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Fahrbericht Porsche 718 Boxster GTS 4.0

Wiedergutmachung

Sie hatten sich so viel Mühe gegeben bei Porsche, vor bald 25 Jahren, als der Boxster auf den Markt kam. Der kleine 911er sollte er sein, mit Mittelmotor moderner, vielleicht sogar agiler. Und doch wollte es niemand so recht glauben, als Frisösinnen-Cabrio wurde er geschimpft, die Verkaufszahlen wollten nie so recht abheben.

Obwohl über die Jahre viel am Boxster gearbeitet wurde, tief in die Trickkiste gegriffen, ja sogar den Namen geändert. Mit «718» haben sie ein Baureihenkürzel aus der Vergangenheit ins Jetzt übersetzt, wie es passender kaum sein könnte. Weiterhin dieses zarte Mittelmotorfahrgestell, sündig schön und federleicht, angetrieben vom vielleicht komplexesten Vierzylinder aller Zeiten.

Eine Brücke wurde also gebaut, niemand sollte dem Sechszylinder des alten Boxsters hinterherweinen. Stattdessen mit grosser Freude auf das Filigrane, die neugewonnene Leichtigkeit und das alerte Wesen der Turbo-Vierzylinder geblickt werden. Sogar der edle Le-Mans-Held vom Typ 919 Hybrid hielt es tapfer aus, dass sein Kurbelwellen-Konzept zum Marketing für den kleinen Offenen hergenommen wurde.

Aber: neu ist nicht immer besser. Und selbst wenn, dann ist es das vielleicht in Zahlen. Doch was ist mit den echten Werten? Die ganz grossen Gefühle und tiefe empfunde Leidenschaft entstehen meist dann, wenn das Herz über den Verstand siegt. Beim Boxster hat immer etwas gefehlt. Leistung war es nicht, in der Mitte waren die Turbomotoren sogar potenter als je zuvor. Aber die Darbietung. Das Direkte, das Unmittelbare, dieser kostbare Moment, in dem das Auto das Zucken im Fuß beinahe zu antizipieren spürt – es war nicht da.

Denn ein Porsche ist immer Überfluss. Alltagsflucht. Unsinn. Wenn man ihn plötzlich mit Sparsamkeit und Rationalität betrachtet, ja natürlich aus EU-Gesetzessicht sogar auch sehen muss, dann muss man die Frage stellen: Kann das dann noch funktionieren? Im Sinne der Emotion muss die Antwort lauten: Nein. Deshalb hat man in Stuttgart nun reagiert. Mit dem Porsche 718 Boxster GTS 4.0 kehrt der Sechszylinder zurück. Und wie. Nicht mehr bloss mit 3.4 Litern Hubraum wie im Vorgängermodell, nein. Volle vier Liter Hubraum. Es ist, als wollen sie zeigen, dass sie mehr als verstanden haben. Vielleicht sogar ein bisschen entschuldigen. Als wäre er nie weggewesen, dieser Sechszylinder.

Denn eigentlich interessieren Zahlen an dieser Stelle nicht. Wenn der Zündschlüssel am rauh-kalten Frühlingsmorgen rumgeht und die Mechanik im Heck zum Leben erwacht, dann ist es sofort da: Das Gefühl. Etwas Grosses, etwas Wunderbares, ja vielleicht sogar etwas in diesen Tagen: Einzigartiges. Heiser und kehlig blafft der Vierliter zum Start, verfällt in einen nervösen Leerlauf und zeigt an: Los jetzt! Dass er mechanisch in direkter Erbfolge zum Meisterwerk aus GT3 und 911 Speedster steht und sogar baugleich in GT4 und Spyder montiert wird, zeigt an, dass sie in Suttgart mit dem Porsche 718 Boxster GTS 4.0 vielleicht wirklich etwas zurückgeben wollten.

Und so fährt es auf der ersten Ausfahrt dann auch. Das geschliffene Fahrwerkstalent, die makellose Balance des Mittelmotors und die feinnervigen Reaktionen auf kleinste Lenkeingaben des Fahrers – der 718 ist fahrdynamisch noch immer eine Offenbarung, die keine Konkurrenz kennt.

Mit dem Vierliter im Heck schraubt sich das Erlebnis aber noch einmal in eine ganz andere Dimension. 400 echte freisaugende, rotäugig wild ausdrehende Pferdestärken, die erst bei knapp 8000 Umdrehungen in den Begrenzer rennen. Ein Getriebe, dass keine Schonung kennt und Fahrer wie Drehzahlen fordert. Es ist, als könne es nicht besser sein: Wenn das Dach offen ist, das Öl warm und die Lieblingsstrecke frei ist, dann bist Du im Himmel. Sofort, ohne Eingewöhnung. Weil der Porsche 718 Boxster GTS 4.0 mehr ist als ein Auto. Er ist ein Fluchtfahrzeug. Er holt den Menschen aus dem Alltag. Er lässt alles vergessen. Und er lässt sich geniessen. Weil er ein absoluter Fahr-Traum ist.

Wir hatten das ja schon geschrieben, als wir von diesem neuen Gerät und seinem Cayman-Bruder erfahren hatten: Wer über das Spaziergeld von mindestens 110’900 Franken verfügt, sollte ihn sich leisten. Besser wird es wohl nicht mehr.

Mehr Porsche findet sich in unserem Archiv.

Bilder: Rossen Gargolov

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