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Test VW Golf 8 1.5 eTSI

Schade

Man muss da ja schon auch etwas auf die Zusammenhänge achten. Der Golf 1 hat unbedingt seinen Platz in der Automobil-Geschichte verdient, weil er den Umbruch brachte bei Volkswagen, wahrhaft den Grundstein legte für eigentlich alles, was Volkswagen heute ist. Ein wirklich gutes Auto war er eigentlich nicht (da gab es damals Besseres), im Gegensatz zur zweiten und zur vierten Generation des Golf, die zum besten gehörten, was man damals für Geld kaufen konnte; diese beiden Serien zementierten den Ruf des ewig scheinenden Bestsellers. Es dauerte dann aber ein bisschen, erst der Golf 7 (vor dem Facelift) war dann wieder ganz, ganz oben – und für VW vielleicht sogar noch wichtiger als der Golf 1, weil: MQB. Damals war noch alles, alles auf den Golf ausgerichtet (und ein bisschen auf die SUV), er brachte das Geld und dem Ruhm. Und er war wirklich sehr gut, das wohl beste, kundenfreundlichste Bediensystem aller Zeiten und aller Automobile, völlig intuitiv – eine ganze Industrie musste sich nach diesen Vorgaben richten. Aber gleichzeitig – 2012 – kam auch Tesla mit dem Model S, wurde zu Beginn belächelt für den riesigen Bildschirm als zentrales Bedienelement, liess aber gleichzeitig – zumindest optisch – alle anderen uralt aussehen (inkl. dem Golf 7). Und wo stehen wir heute? Bildschirme allerorten – nicht die Vernunft und die Logik und das gute Gefühl des und im Golf 7 konnten sich durchsetzen, sondern (billige) Touch- und sonstige Screens sowie viel zu oft noch unausgereifte Software. Und genau das ist auch das Problem der 8. Generation des VW Golf.

Dass der optische Fortschritt nur noch in homöopathischen Dosierungen geschieht bei Volkswagen, daran hat man sich seit Jahr(zehnt)en gewohnt. Da will man natürlich einerseits die bestehende Kundschaft nicht vergraulen, andererseits: es war ja bisher erfolgreich, was soll man denn da ändern? Und wir geben es gerne zu: Wir sind heut’ eigentlich um jeden Golf froh, den wir noch auf der Strasse sehen – es gibt in letzter Zeit viel zu viel ganz grausliges E-Zeugs, das derart alternativ aussieht, dass selbstgestrickte und dann zu heiss gewaschene Socken fast schon von einer gewissen Eleganz zeugen. Auch in Sachen Fahrverhalten ist es definitiv so, dass der Golf zu den «Guten» gehört – zwar ist das Fahrwerk komfortabler ausgelegt als auch schon, doch die Betonung liegt hier auf «Fahrwerk», es ist nicht irgendeine schwammige E-Plattform, die zwischen 100 und 1000 kW alles verarbeiten soll und ausser Längsbeschleunigung rein gar nichts kann (und ganz sicher keine Kurven). Oh ja, wir werden «Automobile» wie den Golf in Zukunft vermissen, Diskussionen über Mehr- oder bloss Verbundlenker-Hinterachsen wird es nicht mehr geben, die höchste Form von Fahrfreude wird eine funktionierende, nicht besetzte Schnellladestation sein. Ach ja, auch das Bremsen: zwar rekuperiert der von uns bewegte eTSI als milder Hybrid auch Bremsenergie, doch das System ist noch ganz konventionell, wenn man auf das entsprechende Pedal tritt, dann reagiert das Fahrzeug noch so, wie es der Fahrer erwartet (und nicht, wie es ein Algorithmus errechnet). Und auch wenn Volkswagen die Geräuschentwicklung des 150 PS starken Vierzylinders auf ein Minimum eingedämmt hat, so freuen wir uns doch über die Lebenszeichen des Verbrenners; da weiss man dann auch, was tatsächlich passiert unter der Motorhaube. Und apropos Verbrennung: dank Mildhybrid hält sich der Verbrauch des doch 1,5 Tonnen schweren Volkswagens in sehr bescheidenen Grenzen, es geht gut mit einer 4 vorne, wenn man sich etwas zurückhält, im Testschnitt kamen wir auf 5,7 Liter (Werksangabe nach WLTP: 6). Und nein, wir schreiben hier nicht von einem Diesel. Und nein, wir fuhren ihn auch nicht nur zurückhaltend, er kann das nämlich mehr als nur anständig, so ein bisschen über die Landstrasse räubern.

Auch sonst: ein gutes Automobil. Die Platzverhältnisse sind besser denn je, der Kofferraum fasst für das Segment überdurchschnittliche 380 Liter, die Ladekante ist erfreulich tief. Auch in Sachen Verarbeitung ist die achte Generation des Golf wieder einen Schritt weiter, einen Unterschied zu den Premium-Audi ist auf den ersten Blick nicht mehr ersichtlich, die MQB-Automatismen greifen, die Konzern-Synergien erlauben feinere Materialien zu einem tieferen Einkaufspreis. Man sollte auch zum 7-Gang-DSG greifen, obwohl der Aufpreis mit 2750 Franken beträchtlich ist, doch es ist eines der besten Getriebe auf dem Markt, verteilt die 250 Nm maximales Drehmoment sauber an die richtige Fahrstufe, schaltet fast unmerklich. Ja, Geld, es dürfte nicht nur beim DSG eine schöne Marge übrigbleiben: Zwar liegt der Einstiegspreis für den Golf mit nur gerade 21’600 Franken sehr erfreulich tief, doch man kennt das Aufpreis-Spiel der Wolfsburger, der 1.5 eTSI in der Ausstattungsversion «Style» ist mit dem DSG dann schon stattliche 38’800 Franken teuer; da liegen nicht nur vergleichbare MQB-Brüder teilweise deutlich tiefer. Was aber die loyale Kundschaft nicht weiter zu schrecken scheint, nach gewissen Anlaufschwierigkeiten tastet sich der Golf 8 so langsam wieder an die Spitzenpositionen in der Verkaufsrangliste heran.

Alles gut und edel also? Nein. Es geht um das einst beste Bediensystem, das leider im neuen Golf ganz weit entfernt ist von der wunderbaren Logik und Bedienerfreundlichkeit im Vorgänger. Auf den ersten Blick mag das ja alles noch ganz nett und angenehm modern wirken, doch es ist weder durchdacht noch ergonomisch und auch alles andere als sinnvoll. Möglich, dass wir einfach zu dumm sind (oder schon zu alt), aber wenn allein schon die Senderwahl am Radio ein Ingenieursstudium verlangt, dann ist etwas falsch. An die unbeleuchtete Leiste unterhalb des grossen Bildschirms für die Bedienung etwa der Lüftung wird man sich wohl nicht gewöhnen, Fehlmanipulationen sind gerade nächtens quasi programmiert. Das wäre alles noch irgendwie verkraftbar (abgesehen davon, dass all diese Screen billig wirken), wenn da nicht auch noch der Assi-Wahn gnadenlos zuschlagen würde (nein, das in jenem Artikel beschriebene Fahrzeug war nicht der Golf 8, den fuhren wir erst später – und es wurde alles noch viel schlimmer). Es ist höchst gefährlich, wenn das Fahrzeug plötzlich und ohne ersichtlichen Grund auf der Autobahn eine starke Bremsung einleitet, es ist völlig unnötig, dass es mitten in der Baustelle plötzlich heftig beschleunigt, es ist peinlich, wenn es Linien nachfahren will, die direkt in eine Abschrankung führen; ja, man kann das teilweise ausschalten (wenn man es denn findet im 7. Untermenu), doch es kommt auch immer wieder. Vielleicht wird das ja noch besser (derzeit funktioniert der Software-Update «over the air» allerdings nicht), doch eigentlich möchte man als Kunde ja nicht das Versuchskaninchen sein. Es bleibt uns unverständlich, warum Volkswagen seinem Bestseller (wohl viel zu spät in der Entwicklungsarbeit) ein solch unausgereiftes Bediensystem verpasst hat; die wohl eher konservative und auch nicht mehr ganz junge Kundschaft wird dafür kaum Verständnis haben.

Mehr Volkswagen haben wir in unserem Archiv.

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