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Test Kia Stinger (2021)

Der Stachel sitzt tief

Einmal mehr diskutieren wir nicht über Farben. Wobei, dieses Orange ist schon: grob. Sehr auffällig. Man kommt sich vor wie in einer Leuchtboje. Wenn man sich dann in diesem Strassenarbeiteranzug auf der deutschen Autobahn hinten am bösen, beflügelten Benz festgesaugt hat, in dessen Leasingrate die Entsperrung des 250-km/h-Limits nicht mehr drinlag, und mit einem Lächeln, ok, fies grinsend, winkend an ihm vorbeizieht, dann kann es durchaus vorkommen, dass gewisse Menschen die Welt nicht mehr verstehen. Was ist das, fragen sie sich, man kann ihre Verzweiflung förmlich riechen, Super-Pimp, getarnter Porsche – der wahre Albtraum? So ein bisschen: ja. Von einer koreanischen Kimchi-Schleuder auf dem ureigenen Spielfeld der deutschen Automobilindustrie gedemütigt zu werden, das: schmerzt. Zur Beruhigung: Hätte es der Benz in der Schweiz am Berg versucht, er hätte noch viel die üblere Klatsche kassiert.

Der Stinger von Kia war ja schon bisher gut, seinen Preis mehr als wert, wie wir auch schon geschrieben haben, hier. In intensiver Feinarbeit wurde er in Deutschland nun für den neuen Modelljahrgang noch einmal verbessert, wir waren dabei, zu lesen: hier. Im Test nun – innert dreier Wochen trug uns der Koreaner doch 7000 Kilometer weit – bewies der Stinger, dass er wirklich eine vorzügliche Wahl ist. Sofern man gern Auto fährt, sich nicht vom Image-Produkten blenden lässt, seine Groschen gerne zusammenhält – und kein Problem hat, eine Leuchtboje spazierenzufahren. Ok, es gibt ihn auch in anderen Farben. Immer inklusive sind dafür sieben Jahre Garantie, das ist auf jeden Fall mehr, als wenn man je einen Audi, einen Benz und einen BMW kauft und bei diesen so stolzen Premium-Produkten alle Garantieleistungen zusammenzählt. Noch Fragen?

Für 2021 haben die Koreaner unter Leitung des ehemaligen BMW-M-Chefentwicklers Albert Biermann ihrem Vorzeigeprodukt unter anderem ein mechanisches Sperrdifferential spendiert. Das hat zur Folge, dass sich der Allradler bei entsprechender Einstellung der Fahrmodi sehr heckbetont bewegen lässt; die Betonung liegt auf sehr. Da müssen sich selbst die aktuellen BMW-Modelle sehr strecken, bis sie an diese Form von Fahrspass herankommen. Gut, der Münchner hat dann die bessere Lenkung mit mehr Rückmeldung, ist insgesamt etwas agiler, so ein Benz rollt sicher etwas geschmeidiger ab, der Audi ist besser verarbeitet (koreanisches Leder ist irgendwie härter). Aber googlen Sie doch mal, was bei diesen Herstellern sechs Zylinder, 366 PS und Allradantrieb kosten, einfach so: ab-Preise. Bei Stinger kommen zum Grundpreis von 64’600 Franken nur noch zwei Dinge dazu, das GT-Paket für 900 Franken und allenfalls eine Pearl-Lackierung für 950 Franken. Macht dann: 66’450 Franken. Nehmen wir einfach mal die Preisliste von Audi, einen (kleineren) A5 Sportback würde man für das gleiche Geld erhalten in der mittleren Konfiguration, mit genau 101 PS, zwei Zylindern und 1,3 Liter Hubraum weniger. Und auch noch einer Lücke von 140 Nm maximalem Drehmoment (beim Kia sind es mächtige 510 Nm, die schon ab 1300/min zur Verfügung stehen – und über eine wunderbar sanft schaltende 8-Gang-Automatik quasi jederzeit abgerufen werden können). Dafür gibt es beim Audi noch eine 28-seitige Broschüre mit Sonderausstattungen gratis mit auf den Weg.

Der Kia ist ein ziemlich mächtiges Automobil, fast zwei Tonnen schwer (das kreiden wir ihm an), 4,83 Meter lang, 1,87 Meter breit, 1,40 Meter hoch. Als der Stinger 2017 auf den Markt kam, da war er für koreanische Verhältnisse ein designtechnisches Kleinod; unterdessen haben wir uns daran gewöhnt, dass aus Korea durchaus auch hübsche Fahrzeuge kommen können. Für seine Masse ist der Kofferraum (406 bis 1114 Liter) nicht übermässig gross, die hinteren Passagiere finden auch nicht Raum im Überfluss vor, doch vorne sitzt man fein, auf auch auf der Langstrecke gutem Gestühl. Die Gestaltung des Innenraums wird wohl kaum die ganz Design-Preise einheimsen, dominierendes Element sind die drei Lüftungsdüsen oberhalb der Mittelkonsole und unterhalb eines für heutige Verhältnisse eher kleinen Touchscreens. Dafür gibt es noch reichlich physische Schalter und Hebel – was die meisten Autofahrer zu schätzen wissen. Für den Modelljahrgang 2021 hat Kia im Stinger systemtechnisch heftig aufgerüstet, zu gefallen wusste in erster Linie der kamerabasierte Totwinkelwarner, der bestens funktioniert; überhaupt ist die Bedienung logisch und klar aufgebaut, all die verbauten Features funktionieren schlicht und einfach besser als bei Produkten aus dem Volkswagen-Konzern, insbesondere die Verkehrszeichen-Erkennung. Und der Tempomat versieht seinen Dienst auch im strömenden Regen.

Doch viel wichtiger bleibt: das Ding geht wie die sprichwörtliche Sau. Vielleicht hat uns Kia ein besonders gutes Exemplar untergejubelt, aber handgestoppt ging er unter 5 Sekunden auf 100 (Werk: 5,4 Sekunden), der Tacho eilte über 280 (Werk: 270 km/h) – und der Verbrauch stieg trotz der Jagd auf alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen war, nicht über 17 Liter auf der deutschen Autobahn. Im Schnitt waren es dann 12, gondelt man in der Schweiz gesetzestreu durch die Gassen, wird es knapp einstellig (Werk: 10,4 Liter). Nein, ein Verbrauchswunder ist er nicht, der Stinger, das erwartet man aber von ihm auch nicht. Sondern lässt ihn lieber noch mal von der Leine, bremst ihn knochentrocken vor der Biegung ein, lenkt sauber ein, geht bewusst etwas zu früh auf den Pinsel, lässt ihn hinten schön dosiert kommen – und haut ihn dann herrlich quer, mit nur leichtem Gegensteuern, aus der Biegung. Das geht auch öfter, das macht immer wieder Freud‘; wer hätte gedacht, dass wir solches je über ein koreanisches Fahrzeug schreiben werden. Geradeaus kann er auch bestens, sehr komfortabel, in aller Ruhe. Und ja, wenn uns etwas stört an diesem Gerät: es tönt halt nicht.

Nochmals: der Kia Stinger mischt unter den aktuellen Gran Turismo ganz vorne mit. Nicht bloss beim Verhältnis von Preis zu Leistung (inkl. der Garantie ist er da der Konkurrenz um ein paar Monde überlegen), sondern ganz allein schon als richtig gutes, ausgewogenes Produkt. Es ist uns ein absolutes Rätsel, weshalb sich 2021 (von Anfang Januar bis Ende Mai) nur 17 Menschen dafür entscheiden konnten, einen Stinger zu kaufen, aber 177 einen BMW X6, diese absolute Missgeburt von einem Automobil (ok, das kann man jetzt nicht wirklich vergleichen, aber der X6 ist und bleibt unser Feindbild). Gut, als Gebrauchtwagen ist der Koreaner jetzt nicht gerade einfach loszuschlagen (in Orange: wohl gar nicht), aber warum sollte man auch, man hat ja sieben Jahre Garantie. Er hätte auf jeden Fall mehr verdient als dieses Dasein eines absoluten Exoten.

Mehr Kia haben wir in unserem Archiv.

2 Kommentare

  1. B.P. B.P.

    Herrlich. Danke Ihnen für diesen Beitrag. Die deutsche Automobilpresse hätte hier wohl Nachhilfeunterricht bekommen können, wie man objektiv und ohne Feige in der Tasche mal einen ordentlichen Fahrbericht erstellt.

    Wenn ein Produkt nunmal besser ist als ein anderes, dann ist es halt so. Hat mit der geographischen Herkunft einfach nix zu tun. Gottseidank gibt’s die Verkaufsstatistik her, dass es in Europa mind. 17 intelligente Sportwagenfahrer gibt. Gäbe es bei mir einen Sack mit 60.000 Franken drin herumliegend, wäre meine Wahl genau so ein „Exot“. Den kann ich dann auch auf dem Supermarktparkplatz leicht finden, in der Lavine des deutschen 4-Zylinder-Turbo-Premiums in Leasing-Schwarz oder Rentner-Grau. Selbst die Farbe würde ich so nehmen, als Statement an sich!

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