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radical zero: Fahrbericht Kia PV5

Klassenkampf

Die furchtbare Überhandnahme der SUV habe ich nie verstanden. Und noch weniger verstehe ich, weshalb die doch so praktischen MPV dafür quasi aussterben mussten. Ich mein, diese früheren Espace, auch Scenic, ein Dacia Dokker oder Citroën Berlingo, sogar ein VW Touran – alles wahre Familienfreunde, einfacher Zustieg nach hinten, grosser Kofferraum, meist noch ein vernünftiger Preis, viel Auto fürs Geld. Gut, die wilde Fahrfreude war das jetzt eher nicht (wobei, so ein Zafira OPC, das war einst schon recht cool für den eiligen Vater), aber das muss ja auch nicht immer sein, man darf der Vernunft auch mal ein schönes Plätzchen an der Sonne gönnen. Und da kommt jetzt Kia ins Spiel, mit einem ganz neuen Ansatz: Den rein elektrischen PV5 gibt es nur als Fahrgestell, als Cargo-Version und dann halt auch als Personenwagen mit bis zu sieben Sitzen. Weil er schmaler (1,89 Meter) ist als hoch (1,92 Meter), sieht er aus wie ein Kleinbus (und wie ein direkter Konkurrent zum VW ID.Buzz), doch beim Platzbedarf auf der Strasse ist er halt schon eher ein MPV. Das ein bisschen aussieht wie ein Lego-Mobil.

Mit klassischer Schönheit kann er nun eher nicht punkten, der Kia PV5. Form follows function, in fast schon übertriebenem Masse, das Design orientiert sich stark an einem Schiffscontainer. Aber das ist irgendwie auch charmant, mehr Sein als Schein, dieser Ansatz hat schon Dacia den Erfolg gebracht, er würde noch so manchem Hersteller (nicht nur in der Auto-Industrie) gut anstehen. Und weil das alles relativ einfach aufgebaut ist, ist auch der Preis sehr spannend: In der Schweiz kriegt man so einen Personenwagen-PV5 schon ab 38’950 Franken (den Cargo schon ab etwa 33’000 Franken). Das ist dann fast ein wenig Klassenkampf, E-Auto-Fahren auch für grosse Familien erschwinglich machen, das gab es in dieser Form ja bisher noch nicht wirklich.

Nun darf man da natürlich nicht feinste Technologie erwarten. Das ist eine relativ simple 400-V-Architektur, maximale Ladegeschwindigekeit 150 kW, in der Basis gibt es einen 52-kWh-Akku und schwächliche 122 PS, ich fuhr die Variante mit der 71-kWh-Batterie und 163 PS, dies als 5-Sitzer. Übermotorisiert ist der doch 2145 Kilo schwere PV5 damit sicher auch nicht, Sprintzeiten für die 0/100 von über 10 Sekunden erscheinen für einen Stromer wie aus dem letzten Jahrhundert, die Höchstgeschwindigkeit von 135 km/h ebenso. Doch genau das, Beschleunigung, über deutsche Autobahnen knallen, ist ja genau das, was der Koreaner gar nicht können will; man soll einfach trocken von A nach B kommen. Und dabei noch 1330 Liter Kofferraum zur Verfügung haben (als Zweiplätzer: 3615 Liter! ID.Buzz: 1121 bzw. 2123 Liter…). Der Kia ist auf der Gasse hart wie ein Brett, in der Kurve eine Schaukel, sämtliche auch nur sanftest sportlichen Ambitionen weiss er von Beginn weg in sehr enge Schranken zu weisen. Aber irgendwann wird man trotzdem ankommen, wahrscheinlich sogar entspannter. Und auch mit Pausen: Der Bordcomputer zeigte bei wahrlich zurückhaltender Fahrweise einen Verbrauch von 24 kWh/100 km an, sehr weit kommt man so nicht.

Wir rechnen es wieder einmal vor: 24 kWh/100 km, das sind bei einem 71-kWh-Akku dann 296 Kilometer Reichweite. Beim sinnvollen SOC zwischen 80 und 10 Prozent kommt man also auf realistische 207 Kilometer. Verstanden?

Innen ist es im PV5 so, wie man das von modernen Automobilen mittlerweile überall kennt: Grosser Touchscreen, kleines Tablet vor dem Lenkrad, physische Tasten nur noch auf dem Lenkrad. Aber das Bediensystem ist einfach, das versteht man auch während der Fahrt, ausser vielleicht bei den Assis, um sie abzuschalten, muss man sich schon durch die Untermenus wühlen. Aber da ist der Koreaner weder besser noch schlechter als andere, also: es sind eigentlich alle schlechter, am besten macht das Renault mit seiner «Perso»-Funktion. Die Sitzposition ist eher so wie auf einem Barhocker, das ist etwas ungewohnt, doch die Langstrecke ist eh nicht so das Ding des PV5. Und gediegene Innenausstattung auch nicht, der Plastik ist bretterhart und sehr reichlich vorhanden. Er gibt sich schon sehr viel Mühe, der Kia, in wirklich keinem Bereich einen Schönheitspreis zu gewinnen.

Ausser halt in der Kategorie Preis im Verhältnis zum Raumangebot, da ist der Kia PV5 (bei den Stromern) derzeit ganz vorne. Ganz nach vorne in die Verkaufsstatistiken wird er es trotzdem nicht schaffen, dafür sieht er einfach zu eigenartig aus, dafür sind die Koreaner in diesem Segment ein noch zu junger Player. Doch sie wollen das jetzt bespielen, auch bei den Nutzfahrzeugen, es kommt bald der grössere PV7, da dürften einige der bekannten Grössen der Branche schon mal etwas nervöser werden. Der Klassenkampf kann beginnen.

Gefahren bin ich den Kia anlässlich des #GTEST von German Car of the Year. Mehr Strom: zero. Alles andere: Archiv.

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