lieber fahren als vor dem Bildschirm sitzen – Himmel, das Ding geht schon wie das sprichwörtliche Zäpfchen.

Das Beste ist, wenn man fährt: Man muss sich den Porsche Cayenne Turbo Coupé Electric nicht von aussen anschauen. Gut, es fehlt mir schon seit dem ersten X6 (Ssangyong Actyon…) komplett das Verständnis für diese SUV-Coupé, doch jetzt hat Porsche die Latte optisch tatsächlich noch einmal ein gutes Stück tiefer gelegt. Es liegt sicher auch an der Farbe des Testwagen, dieses Rheinmetall-Katzendurchfall-Grüngrau ist unsäglich, selber schuld, wer sowas in der freien Wildbahn zum bildlichen Abschuss freigibt. Aber formal ist da nun wirklich so ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen, die viel zu hoch angesetzten, viel zu schmalen Scheinwerfer, die komplett unmotivierten Plastikdreiecke darunter, der Schneepflug mit dem Kiemen, wieder Plastik, ganz vorne. Hinten ist er zu hoch, wirkt deshalb plump, links und rechts gibt es Luftauslässe, die keine sind, unten hat jemand noch ein Dings hingepappt, das wohl ein Diffusor sein soll, aber aussieht wie, eben, hingepappt. Und von der Seite, für mein Empfinden stimmt da nichts, zu hoch die Gürtellinie, zu mickrig das Green House, vorne dieser überhöhte Hüftschwung (sonst passen keine 22-Zöller rein), ganz hinten diese Lippe, bei der man wohl zu spät gemerkt hat, dass sie da auch noch hin muss. Die Turbo-Aero-Aldi-Felgen tun ein Übriges. Und überhaupt, er sieht einfach nicht aus wie ein Porsche, sondern mehr so wie, genau.



Unter 220k geht man bei so einem Porsche Cayenne Turbo Coupé Electric nicht vom Hof, das ist dann schon viel Moos. Ja, derzeit ist der Porsche mit der PPE-Plattform noch ziemlich weit vorn, technologisch, 800-V-Architektur, 113-kWh-Akku, WLTP-Reichweite bis zu 635 Kilometer, 390 kW maximale Ladegeschwindigkeit. Doch ein ein Viertel so teurer XPeng lädt heute schon schneller, das Fast Charging von BYD lässt den Cayenne bereits jetzt uralt aussehen – und das wird dann wohl bei den Gebrauchten schnell mal auf den Preis drücken (siehe: Taycan). Andererseits: Wer eine Viertelmillion für so ein Gerät ausgibt, den wird das wohl eher nicht so kümmern, wahrscheinlich. Das mit dem Turbo beim Stromer wärmen wir jetzt nicht noch einmal auf, oder?



Gefahren sind wir den Porsche beim #GTEST von German Car of the Year. Mehr Strom: zero. Alles andere: Archiv.


Gut gebrüllt, Löwe!
Wie immer erfrischend so etwas lesen zu können!