Zurück zum Content

Fiat 8V

«Überraschung des Jahres»

Es gab da bei Fiat einen Mann namens Dante Giacosa. Er hatte seine Karriere mit Lastwagen begonnen, dann Flugzeug-Motoren konstruiert, war nach dem 2. Weltkrieg massgeblich am Cisitalia-Rennwagen beteiligt – und verbrachte 1947 einige Monate in Detroit. Dort war er auf der Suche nach neuen Ideen für eine grössere Limousine, die sein neuer Arbeitgeber Fiat zu bauen gedachte. Er schlug dann vor, dem Projekt 101 einen 2-Liter-Vierzylinder zu spendieren, doch daraus wurde nichts, der «grosse» Fiat wurde 1952 als Fiat 1400 mit einem 1,4-Liter-Motörchen vorgestellt. Aber: der damalige Verantwortliche für die Fiat-Personenwagen, Luigi Gajal, wollte doch noch eine stärkere Variante. Weil ein klassischer V6 nicht in Frage kam und es für einen klassischen 90-Grad-V8 keinen Platz hatte im Motorraum, begann Giacosa mit der Entwicklung eines Achtzylinders im 72-Grad-Winkel. Das Projekt trug den Namen 104.

Es ist dies eine sehr spezielle Maschine: die überquadratischen Abmessungen betragen 72 mm Bohrung und 61,3 mm Hub, es wird eine Drehzahl von 6000 U/min erreicht, wo die höchste Leistung von 110 PS abgegeben wird. Die nassen Zylinderlaufbüchsen bestehen aus Grauguss, der Zylinderinhalt beträgt 1996 ccm und das Verdichtungsverhältnis liegt mit 8,5:1 deutlich über der damaligen Norm. Die kurze und steife Kurbelwelle ist dreifach gelagert, verfügt erstaunlicherweise nicht über Schwingungsdämpfer; die Pleuel der gegenüberliegenden Zylinderpaare lagern nicht, wie sonst bei V-Motoren üblich, auf einem gemeinsamen Kurbelzapfen, sondern sind um 10° im gegenläufigen Sinn versetzt. Die je zwei hängenden Ventile pro Zylinder werden durch eine in der Motormitte angeordnete und mittels Kette an der Stirnseite angetriebene Nockenwelle über Stossstangen und Kipphebel betätigt. Die Gemischaufbereitung übernehmen zwei Doppel-Fallstromvergaser Weber 36DC F3. Die trockene Einscheibenkupplung und das Vierganggetriebe sind am Motor angeflanscht.

Auch beim Fahrwerk u beschritten die Techniker von Fiat (mit Hilfe von Siata) teilweise Neuland. Alle vier Räder sind einzeln mit Schraubenfedern und Dreieckslenkern aufgehängt. Während unabhängige Vorderrad-Aufhängungen 1952 fast überall Eingang gefunden hatten, besassen die meisten Wagen hinten sonst noch brave Starrachsen. Der Fiat 8V besitzt vorne und hinten hydraulische Stossdämpfer und Stabis. Der Radstand beträgt 240 cm, die Spur vorne und hinten 129 cm. Die Gesamtlänge beträgt beim Werks-Coupé 406 cm, die Wagenbreite 150 cm und das Leergewicht 930 kg. Das ermöglichte feine Fahrleistungen, die Standard-Version erreicht schon 180 km/h, beschleunigt in 10,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h; in der Rennversion mit 127 PS bei 6600/min sind dann über 200 km/h möglich.

Insgesamt wurden nur gerade 114 Fiat Otto-Vu gebaut, erstmals gezeigt wurde das Fahrzeug auf dem Genfer Salon 1952. Und das amerikanische Fach-Magazin «Road & Track» nannte den Italiener «die grösste Überraschung des Jahres». Die meisten 8V erhielten eine Werkskarosserie, ein anfangs etwas biederes Coupé, das aber über die verschiedenen Serien immer hübscher wurde. Wir möchten in der Folge aber ein paar Spezialaufbauten zeigen – und beginnen mit der wahrscheinlich berühmtesten. 14 Otto-Vu kleidete nämlich Ghia als so genannte «Super Sonic» ein, sehr schöne Fahrzeuge, gezeichnet von Giovanni Savonuzzi; sie gehören heute zu den gesuchtesten Fiat 8V überhaupt (gesucht sind alle, aber die «Super Sonic» halt aus verständlichen Gründen etwas mehr). Wir zeigen hier gerne zuerst das Fahrzeug, das RM Sotheby’s Anfang März auf Amelia Island versteigern wird.

Doch da war noch ein Einzelstück von Ghia, gezeichnet von Mario Boano, die Chassisnummer 000042, ausgeliefert am 10. Juni 1953, fertig gestellt fünf Monate später. Boano war inspiriert von seinem eigenen Gioiello, aber auch von den Entwürfen von Virgil Exner, dem Chrysler-Designchef, der in jenen Jahren oft mit Ghia zusammenarbeitete; man liegt sicher nicht falsch, wenn man dieses Einzelstück als den wohl «amerikanischsten» Otto-Vu bezeichnet, er ist mächtiger, aber sicher nicht weniger elegant als seine «italienischen» Brüder. Kein Wunder, dass 000042 im Jahre 1957 in die USA verkauft wurde, ein Film-Regiesseur aus Hollywood wurde sein Besitzer.

Wie versprochen, da kommt dann noch mehr. Also eine unserer Sammlungen:

Chassis-Nummer: 106.000022

Motoren-Nummer: 104.000.000043

Karosserie: Zagato

Auktion: Gooding & Co., Pebble Beach 2017, verkauft für 1’485’000 Dollar; Pebble 2011, verkauft für 1’127’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000035

Motoren-Nummer: 104.000.000058

Karosserie: Ghia/Giovanni Savonuzzi

Auktion: Gooding & Co., Scottsdale 2011, verkauft für 1’705’000 Dollar; Amelia Island 2013, verkauft für 1’760’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000041

Motoren-Nummer: 104.000 000060

Karosserie: Ghia/Savonuzzi (Nr. 804)

Auktion: RM Sotheby’s, Elkhart Collection 2020, no reserve – wir haben zu diesem Fahrzeug und überhaupt den Supersonic noch eine schöne Geschichte mit ganz vielen Bildern, hier.

Chassis-Nummer: 106.000042

Motoren-Nummer: BS099

Karosserie: Ghia

Auktion: RM Sotheby’s, London 2009, zugeschlagen für 341’000 Pfund; Arizona 2016, zugeschlagen für 946’000 Dollar (mehr Bilder: siehe oben).

Chassis-Nummer: 106.000046

Motoren-Nummer: 104.000.000149

Karosserie: Vignale/Michelotti

Auktion: Artcurial, Paris 2013, nicht verkauft, Schätzpreis 750’000 bis 850’000 Euro.

Chassis-Nummer: 106.000047

Motoren-Nummer: 104.000.000090

Karosserie: Vignale/Michelotti

Auktion: RM Sotheby’s, Monterey 2015, Schätzpreis 1’100’000 bis 1’400’000 Dollar, nicht verkauft; Monaco 2018, Schätzpreis 750’000 bis 950’000 Euro, nicht verkauft*. Und schon wieder: RM Sotheby’s, Elkhart Collection 2020, no reserve.

Chassis-Nummer: 106.000049

Motoren-Nummer: 104.000.000085

Karosserie: Ghia

Auktion: RM Sotheby’s, Amelia Island 2017, zugeschlagen für 1’375’000 Dollar (mehr Bilder: siebe oben).

Chassisnummer 106 000049 war der 10. von 14 (oder vielleicht auch 15) gebauten Fiat 8V Supersonic, wurde 1954 auf dem Genfer Salon ausgestellt – und vom Stand weg vom damaligen Chrysler-Chef K.T. Keller gekauft. Nächster Besitzer war Lou «The Speed King» Fageol, ein mehrfacher Powerboat-Meister, Besitzer eines Renn-Teams und Konstrukteur von zweimotorigen Rennwagen, der dem Wagen später ein Continental-Rad-Kit und Heckflossen verpasste. Irgendwie gelangte der Fiat in die Hände eines Herrn Farber, der den Otto Vu 36 Jahre lang besass – und ihn in dieser Zeit wieder in den Originalzustand versetzte. Zuletzt wurde 0049 im Jahr 2017 für 1’375’000 Millionen Dollar versteigert – jetzt kommt das Fahrzeug leider schon wieder, wieder bei RM Sotheby’s, unter den Hammer, Mitte August 2022 in Monterey. Es gibt noch keinen Schätzpreis.

Chassis-Nummer: 106.000050

Motoren-Nummer: 104.000.000184

Karosserie: Vignale/Michelotti

Auktion: RM Sotheby’s, Villa Erba 2015, zugeschlagen für 1’120’000 Euro.

Chassis-Nummer: 106.000051

Motoren-Nummer: ?

Karosserie: Vignale

Auktion: Gooding & Co., Pebble Beach 2010, nicht verkauft, Schätzpreis 1’600’000 bis 2’000’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000061

Motoren-Nummer: 104.000.000112

Karosserie: Zagato

Auktion: Gooding & Co., Pebble Beach 2010, verkauft für 682’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000065

Motoren-Nummer: 104.000.000116

Karosserie: Zagato

Auktion: Gooding & Co., Amelia Island 2012, verkauft für 750’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000076

Motoren-Nummer: 104.000 000162

Karosserie: Zagato

Auktion: RM Sotheby’s, Monaco 2010, Schätzpreis 390’000 bis 450’000 Dollar, nicht verkauft.

RM Sotheby’s, Villa Erba 2019, verkauft für 1’771’250 Euro.

Chassis-Nummer: 106.000080

Motoren-Nummer: 104.000 0000161

Karosserie: Vignale

Auktion: RM Sotheby’s, Elkhart Collection 2020, no reserve*.

Chassis-Nummer: 106.000086

Motoren-Nummer: 104.000.000120

Karosserie: Fabio Luigi Rapi

Auktion: Gooding & Co., Pebble Beach 2010, verkauft für 400’000 Dollar.

Chassis-Nummer: 106.000089

Motoren-Nummer: BS 075 (also: Ersatz)

Auktion: RM Sotheby’s, Monterey 2022, noch kein Schätzpreis (sobald wir mehr Infos haben, folgen sie hier)

Chassis-Nummer: 106.000104

Motoren-Nummer: 104.000 000156

Karosserie: Fabio Rapi

Auktion: RM Sotheby’s, Open Roads, the European Summer Auction (14. bis 22. Juli 2020, online only), Schätzpreis 1’200’000 bis 1’400’000 Euro, nicht verkauft. Dann: RM Sotheby’s, Paris 2022, Schätzpreis 825’000 bis 925’000 Euro (fast 500’000 Euro weniger als noch 2020…), angeboten mit folgendem Text: «This example was originally delivered to Austria on 22 June 1954, after being completed by Fiat as one of only 29 factory-made second-series 8Vs, easily distinguished by the double-layer headlights. Chassis number 000104 has spent the majority of its life in the U.K., having been delivered new to Austria and remaining in continental Europe until the mid-1960s. At which point it was exported from Germany and registered in the U.K. by Anthony Roy Nichols of Norwich on 11 January 1965. The car’s original 1965 logbook is included in the history file, describing it as a red coupé fitted with engine 104.000 000156, the same that is fitted in the car to this day. In 1971, the 8V changed hands and was registered with a Commander Allison in Berkshire, and later that year was purchased by David Baldock, apparently painted silver-grey and not running at the time, according to period correspondence in the history file. After two years, Baldock sold the car onto Peter Gant, a classic car dealer in Hastings, who in turn sold the car to Robert Mansfield, who would keep the car for 30 years, then being acquired by John Baker. Leaving the ownership of Baker in 2007 in a state of partial restoration and in need of completion, the car was sent to specialists IN Racing in Nottingham and was completed approximately a decade ago. Fortuitously, a chance meeting with the Duke of Richmond at Donington resulted in an invitation for the car to be raced in the Fordwater Trophy at Goodwood Revival in 2015, where it placed 15th. The following year, the car was driven to Italy by its current owner, where it competed in the Vernasca Silver Flag hill climb and driven home, a round trip of over 3,000 km and testament to the car’s reliability. Its handful of events and long journeys typify the intent for the car to be restored and enjoyed as a road car. Prior to its participation at the Goodwood Revival, the car was fitted with a custom-made, synchromesh gearbox for ease of use. The original gearbox is included with this lot. Enjoyed for decades by enthusiastic owners in the U.K., including in the 13-year custodianship of its incumbent vendor who sent the car for servicing by Ian Nuthall at INRacing in 2021, this 8V offers a range of possibilities to its next owner, as it would surely be ripe for entry into a variety of vintage races and tours, or for spirited road use».

Mehr schöne Klassiker haben wir auch in unserem Archiv.

Gib als erster einen Kommentar ab

  1. […] gut in diesem wunderbaren Fiat, dem begehrenswertesten wohl neben dem famosen Achtzylinder, dem Otto Vu. Und an diesem schönen Novembernachmittag, an dem wir unsere Ausfahrt unternommen haben, wird uns […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.