Traumfänger
Kombinationskraftwagen ist ein schönes Wort. Insbesondere für einen BMW M3 Touring. Zwar ist der Bayer doch recht weit entfernt von der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes, also, eine Kombination zwischen Personen- und Nutzfahrzeug, aber gerade das Kraftwagen passt. 510 PS, 650 Nm maximales Drehmoment, das ist durchaus nett, auch wenn es selbstverständlich stärkere SUV und sogar Kombi gibt, Audi hat ja seinen RS6 Avant erst kürzlich auf 630 PS aufgeblasen. Aber das ist dem BMW irgendwie völlig egal: Er steht allein. Wie ja seine Brüder ohne Rucksack, also M3 und M4, eigentlich auch keine Konkurrenz haben ausser der Giulia QV von Alfa Romeo. Doch die Italienerin gibt es ja leider nicht als Kombinationskraftwagen. Audi hat sich schon länger abgemeldet von einer angemessenen Sportlichkeit, die Mercedes-OMG-Dingers kann man in diesem Bereich sowieso nicht ernst nehmen, und das nicht erst, seit sie nur noch vier Zylinder haben.
Klar, dieses «Freude am Fahren» ist etwas überreizt. Und doch geht es genau um das. Weil nur BMW das noch kann. Will. Gnadenlos durchzieht (so lange es noch möglich ist). Zwar basiert so ein M3 Touring auf einem relativ braven Grossserien-Modell, doch die M-Kur (die schon früh in der Entwicklung beginnt und je nach Modell drei bis vier Jahre in Anspruch nimmt) macht aus ihm ein Produkt, das näher am Track ist als am Stadtverkehr. Viele Ingenieure und Entwickler fahren selbst Rennen, verbringen neben der Entwicklungsarbeit auf der Nordschleife auch sonst viel private Zeit auf der Rennstrecke, bei Trackdays – und können so ihre eigenen Erfahrungen und Wünsche bestens in die M-Produkte einbringen. Man spürt das. Fahrwerk, Getriebeabstimmung, Bremsverhalten, Ansprechverhalten. Jede Reaktion des M3 ist präzise, klar definiert und frei von Kosmetik. Als Präzisionswerkzeug lebt er die Freude am Fahren. Denn dafür wurde er gebaut. Nur dafür. Und das fühlt man, erlebt man mit.

Die innere Ruhe, die dieser Touring ausstrahlt, diese absolute Balance und Unerschütterlichkeit, sie ist einzigartig in der Klasse der superschnellen Mittelklasse. Wo bei der Konkurrenz unkontrollierbare Kräfte reissen oder wahlweise zu zahme Fahrwerksabstimmungen für Verdruss sorgen oder eine angestrengte Maschine die Spassbremse spielt, klettert der jetzt schon legendäre Bayern-Kombi (hey, future classic!) noch einmal auf den nächsthöheren Gipfel. Seine wahre Finesse zeigt sich vor allem daran, dass er jedes Tempo zum Erlebnis macht. Auch wenn man ihn auf der Strasse nicht ansatzweise aus der Reserve locken kann, so hat man nie das Gefühl, dass es ihn langweilt. Er hat genau wie sein Pilot bei jedem Tempo grösste Freude. Und er zeigt dir beständig den Weg in das nächste Level. Weiter, immer weiter. Denn es scheint, dass für ihn auch auf dem fahrdynamischen Gipfel die Luft noch nicht eng wird – oder wir haben ihn einfach nicht erreicht.
Wieder einmal ein richtig kräftiges Auto auf der deutschen Autobahn bis zum Begrenzer ausdrehen, dann die nächste Welle einwerfen, fühlen, wie die Drehzahl kaum fällt, der Motor weiter wie ein Biest der 7000/min entgegenpeitscht, wie das alles perfekt passt, immer und immer wieder. Es ist für sich genommen ein Erlebnis, das ist wahrscheinlich die wahre Freud‘ am Fahren. Diese Präzision beim Filettieren der Kurven, diese unfassbaren, so perfekt dosierbaren Bremsen, dazu die Möglichkeit der ständigen Reproduzierbarkeit, eben, immer und immer wieder, das ist derzeit einmalig in der automobilen Welt, das kann nicht einmal Porsche.

Aber dann sieht er halt auch noch unverschämt gut aus, der M3 Touring. Auch da ist die M-Kur nicht einfach auf das Ankleben von Anbauteilen beschränkt, das macht alles Sinn, hat Zweck. Man hat den Touring auch beim Fahrwerk verstärkt, es gibt feiste Mischbereifung, man soll auf dem Track nicht spüren, dass er da noch einen Rucksack trägt. Tut man auch nicht, zumindest nicht, wenn man sich auf unserem fahrdynamischen Niveau bewegt. Man kriegt es erst dann mit, wenn man die sehnsuchtsvollen Blicke sieht, wenn man ähnlich viele Kisten Bier in den Kombinationskraftwagen stapelt wie der Nachbar in seinen Octavia-Diesel. Traumfänger, definitiv.
Es wird so gern gejammert, dass sich die jungen Leut‘ nicht mehr für Automobile interessieren. Das stimmt so nicht, sie interessieren sich schon, einfach nicht für ID.3 und anderes impertinentes technisches Gewürge. Am Samstagmorgen stehen vier etwa 20-jährige, mir knapp vom Sehen im Dorf bekannte Jungs vor der Tür. Der Rädelsführer fragt, sehr höflich, ob sie nicht vielleicht auf eine Runde mitkommen dürften. Ich will eh noch ein bisschen an diesen verschiedenen Drive-Modi rumfummeln, reiner Heckantrieb auf Wunsch zum Beispiel, das passt dann also für einmal über die zwei heimischen Hügel. Der Beifahrer weiss alles vom M3, technische Daten (1940 Kilo), Bereifung, Preis (in der Schweiz ab 130’700 Franken, in Deutschland ab 101’700 Euro), Sonderausstattungen; auf der Rückbank gibt es coole Diskussion über Mustang, Charger oder Camaro. Und ja, sie haben mehr als nur Ahnung. Der Touring weiss, dass er jetzt performen soll. Und er tut es auch. Ich bin selber ein bisschen beeindruckt, von mir, vom Fahrzeug. Die Jungs auch. Der Beifahrer sagt, dass er jetzt sparen werde.

Müssen wir jetzt noch an etwas rummäkeln? Haben wir ja schon, im letzten Abschnitt (jeweils in Klammern). Das BMW-Bediensystem erschliesst sich uns nicht wirklich, aber wir fahren halt zu selten Produkte aus München, das kann mit ein paar Jahren Erfahrung dann sicher irgendwann verstehen. Die Platzverhältnisse sind nicht ausgesprochen grosszügig, der Verbrauch wird bei dem Fahrzeug entsprechender Fahrweise doch ziemlich hoch (es waren über 20 Liter im Schnitt), der Sound, nun denn, so sind halt wohl die Vorschriften (an die sich Italiener anscheinend nicht halten müssen). Das Lenkrad ist viel zu gross. Ansonsten völlig klar: Auto des Jahres.

Mehr Fahrfreude haben wir in unserem Archiv.















Herzlichen Dank für den tollen Bericht! Und vor allem für das „impertinent“ ? Ist der Audi RS4 kein Gegner? Man gewöhnt sich übrigens sehr schnell (nach 1-2 Tagen) an die Bedienung (hab selbst einen 340i).
Wunderbarer Artikel. In der Tat: Die deutsche Konkurrenz besteht aus Krawallbüchsen und Unausgegorenem ohne echten Anspruch (mehr) an das, was das Fahren in dieser Kategorie ausmacht. Und: Ja, die Leute begeistern sich ungebrochen für High-End, Präzision und automobile Emotion. Endlos viele Clubs, große, heterogene Internet-Szene. Nur ist diese Gemeinde nicht mehr allgemein präsent, weil öffentliche Berichterstattung all dies nicht mehr spiegelt, nicht mehr spiegeln will oder glaubt, dies mangels Relevanz und pekuniärem Zuspruch durch die Hersteller (Werbung über alles) nicht mehr spiegeln zu dürfen. Eine völlig verzerrte Realität.