Geely – what?
Gefühlt 72 Marken vereint der chinesische Geely-Konzern unter seinem weiten Dach, darunter auch so bekannte Namen wie Volvo oder Lotus; auch mit einigen rein chinesischen Brands sind die Chinesen schon in Europa und der Schweiz vertreten, etwa Polestar und Zeekr. Da gibt es ganz viele Synergien (und gleichzeitig Leerläufe), die gleiche Plattform wird mit der gleichen Batterie und der gleichen Software quer durch den ganzen Konzern genutzt, manchmal fällt es etwas schwer, bei den einzelnen Marken und Modellen noch unterscheiden zu können. Jetzt gibt Geely aber mit Geely noch einen drauf, es kommt tatsächlich noch eine weitere Marke – und die heisst gleich wie der ganze Konzern. Erstaunlicherweise ist sie nicht stolz oberhalb der anderen Brands angeordnet, sondern eher am unteren Rand der Preisskala – zumindest in China. In Europa verschenken die Chinesen bekanntlich nichts, da orientiert man sich an den Preisen der etablierten Hersteller, geht bei besserer Ausstattung knapp darunter.

Klartext: Der Geely Starray EM-i, den wir hier als Neuheit vorstellen, läuft im Herbst in China aus, im November kommt der Nachfolger, der dann alles ein bisschen besser kann, auch deutlich besser aussieht. Im Top-Modell 200 Kilometer rein elektrische Reichweite (anstatt wie bisher 136 km), maximal 1420 Kilometer Reichweite (bisher 1055 km), stärkerer 1,5-Liter-Benziner (82 statt 73 kW), stärkerer E-Motor (175 kW anstatt 160), folglich mehr Gesamtleistung. Der neue Starray EM-i wird dann in China ab 14’900 Dollar kosten – der jetzt schon quasi veraltete Chinese kostet in Deutschland ab 32’990 Euro. Das ist, wie kann ich es einigermassen freundlich ausdrücken: ich lass es wohl besser. Ach ja, in China verkauft sich das PHEV-SUV, dort unter dem Namen Starship 7, wie frisches Brot, 10’000 Stück im Monat, jeden Monat, seit bald zwei Jahren.

Aber wir haben hier in Europa (und bald auch in der Schweiz) halt das, was wir hier kriegen können – und da fragt man sich dann schon: warum? Wer braucht ein weiteres solches SUV, 4,74 Meter lang, 1,91 Meter breit, 1,69 Meter hoch, nur 2,76 Meter Radstand, dafür völlig belangloses Design, aussen wie innen? Und mit jetzt halt auch nicht wirklich grossartiger Technik? Zwar behaupten die Chinesen, das Fahrwerk sei in Deutschland extra für europäische Ansprüche entwickelt worden (warum denn, es gibt doch Geely-Aussenposten in England und Schweden…), doch dann müssen da irgendwie Übersetzungsprobleme entstanden sein, das Ding ist einfach viel zu weich, fast schon schwammig. Und die Lenkung, ja, ungefähre Richtungsangabe. Die Liste kann fast beliebig weitergehen, dieses Auto kann eigentlich nichts gut, aber dafür vieles nicht so. Würde es 15k kosten wie in China, dann ja, ok, aber es kostet halt mehr als das Doppelte.

Doch, etwas ist wirklich gut: das Sound-System. Flyme heisst es, 16 Lautsprecher, das tönt richtig gut, saubere Höhen, knochentrockene Bässe, nicht so Suppe, wie man das heute meist vorgesetzt bekommt. Aber eigentlich möchte man da gar nicht sitzen und zuhören, im Innenraum ist viel Plastik, die härteste Hartplastik-Mittelkonsole aller Zeiten (da kann man gut acht Jahre Garantie geben…), zwei unmotiviert hingeklatschte Screens, ein doch verwirrendes Bediensystem mit etwa 72 Untermenus mit komischen Benamsungen; physische Tasten gibt es nicht, die 10’000 Chinesen pro Monat mögen das nicht. 526 Liter Kofferraumvolumen sind auch nicht schlecht, über 2000 Liter bei abgeklappten Rücksitzen sind noch besser, aber das Platzangebot für die hinteren Passagiere ist dann eher so mässig.
Ich verstehe das ganze Konzept nicht. Ich verstehe schon nicht, warum die PHEV immer noch so erfolgreich sind, das Thema Reichweitenangst sollte sich doch auch bei den grössten Skeptikern längst erledigt haben. Ich verstehe nicht, warum Geely in Europa weiter diversifiziert, obwohl man doch wahrlich genug Marken hat, die sich noch längst nicht etablieren konnten (oder andere Probleme haben). Ich verstehe auch die Preispolitik nicht, in China günstig, in Europa dann mit veraltetem Material eher so im Mittelfeld, da gibt es irgendwo einen Denkfehler. Auf diesen, wie heisst er schon wieder, hat nun wirklich niemand gewartet.
Wir fuhren diesen Geely im Rahmen des #GTEST von GCOTY. Spannendere Fahrzeuge haben wir im Archiv.

