Der Andere
Als Jahrzehnt eines überbordenden guten Geschmacks sind die 80er Jahre nicht in die Geschichte eingegangen. Das gilt auch für die Auto-Industrie, insbesondere für die amerikanische, die sich damals selber ihr Grab baggerte. Gut, das hatte schon in den 70ern begonnen, doch es war teilweise wirklich abstrus, was die grossen Drei auf den Markt warfen, man mag sich heute gar nicht mehr so recht daran erinnern wollen. Andererseits: Viele neue Bestimmungen, Abgas, Sicherheit, machten den Herstellern das Leben schwer, die guten Zeiten, als man noch aus dem Vollen schöpfen konnte, waren definitiv vorbei. Es gab aber natürlich schon auch Bemühungen, sich gegen diesen Abwärtstrend zu stemmen, bei General Motors erkannte man «personal luxury» als Thema, mit dem man sich von den Konkurrenten unterscheiden konnte. Das war nun zwar auch nicht neu, Cadillac bot immer zweitürige Coupé an, Ford hatte mit dem Thunderbird damit schon in den 50er Jahren Erfolg, Buick gelang mit dem Riviera in den 60ern ein grosser Wurf. Und so setzten sich die GM-Strategen hin und befahlen den Cadillac Allanté (in Kooperation mit Pininfarina), den ganz üblen Pontiac Fiero – und dann auch noch den Buick Reatta.
Eigentlich war der Buick Reatta schon 1985 serienreif. Doch es gab ein paar Probleme mit dem Cadillac Allanté, also wurde die Produktion – übrigens in einem eigens errichteten Werk, dem Reatta Craft Center in Lansing – bis 1988 auf seine Präsentation warten. Er stand auf einer verkürzten GM-E-Plattform, 2,5 Meter Radstand, nur gerade 4,66 Meter lang, 1,3 Meter hoch. Als Antrieb diente zuerst der bekannte 3,8-Liter-V6, 165 PS, 285 Nm, der seine Kraft über eine 4-Gang-Automatik an die Vorderräder abgab. Es gab vier einzeln aufgehängte Räder, Scheibenbremsen rundum (mit ABS), die Höchstgeschwindigkeit war auf 125 Meilen, also ziemlich genau 200 km/h limitiert, der Sprint von 0 auf 100 km/h gelang in etwa neun Sekunden. Also eigentlich ganz nett für damalige Verhältnisse, bei Buick war man überzeugt, 20’000 Exemplare pro Jahr verkaufen zu können. Es wurden dann 21’000 – über vier Baujahre, 1991 wurde der Reatta ohne Nachfolger eingestellt.
Aber er war halt schon aussergewöhnlich, dieser Buick, ein für amerikanische Verhältnisse sehr europäischer Designansatz. Klar, die Klappscheinwerfer, die im Verhältnis zu lange Front, das Heck, das gemäss Aussagen der Designer an den Porsche 911 erinnern sollte; ach ja, durchgehende Heckleuchten schon Jahrzehnte, bevor sie die Volkswagen-Gruppe auch entdeckte. Auch innen war der Reatta sehr fortschrittlich, es gab da in den ersten zwei Jahrgängen so etwas wie einen Touchscreen, über den sich das Radio, die Klimaanlage und sogar der Tageskilometerzähler bedienen liessen. Zwar war es ein Armaturenbrett der Hölle, mehr so eine Küchenschublade, doch ansonsten war der Amerikaner innen schön gemacht. Was wohl auch seinen hohen Preis erklärte, 25’000 Dollar waren damals viel Geld. Und das wiederum erklärt, weshalb der Reatta damals kein Erfolg werden konnte.
Ab 1990 gab es dann auch noch ein wirklich hübsches Cabriolet. Von dem 2437 Exemplare entstanden. Die heute natürlich gesuchter sind als die Coupé, aber auch nur selten mehr als 25’000 Dollar kosten. Ein anständiges, frühes Coupé mit dem nicht immer einwandfrei funktionierenden Touchscreen gibt es in den USA für weniger als 10k. Aber vielleicht nicht mehr lange. Ab Modelljahrgang 1991 gab es übrigens auch noch Cup-Holder, falls das wichtig wäre.
Mehr seltene (oder zumindest etwas schräge) US-Cars gibt es unter «Numbers». Alles andere im Archiv.


Damals in meiner Lehrzeit fand ich den gar nicht so schlecht. Ok, ich war den Amerikaner immer gut gesinnt. Diese freistehende, senkrechte Armaturentafel war tatsächlich nicht so sexy.. Aber wenn ich mir heutige Interieurs anschaue, wo man sogar in einer S-Klasse einfach mal so ein Tablet hinstellt, sollten wir nicht über die 80er lachen, finde ich.