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Test Ford Explorer PHEV

Sanfter Riese

Aus dem Emmental nach Zürich, ziemlich genau 100 Kilometer. Die 13,1-kWh-Batterie des Ford Explorer PHEV ist voll geladen, es geht zuerst über Land, dann Autobahn. Nach 33 Kilometern ist der Akku leer, der 3-Liter-V6-Benziner kommt zum Einsatz. In Zürich steht dann auf der Verbrauchsanzeige: 5,6 Liter im Schnitt, 45,2 Kilometer rein elektrisch. Interessant wird es dann auf dem Rückweg, mit «eigentlich» leerer Batterie: 9,2 Liter im Schnitt, 17,4 Kilometer rein elektrisch. Man wundert sich, dass der Ford auch ohne Strom im Akku so weit elektrisch fährt, doch das muss nicht weiter wundern – die 2,6 Tonnen schwere Fuhre rekuperiert sehr anständig, rollt bestens, da kommt so einiges an Saft zurück. Und verschafft dem Piloten auch noch ein gutes Gewissen: man kann es förmlich spüren, dass da keine Energie «verschwendet» wird, Reibung erzeugt Wärme – und der Ford wandelt diese in Vorwärtsdrang um. Und er macht das zudem noch sehr angenehm, der Benziner flüstert fast so leise wie der Stromer, die Übergänge zwischen Verbrennungs- und Elektro-Modus spürt man kaum, das haben sie wirklich gut hingekriegt, die Amerikaner. Wie üblich, verkomplizieren sie dann alles aber wieder: es gibt gefühlt etwa 82 Fahrmodi, die sich wählen lassen. Und auch nicht so toll: die billige Ladeklappe für den Stromanschluss, mal geht sie nicht zu, mal geht sie auf – und wir möchten nicht wissen, ob das Ding mittelfristig auch noch funktioniert.

Ansonsten macht der 5,05 Meter lange, zwei Meter breite und 1,78 Meter hohe Ford aber eine erstaunlich und erfreulich gute Figur. Den Explorer (als Nachfolger des Bronco) gibt es ja nun auch schon seit genau 30 Jahren, er war bis zur fünften Generation mehr so das Brot-und-Butter-SUV der Amerikaner, ab 2010 wurde er dann etwas höher positioniert, die aktuelle sechste Generation ist schon fast ein bisschen edel. Und sieht auch ganz gut aus – wenn man denn an mächtigen SUV Gefallen finden will. Und er wird seit diesem Jahr auch ganz offiziell wieder nach Europa exportiert, wenn auch nur als Plug-in-Hybrid. Was selbstverständlich einen eindeutigen Grund hat: nach WLTP kommt der sanfte Riese auf einen Verbrauch von 3,2 Litern und CO2-Emissionen von gerade einmal 72 g/km, jedes verkaufte Exemplar hilft also beim Flottenverbrauch, der gemäss den Vorgaben aus Brüssel (und Bern) gesamthaft ja 95 g/km nicht mehr übersteigen darf. Es ist klar, dass die Realität etwas anders aussieht, aber für die Berechnungen zählt ja nur die Theorie. Die Zahlen dafür: 3-Liter-EcoBoost-V6 mit 350 PS, dazu ein Elektromotor mit noch einmal 100 PS. Das ergibt eine Systemleistung von 450 PS und ein maximales Drehmoment von 840 Nm (die Angaben unterscheiden sich ein wenig von Land zu Land). Was wiederum für fürstliche Fahrleistungen sorgen soll: in 6 Sekunden von 0 auf 100 km/h, Höchstgeschwindigkeit 230 km/h.

Es geht also gut vorwärts – so man das will. Doch noch besser kann der Amerikaner selbstverständlich: Cruisin’. Das Fahrwerk ist (je nach Fahrmodus, aber Sport braucht hier niemand) sehr komfortabel ausgelegt, der Ford plättet Fahrbahnunebenheiten weg – auf der Langstrecke ist er absolut Business Class. Selbstverständlich sind enge Kurven nicht die Domäne dieses gewaltigen Wagens (man lächelt auf Cayenne & Co. herunter), doch man darf die Lenkung loben, sie ist für so ein SUV erfreulich präzis. Und angenehm leichtgängig beim Rangieren. Was übrigens trotz der Ausmasse kein Problem ist, es piepst allerorten – und der eckige Aufbau ist sehr übersichtlich. Hingegen braucht man fast ein Fernrohr, wenn man die Passagiere in der dritten Reihe noch sehen möchte. Dort sitzen nämlich nicht nur Kinder ziemlich angenehm, was auf für Kopf- und Beinfreiheit in der zweiten Reihe gilt. Sind alle Sitze aufgeklappt, verbleiben noch 240 Liter Kofferraum – ist alles unten, dann stehen hinter der elektrischen Heckklappe grossartige 2274 Liter Volumen zur Verfügung. Und 2,5 Tonnen Anhängelast sind auch noch möglich.

Sogar innen ist der Ford ganz nett – es ist dies kein Vergleich zu früheren Modellen, die als wahre Kunstwerke in der Hartplastik-Bearbeitung zu bezeichnen waren. Sicher gibt es übersichtlichere Arbeitsplätze und feinere Materialien und auch liebevollere Möglichkeiten der Verarbeitung ebendieser, doch erscheint uns der Explorer als ein kluger Mix aus genügend Luxus und ganz viel praktischem Nutzen. Die Sitze sind bequem, nicht wirklich überragend in Sachen Seitenhalt. aber das ist in diesem Fahrzeug ja auch gar nicht möglich. Weil er über viel Bodenfreiheit verfügt und auch einen ganz tauglichen Allradantrieb, wird man ihn auch einmal durch Schnee und Matsch und Dreck fahren – und ist dann froh, dass man nicht mit dreckigen Schuhen über feinstes Nappa-Leder und tiefe Schafswollteppiche schleift. Die Nutzen-Rechnung stimmt beim Explorer auf jeden Fall, auch wenn gut 87’000 Franken ein nicht gerade zurückhaltender Preis sind. Andererseits: ein ähnlich grosses SUV aus Deutschland oder Schweden kostet locker sechsstellig, noch ohne Ausstattung – beim Ford kann man nur noch die Metallic-Lackierung dazu bestellen, sonst alles dabei, etwa 712 Assi-Ssysteme, ein Glasdach, HiFi, fein. Und Plug-in-Hybride sind in der Schwergewichtsklasse eh noch ziemlich selten oder unglaublich teuer (siehe: Porsche Cayene Turbo S e-Hybrid) – da verzeihen wir dem Ford Explorer PHEV gern einige Kleinigkeiten.

Mehr Ford haben wir in unserem Archiv.

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