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radical zero: Test Genesis GV60

Der «Ausgezeichnete»

Mit dem Genesis GV60 bringt die noch junge koreanische Premium-Marke eine interessante Alternative auf dem E-Markt. Die in fast allen Bereich überzeugen kann.

– Verbrauch Test «radical zero»: 20,1 kWh/100 km, Reichweite 370 km

– Maximale Ladegeschwindigkeit (Werk): 233 kW – Test: 254 kW

– realistische Zeit am Schnellader (10 bis 80 Prozent): 22 Minuten

Das Tempo, das Genesis anschlägt, ist schon erstaunlich, auch bewundernswert. Knapp ein Jahr ist es her, dass die noble Hyundai-Tochter in der Schweiz auf den Markt drängte, zuerst mit dem grossen G80 (RG3, seit 2020 gebaut, seit diesem Sommer auch als EV), dann mit dem GV80 (seit September 2021). Es folgten der G70 (Facelift 2020) und der GV70 (September 2021, in Kürze auch noch als reiner Stromer). Das erste reine E-Auto der Marke, den GV60, führten die Koreaner in ihrer Heimat Ende 2021 ein, seit einigen Monaten ist der Crossover auch hierzulande erhältlich (und wurde gerade zum «Schweizer Auto des Jahres» gewählt). Fünf Modelle in nur einem Jahr, das ist schon mal nicht schlecht, dazu noch drei reine E-Fahrzeuge: beeindruckend. In sagenhaften Verkaufszahlen hat sich das bisher zwar noch nicht niedergeschlagen, doch in den ersten zehn Monaten des Jahres konnte Genesis 329 Fahrzeuge verkaufen in der Schweiz. Wenn man sich erinnert an andere fernöstliche Premium-Marken, die in Europa Fuss fassen wollten, zum Beispiel Infiniti, dann darf man die ersten Schritte von Genesis als absolut gelungen bezeichnen.

Hintergrund: Selbstverständlich profitiert Genesis vom Grosskonzern, die technische Basis des GV60 ist die E-GMP-Plattform, auf der sich auch der Hyundai Ionic 5 und der Kia EV6 (immerhin «Auto des Jahres 2022») abstützen. Das bedeutet: 800V-Bordsystem, die Versicherung für nicht nur schnelles, sondern vor allem kontinuierliches Laden. Und ein 77,4-kWh-Akku, der die anscheinend weiterhin vorhandene Reichweitenagst auf ein Minimum reduzieren dürfte. Das ist nicht so massiver Brocken wie bei gewissen deutschen Premium-Herstellern, die mehr als 100 kWh bunkern können, doch die Koreaner wollen diesem «Nachteil» mit einem geringeren Verbrauch entgegenwirken.

Das Werk nennt einen durchschnittlichen Verbrauch nach WLTP von 19,1 kWh/100 km. Und wie meist bei den fernöstlichen Herstellern, entspricht das ziemlich genau der Realität – wir lagen mit 20,1 kWh/100 km etwas höher, doch das war den heissen Temperaturen geschuldet. Gondelt man brav innerhalb der gesetzlichen Vorgaben einher, geht es auch mit deutlich weniger: legt man es darauf an, dann geht es mit weniger als 15 kWh/100 km. Das darf als sehr gut bezeichnet werden, wir wollen ja nicht vergessen, dass der GV60 als Sport Plus schon ziemlich heftig abzieht.

Dieser gute E-Eindruck bestätigte sich dann auch beim Schnellladen. Obwohl der Hersteller eine maximale Schnellladeleistung von 233 kW angibt, zog der Koreaner an unserer bevorzugten Ladesäule zu Beginn sagenhafte 254 kW. Und konnte sich bis 80 Prozent auf hohem Niveau halten – knapp 22 Minuten für eine Ladung von 10 auf 80 Prozent sind ein ausgezeichneter Wert, den wir bisher nur mit dem viel teureren Porsche Taycan unterbieten konnten. Es zeigt sich gerade in diesem wichtigen Bereich, dass ein 800-Volt-Bordsystem Gold wert ist. Über den Onboard-Charger zieht der Genesis maximal 11 kW, aber auch dies absolut kontinuierlich. Der gemessene Ladeverlust von 12 Prozent wirkt auf dem Papier beträchtlich, liegt aber im guten Durchschnitt (muss aber halt schon auch berücksichtigt werden).

Wo der Genesis allerdings noch Schwächen hat als Stromer: Es fliessen zu wenig Infos an die Bediener. Man weiss nicht, wie warm die Batterie ist, wie die Ladung verläuft – und wie man seine Route am besten plant. Da liegen die Koreaner noch meilenweit hinter Tesla, da muss auch unbedingt und schnell etwas passieren. Man will so einen potenten Wagen ja nicht bloss durch die City kutschieren.

Antrieb: Es gibt den 2,1 Tonnen schweren Genesis GV60 in verschiedenen Leistungsstufen. da wäre die Version mit einem 74 kW-E-Motor an der Vorderachse und 160 kW an der Hinterachse. Und dann jene mit jeweils 160 kW an beiden Achsen, die mit einem Booster kurzzeitig auf insgesamt 360 KW und einem maximalen Drehmoment von 700 Nm erhöht werden können, was den GV60 vorerst zum stärksten E-GMP-Produkt macht. In alten Zahlen: 490 PS. Das bedeutet: In 4,0 Sekunden auf 100 km/h. In 2,5 Sekunden von 80 auf 120 km/h. Da gibt es nicht viele aktuelle Porsche, die das auch schaffen. Höchstgeschwindigkeit: 235 km/h – und das zieht man von 0 ohne Zugunterbrechung durch, bis sich der Genesis dann von selber limitiert. Selbstverständlich war unser Proband der gröbste.

Fahrverhalten: Auf dem Papier sind die technischen Vorgaben also ziemlich beeindruckend. Und der GV60 kann das alles auch im richtigen Leben, dem Alltag, leisten. Geradeaus fährt der Koreaner seine Insassen geradezu schwindlig, der Antritt ist auf Wunsch brutal, der Durchzug sensationell. Das können andere E-Automobile allerdings auch so, der Taycan von Porsche, der eine und auch andere Audi, gewisse BMW, die heftigsten S-Modelle von Tesla. Doch beim Genesis sprechen wir, wie beim Ioniq 5 und dem EV6, von einer ganz anderen Preis-Kategorie.

Doch die Längsbeschleunigung ist ja nicht alles, Freude am Fahren entsteht andernorts. Und da hat der Genesis das gleiche Problem wie fast alle E-Fahrzeuge: viel Gewicht – und eine gewisse Vernachlässigung der feinen Fahrwerk-Technik durch die Hersteller. Eine rein elektrische Lenkung ist schon einmal kein Quell der Freude, da besteht so quasi null Rückmeldung von der Strasse. Und all diese Kompromisse über Fahrmodi, zwischen komfortabel und irgendwie sportlich, sind genau das: Kompromisse. Und so ist weder der Komfort überragend noch das Fahrverhalten irgendetwas von annähernd sportlich. Porsche kann das beim Taycan, BMW beim i4 auch – Genesis hat da noch Luft nach oben. Andererseits: das werden nur die allerwenigsten Fahrerinnen und Piloten überhaupt merken, da haben wir als berufstätige Auto-Tester schon auch eine gewisse «déformation professionelle».

Karosserie: Er sieht grösser aus, als er tatsächlich ist, der Genesis GV60. Mit 4,52 Metern Länge bleibt er erfreulich kompakt, das Design kann die Höhe von 1,58 Metern gut verbergen – und ist überhaupt sehr gelungen. Das Kofferraum-Volumen von 432 Litern ist dagegen nicht überragend (unter den E-Automobilen), lässt sich aber sehr einfach auf 1550 Liter vergrössern. Hinten sitzt man auch gut, die Beinfreiheit ist allerdings besser als die Kopffreiheit. Erfreulich ist also, dass der Genesis ein gutes Raumangebot bietet, die bauartbedingten Vorteile eines E-Fahrzeugs tatsächlich nutzt. Die Sitze sind allgemein gut, vielleicht etwas weich und etwas breit, auf längeren Strecken kann man das schätzen. Es werden zudem auch nachhaltige Materialien verarbeitet, die Koreaner wissen, dass sie da in der Verantwortung stehen – und lösen das erfreulich elegant.

Bedienung: Viel hat sich Genesis im Vergleich zum Ioniq 5 nicht einfallen lassen, da gleichen sich die Konzern-Brüder vielleicht etwas gar heftig (Genesis will ja Premium sein). Doch die Übersicht über das Cockpit und die beiden aneinandergebauten Bildschirme ist vorbildlich. Das gilt auch für die Bedienerführung, das ist alles auf Anhieb verständlich, gibt keine Rätsel auf. Die koreanischen Software-Programmierer sind allerdings sehr, sehr sicherheitsbewusst, die Assistenten sind teilweise sehr streng (vor allem beim Halten der Spur und beim Rückwärtsfahren, da kommt der Not-Stopp gefühlte fünf Meter vor dem Hindernis), dafür funktioniert beispielsweise die Verkehrszeichen-Erkennung deutlich besser als bei anderen Herstellern. Und ein paar schöne Details gibt es schon, die Kristallkugel auf der Mittelkonsole ist ein Alleinstellungsmerkmal (ob es wirklich sinnvoll ist, ist dann wieder eine andere Frage).

Kosten: In seiner einfachsten und doch sehr adretten Form ist der Genesis GV60 schon ab 53’000 Franken zu haben – inklusive aller Dienstleistungen, wie sie nur Genesis bieten kann. Als Sport Plus sind dann 77’700 Franken fällig, immer noch fair, wenn man die Fahrleistungen und auch die Ausstattung betrachtet. Es kommen dann aber schon auch noch ein paar Optionen dazu, die man gerne als selbstverständlich erachten würde; das Panorama-Dach würden wir als «must have» bezeichnen. Andere kann man sich sparen, vor allem die digitalen Aussenspiegel. Dass sich Verarbeitung und verwendete Materialien bei diesem Premium-Produkt auf höchstem Niveau bewegen, das darf man so erwarten.

Fazit: Nicht wirklich erwarten konnte man, dass Genesis so schnell und so souverän eine wirklich interessante Alternative zu den etablierten Premium-Herstellern bieten kann. Technisch ist der Genesis GV60 aktuell auf dem höchsten Stand, optisch vermag er zu gefallen, preislich ist er ein faires Angebot. Man kann durchaus verstehen, dass er für dieses feine Gesamtpaket auch «ausgezeichnet» wird.

Mehr Stromer haben wir auf: zero. Alle anderen: im Archiv.

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