Aber warum?
Als der BYD Tang 2021 nach Europa kam, besetzte er ganz allein eine Nische: siebenplätziges, rein elektrisches SUV. Aber wie das halt manchmal so ist mit diesen Nischen, manchmal sind sie so gesucht, dass tatsächlich niemand sie bemerkt. Auch beim Tang schien irgendwie wenig Bedarf zu bestehen, der Chinese blieb in Europa ein absoluter Exot, noch seltener als ein Bugatti Chiron. Jetzt haben die Chinesen den Tang aufgefrischt, aussen ein bisschen aufgehübscht, ihm ein freundlicheres Gesicht verpasst. Vor allem aber haben sie beim Akku aufgerüstet, der fasst jetzt 108 kWh (bisher 86) und soll es auf 530 Kilometer Reichweite bringen (bisher 400), man kann ihn mit bis zu 190 kW laden (bisher 110). Die Leistung des Allradlers bleibt gleich, 517 PS und 680 Nm maximales Drehmoment setzen über 2,7 Tonnen in Bewegung. Ja, der Tang ist ein mächtiges Trumm, 4,97 Meter lang, 1,95 Meter breit, 1,75 Meter hoch. Über das Design kann man sicher geteilter Meinung sein, wir würden das als gepflegte Langeweile in gedeckten Farbtönen bezeichnen; noch ein SUV.



Innen ist das alles ja ganz nett, die vorderen Sitze sind bequem, Leder und Alcantara zeigen, dass die Chinesen die Premium-Klaviatur auch beherrschen. Speziell ist der 15,6 Zoll grosse Touchscreen auf der Mittelkonsole, der sich sogar drehen lässt. Die Bedienung ist logisch, die Sprachsteuerung funktioniert anständig. Allerdings sind in den Tang so viele Assistenten verbaut, dass mit Garantie immer irgendetwas bimmelt, pfeift, sonstwie tönt – es ist ein Fluch. Dafür ist auch in der zweiten Reihe reichlich Platz, so soll das sein in einem E-Auto, die mittlere Bank lässt sich sogar verschieben. Ganz hinten wird es dann allerdings eher eng, da fühlen sich nur kleinere Kinder wohl – einen Kindersitz möchte man da aber nicht montieren müssen, auch wenn die entsprechenden Isofix-Halterung vorhanden sind, das geht dann in Richtung Kunstturnen. Ist alles Gestühl aufgeklappt, verbleiben noch 235 Liter Kofferraum, beim Fünfplätzer sind es 940 Liter, beim Zweisitzer dann 1655 Liter. Alles ok, aber halt weit entfernt von aussergewöhnlich.

Es fährt sich auch ganz zufrieden, 517 Strom-PS sind eine Macht, man kennt dieses Spiel. Drückt man bei 80 forsch auf das Fahrpedal, dann kommt da noch bestens Schub, Überholen ist eine Freud; Längsdynamik kann der, der Chines, Gleiten auch. Für den neuen Modell-Jahrgang sind adaptive Dämpfer dazugekommen, die verbessern den Fahrkomfort deutlich, gerade bei flotterer Fahrt wankt der Chinese nicht mehr wie betrunken durch die Gegend. Ist der Belag aber schlecht, dann spürt man das trotzdem gut, da kommt der ganz Aufbau ins Holpern. Und richtig grob in die Biegung will man mit 2,7 Tonnen auch nicht. An den Bremsen gibt es nichts zu mäkeln, sie sind gut dosierbar, müssen bei diesem Leergewicht auch standfest sein. Die Lenkung ist nicht schlechter als in anderen E-Autos. Und da sind wir jetzt schon länger mitten im Problem des BYD Tang.












Selbstverständlich kann man das Automobil als reines Transportmittel sehen. Das machen aber nicht viele Käufer, auch Dacia-Fahrerinnen haben oft eine emotionale Bindung zu ihrem Gefährt. Wenigstens einen guten Grund, weshalb genau dieses oder auch jenes Fahrzeug angeschafft wurde. Manchmal ist es der Preis, es kann aber auch die Farbe sein, das Design, die aussergewöhnlich guten Sitze, das Platzangebot; wir haben da für fast alles Verständnis. Es gibt aber schon Neuwagen, bei denen wir uns fragen, was um Himmels Willen bringt jemanden dazu, genau dieses Auto zu kaufen? 30’000 oder 50’000 oder gar noch mehr Geld auszugeben für etwas, das nicht schön ist, dazu noch charmebefreit, auch nicht besonders praktisch, kein Image ausstrahlt, vor allem durch Langeweile und Durchschnittlichkeit auffällt? Da könnten wir eine lange Liste von Kandidaten für diese «zero emotions» schreiben, machen wir jetzt hier aber nicht, sondern fügen ganz einfach den BYD Tang dazu.

Zwar gibt es noch keine neue Preisliste für das aufgefrischte Modell, aber man kann wohl dann ausgehen, dass es nicht günstiger werden wird als bislang. Und da wurden für den Tang gut 70’000 Euro verlangt; in der Schweiz hat BYD den Markteintritt erst angekündigt. Das ist nun richtig viel Geld, unserer bescheidenen Meinung nach, gleich viel wie für einen Voyah Free, den wir erst kürzlich getestet hatten. Der Voyah ist aber das viel schönere Automobil, in Sachen Ausstattung auf einem höheren Level, nervt deutlich weniger, fährt sich klar souveräner. Für 70k kriegt man auch eine Alpine A110. Gut, die hat keine sieben Plätze, aber wie oft braucht man das wirklich? Der BYD Tang macht prinzipiell nichts wirklich falsch. Aber er kann halt auch nichts richtig gut. Er ist, für 70 Riesen, das Mittelmass aller Dinge. Und das ist irgendwie die Höchststrafe.

Wir fuhren den BYD Tang im Rahmen einer Veranstaltung von #gcoty. Mehr Strom? zero. Alles andere: Archiv.


A 110..
und den Beifahrersitz weg. ( 45 Kilo weniger)
🙂