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Fahrbericht Toyota Mirai

Sinnfragen

Elektro-Mobilität hat sicher ihre Berechtigung, zwar nicht in Sachen Fahrfreud’, aber im Nahverkehr, mit Kleinwagen. Und wenn dann – irgendwann – die Batterien leichter, günstiger, ressourcenschonender (Feststoff?) werden, dann werden die Karten nochmals neu gemischt. Ob das auch für mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge gilt, da sind wir jetzt nicht ganz so sicher – sie sind ja auch E-Fahrzeuge, nehmen aber noch einen Umweg. Und kommen damit auf eine Energie-Effizienz, die (heute) auch nicht besser ist als die eines Diesel. Ja, wenn der benötigte Wasserstoff klimaneutral hergestellt werden kann und auch sonst alles so läuft, wie man sich das in der Theorie erträumen will, dann sieht es etwas besser aus, aber davon sind wir noch etwa so weit entfernt wie vom Perpetuum Mobile. Als grosser Vorteil soll uns verkauft werden, dass das «Tanken» schneller abgewickelt kann als beim reinen Stromer, aber gegen den Diesel hat Wasserstoff immer noch keine Chance – ganz besonders bei der Reichweite nicht. So ganz nebenbei: Unser erster Tankversuche an einer Wasserstoff-Tankstelle fiel ernüchternd aus – es funktionierte schlicht und einfach nicht. Möglich, dass es ein Bedienerfehler war, aber so komplett unbedarft sind wir ja nun auch nicht; eine Fehlersuche fand nicht statt, weil an besagter Tankstelle – einer von aktuell fünf in der Schweiz – niemand dafür ausgebildet war. Auch, hmm, «lustig»: Im Navi des neuen Toyota Mirai sind diese fünf Wasserstoff-Tankstellen nicht hinterlegt.

Halt, stop: Wir wollen den neuen Mirai weder darnieder- noch abschreiben. Im Vergleich zu seinem schon vor sechs Jahren vorgestellten Vorgänger ist er in einer anderen Welt, in so ziemlich jeder Beziehung. Gross ist er geworden, der Japaner, fast fünf Meter lang, aber optisch so adrett, dass man sich jetzt nicht mehr mit gesträubten Nackenhaaren abwenden will. Er sieht ein bisschen aus wie ein von Lexus verfeinerter Camry, und das meinen wir jetzt absolut positiv; es ist sicher nicht falsch, wenn alternativ angetriebene Automobile nicht auch aussehen, als ob sie in der Mongolei als Mondfahrzeuge konstruiert worden seien. Dass jetzt ausserdem fünf Personen gut Platz finden im Mirai, ist sicher ebenfalls ein Pluspunkt; der Kofferraum ist allerdings für ein so mächtiges Gefährt ziemlich klein (Toyota will noch keine Volumenangaben machen). Apropos mächtig: der neue Mirai ist mit knapp unter zwei Tonnen Leergewicht kein Leichtbau – aber im Vergleich zu den riesigen E-Trümmern von Audi, Porsche, Mercedes, Jaguar, auch Tesla schon nicht ganz so feist.

Der neue Mirai basiert auf der GA-L-Plattform, das bedeutet unter anderem: Heckantrieb. Überhaupt ist das komplette Packaging neu, die Brennstoffzelle, die den Wasserstoff in Strom verwandelt, ist jetzt klassisch unter Motorhaube zu finden. Im Unterboden und hinter der Rückbank sind jetzt drei Wasserstofftanks untergebracht, die ein Volumen von mehr als 140 Litern haben und 5.6 Kilogramm Wasserstoff speichern können. Das soll gemäss WLTP für eine Reichweite von bis zu 650 Kilometer sorgen. Eine klare Aussage zum Verbrauch lässt sich nach der kurzen, ersten Ausfahrt nur bedingt machen, umgerechnet auf den Stromverbrauch des E-Motors kamen wir bei einigermassen beschaulicher Fahrweise auf 25 kWh/100 km. So richtig grossartig ist das nicht.

Das Fahrverhalten ist jetzt so, wie man das auch von einem modernen E-Fahrzeug erwarten darf (was beim Vorgänger definitiv nicht der Fall war). Seine Stärke liegt sicher im entspannten Gleiten, was ja auch seinem Charakter entspricht, doch er scheut sich auch vor Kurven nicht. Wir müssten das jetzt schönschreiben, wenn wir die Lenkung als besonders gefühlvoll bezeichnen würden, doch, eben, für die Zeitenjagd am Berg ist der Mirai nicht gemacht und vor allem nicht gedacht. Man sitzt auch höchst komfortabel im Mirai, die Sessel bieten zwar nicht viel Seitenhalt, doch auf der Langstrecke ist das nicht so wichtig; man merkt aber schon, dass Europa wahrscheinlich nicht im Zentrum der Entwicklung gestanden hat. Das Bediensystem muss aber weltweit funktionieren und auf Anhieb verstanden werden, und das ist auch der Fall, da braucht man keine Rätsel zu lösen. Nett ist von Toyota, dass es seinem Wasserstoffauto nicht einen hypermodernen Innenraum spendiert hat, die wichtigsten Funktionen dürfen weiterhin über konventionelle Tasten und Schalter bedient werden. Der fast zu grosse Touchscreen (die Funktionstasten ganz rechts erreicht auch ein grossgewachsener Fahrer nur, wenn er sich vorbeugt) ist dann mehr das Infotainment-Spielzeug, als das er ja auch gedacht ist.

Höchst angenehm ist die wunderbare Ruhe im neuen Mirai (beim Vorgänger hörte man noch eigenartige Geräusche, Zischen, Pumpen), erst bei höheren Geschwindigkeiten sind die aufpreispflichtigen 20-Zöller dann hörbar; in diesem Bereich ist der Toyota im Oberklasse-Segment angekommen. Nicht auf diesem Niveau sind die Fahrleistungen, der E-Motor kann maximal 182 PS an die Hinterräder senden, das maximale Drehmoment von 300 Nm steht sofort zur Verfügung, der Kraftfluss erfolgt über das übliche 1-Gang-Getriebe absolut linear. Doch übermotorisiert wirkt der Toyota damit nicht, die 9,6 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h mögen zwar nicht wichtig sein, zeugen aber doch von einer gewissen Trägheit.

Den wohl wichtigsten Fortschritt macht der Mirai aber bei der Preisgestaltung. Die Basisversion wird im nächsten Jahr schon für 59 900 Franken zu haben sein, auch in der feinsten Ausführung wird er deutlich weniger kosten als das bisherige Modell. Die Verkaufsziele sind auch deswegen deutlich ambitionierter als bisher, Toyota rechnet weltweit mit einer zehnmal höheren Marktdurchdringung als beim Vorgänger Es ist durchaus vorstellbar, dass dies gelingen könnte, zumal er beim Fahren ja auch noch die Welt rettet. Ein elektrisch geladenes Vlies-Element filtert unter anderen Schwefeldioxid und Stickoxide aus der Luft, mindestens 90 Prozent der Partikel bleiben anscheinend hängen. Die Luft wird nach jeder Fahrt mit dem Toyota Mirai ein klein wenig besser sein. Ob das allerdings reicht, um dem Wasserstoff-Auto zum Durchbruch zu verhelfen, das wagen wir zu bezweifeln.

Mehr spannende Fahrzeuge finden sich immer in unserem Archiv. Zum Beispiel auch vom derzeit schärfsten aller Toyota.

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